Aus: Ausgabe vom 26.11.2018, Seite 12 / Thema

Ein vergessener Klassiker

Vor 50 Jahren starb der Schriftsteller Arnold Zweig. In der DDR wurden die Bücher des sozialistischen Humanisten viel gelesen

Von Christel Berger
Stamps_of_Germany_(DDR)_1977,_MiNr_2199.jpg
»Unerschrockenes Denken gestaltet die Wirklichkeit – so wird der Schriftsteller zur wirkenden Kraft und zum Diener der Zukunft.« DDR-Briefmarke, 1977

Es ist sehr still um ihn geworden. Wusste in der DDR jedes Schulkind vom Sergeanten Grischa zu erzählen, der im Ersten Weltkrieg erschossen worden war, kennen heutige Leser den Autor oft nicht einmal mehr dem Namen nach. Der »Streit um den Sergeanten Grischa« stand dort im Lehrplan. Und während es unstrittig ist, dass Thomas Mann, der freilich heute auch nicht mehr allzu oft gelesen wird, ein Klassiker der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts ist, schweigen die Feuilletons der meisten Zeitschriften und Zeitungen schon lange, wenn es um Arnold Zweig geht. Auch vom 1996 begonnenen ehrgeizigen Projekt einer 27bändigen Werkausgabe im Aufbau-Verlag hört man wenig. Zu wenig Interessenten? Kein Geld?

Liegt es daran, dass Zweig nur in der DDR als Klassiker gefeiert wurde und er sein Bekenntnis zu diesem Staat nie zurücknahm? Vielleicht ist er auch nur vergessen, weil seine Romane – voller Geschichten, Weltbetrachtung und Wissen – zu anspruchsvoll sind und sich nicht »schnell« lesen? Oder sind gar seine An- und Einsichten überholt?

Verteidigung des Menschen

Arnold Zweig war nie laut oder gar anmaßend. Heinz Kamnitzer, ein Vertrauter, der ihn die letzten Jahre seines Lebens begleitet hat, beschrieb ihn als gütig und weise. Nichts Menschliches sei ihm fremd gewesen. »Ich vermag mich nicht an eine böse Bemerkung über andere zu erinnern. Falls man von jemand abfällig sprach, gab er nie Antwort. Er verteidigte nicht, sondern war still und traurig. Für ihn war der Mensch gut. Wo er sich anders darstellte, musste er krank sein und sollte vor allem einen Seelenarzt aufsuchen. Für ihn gab es Schurkenstücke, aber keine Charakterschurken, jedenfalls konnten sie es nicht von vornherein gewesen sein. Er hielt es für gegeben, dass irgendwann, besonders in der Kindheit, ihr Selbstgefühl beschädigt worden ist durch Menschen, die man ebenfalls falsch erzogen und verbogen hatte.«

Seit seiner Jugend litt Arnold Zweig an einer Augenkrankheit, so dass er sich gezwungen sah, seine Texte zu diktieren. Angesichts der Art und Weise, wie er schrieb – Geschehen und Betrachtung, historische Wurzeln und psychologische Gründe, Detail auf Detail verknüpfend, wieder darauf zurückkommend, neu verwandelnd – ist das eine nicht hoch genug zu bewundernde Konzentrations- und Gedächtnisleistung.

Arnold Zweig wurde am 10. November 1887 in Glogau (heute: Glogow) in der Provinz Schlesien geboren. Sein Vater war Spediteur und Sattlermeister und stand der zionistischen Bewegung nahe. Von 1907 bis 1914 studierte Zweig an den Universitäten Breslau, München, Berlin, Göttingen und Rostock mit dem Berufsziel eines Oberlehrers für Germanistik, moderne Sprachen, Philosophie, Psychologie, Kunstgeschichte und Nationalökonomie. Und so vielfältig war auch sein Wissen, zumal er nie aufhörte zu lernen. Er wurde kein Lehrer. Bald schrieb der junge Mann nicht nur in Zeitungen und nicht nur über Literatur, er machte auch welche. 1912 wurde er mit »Novellen um Claudia« bekannt. Das sind Erzählungen aus dem Leben junger Intellektueller. Zweig handelte von Problemen und Umständen junger Menschen, die sich aufgeklärt und frei fühlten und dennoch im eigenen Alltag Hemmnisse spürten. Stoffe und Darstellung erinnern an den frühen Thomas Mann oder auch an Stefan Zweig, mit dem er den Namen teilte, aber nicht verwandt war.

1914 begrüßte Zweig wie viele andere in patriotischer Verblendung den Krieg, und dieser Krieg war es, der ihn als Schriftsteller nachhaltig geprägt hat. »Schwermütig, fast tollwütig«, so Heinz Kamnitzer, sei er zurückgekehrt. Erst eine psychoanalytische Behandlung half ihm, das Erlebte zu verkraften. Es hatte ihn auch besonders hart getroffen. Der junge jüdische, etwas weltfremde Intellektuelle wurde als Armierungssoldat an der Westfront eingesetzt. Das hieß, er musste mit seinen Kameraden Gräben ausheben, Bunker bauen und Straßen anlegen. Die Kameraden, das war »das Volk« – Landarbeiter, Bäcker- und Fleischergesellen, Industriearbeiter, Maurer und Knechte aus allen Teilen des Deutschen Reichs. Zweig lernte sie bei härtester Arbeit unter den Bedingungen des Drills, der Kälte, des Drecks, der Gefahr kennen. Er schlief mit ihnen in den Unterständen auf Strohsäcken, teilte mit ihnen die Läuse und die Wassersuppe. Ab 1917 wurde er Mitarbeiter der Presseabteilung des Oberbefehlshabers Ost. Hier erlebte er die »Etappe«: die Angst, an die Front kommandiert zu werden, das Bestreben, so viel wie möglich aus dem besetzten Gebiet herauszuholen und die Allmacht der Offiziere. Es gibt von Zweig den bezeichnenden Satz: »Der Krieg ist der Vater allen Rückschritts.«

Nach 1918 zog Zweig an den Starnberger See. Es begann eine lebenslange Freundschaft mit dem Schriftsteller Lion Feuchtwanger und dem Psychoanalytiker Sigmund Freud. Respekt- und liebevoll gingen sie miteinander um. Zweig überschrieb seine Briefe mit »Vater Freud«, und Freud antwortete mit »Meister Zweig«. Dieser verehrte Freud wie einen Hausgott. Vier Jahre lebte Zweig in Bayern, dann siedelte er angesichts des immer stärker werdenden Antisemitismus, dem er als bekannter Jude ausgesetzt war, nach Berlin um. Dort entstanden Schauspiele, Novellen, Essays und auch Gedichte.

Grischa

Im Herbst 1917 hatte der Armierungssoldat Zweig durch einen Unteroffizier der Justizabteilung in Ober Ost vom Schicksal eines russischen Kriegsgefangenen erfahren, der von den deutschen Militärs als Überläufer erschossen worden war, obwohl er nachweisbar ein entflohener Kriegsgefangener war. Der Fall elektrisierte den Schriftsteller, doch lange wusste er nicht, wie er ihm literarische Gestalt geben sollte. Zuerst versuchte er eine Bühnenfassung, für die es kaum Interesse gab. Jahre nach der Fabelfindung und mit genügend Abstand zum Kriegsgeschehen entschloss sich Arnold Zweig zu einem Roman. Im Mittelpunkt steht eben jene Geschichte des zum Tode verurteilten Russen. Um das dem Kriegsrecht widersprechende Urteil kämpfen zwei verschiedene Kräfte – auf der einen Seite der Rittmeister von Brettschneider und der Generalmajor Albert Schieffenzahn, die Grischas Hinrichtung fordern, auf der anderen Seite Kriegsgerichtsrat Posnanski, Oberleutnant Winfried, Schreiber Bertin sowie Exzellenz von Lychow, der aus einem Roman Fontanes stammen könnte. Natürlich verlieren in diesem Krieg »die Guten«.

Das Buch erschien seit dem Frühsommer 1927 zunächst unter der Überschrift »Alle gegen einen« in der Frankfurter Zeitung. Die im folgenden Jahr vorgelegte Buchausgabe trug den Titel »Der Streit um den Sergeanten Grischa« und begründete den Weltruhm des Romans. Er wurde in 17 Sprachen übersetzt, erschien in hohen Auflagen und erregte die Gemüter. Die alten Krieger sahen in dem Buch die »Verhöhnung preußischen Soldatentums zugunsten jüdischer Bataillonsschreiber«, die Beleidigung soldatischer und völkischer Ehre (Deutsches Adelsblatt). Lion Feuchtwanger und Kurt Tucholsky lobten den Roman. Aus heutiger Sicht ist das Buch die erste kritische literarische Auseinandersetzung mit dem Krieg (Ludwig Renns »Krieg« und Erich Maria Remarques »Im Westen nichts Neues« erschienen erst kurze Zeit später), wobei es nicht allein um den Ersten Weltkrieg geht, es geht um den Krieg schlechthin, um Humanität und Menschenwürde.

Grischa ist eine wunderbare Figur: Gutmütig, hilfsbereit, stark, arbeitsliebend, naturverbunden, ein Mensch mit einem ungeheuren Freiheitsdrang und großer Menschenliebe, einer aus dem untersten Volk, der erst allmählich begreift, was die Deutschen mit ihm vorhaben, und der es lange nicht glauben kann. Wo gab es schon eine solche Figur in der Literatur?

Dass in der DDR dieser Grischa manchmal von Lobrednern oder amusischen Lehrern als eine Lichtfigur, als symbolischer Sendbote der Bolschewiki und Revolutionsgestalt schlechthin dargestellt wurde, ist einer übereifrigen Interpretation geschuldet. Grischa ist ein einfacher Mann, der nach Hause will und den Frieden herbeisehnt. Aber freilich ist er auch ein Mann aus Russland, woher damals eine große Sehnsucht und eine die Welt erfassende Hoffnung kam. Zweig ist immer dezent. Nie übertreibt er. Er deutet nur an. Auch am Schluss des Romans, wo mitnichten rote Fahne wehen, sondern lediglich der unerlaubte Stopp eines Zuges für einen in den Urlaub fahrenden kleinen Gefreiten signalisiert, dass da etwas im Gange ist.

Aber es ist nicht Grischa allein, die Protagonisten der verschiedenen Parteien sind ebenso inte­ressant und detailliert in ihrem Wollen und Denken beschrieben. Kein Schwarzweiß. Keine Helden auf der einen und Bösewichte auf der anderen Seite. Die Figuren werden von ihren sozialen Wurzeln her geschildert. Da steht das patriarchalische Preußen in Gestalt des Landjunkers von Lychow gegen den hochkommenden modernen Industrieadel. Da geht es um den drohenden Untergang eines Gemeinwesens, wenn Moral und Gerechtigkeit aufgegeben werden. Und der Krieg ist kein Schicksal, der über sie alle gekommen ist, er ist von Menschen gemacht, wird von Interessen bestimmt.

b Bild 183-S98597.jpg
Der Romancier Arnold Zweig war in der DDR auch Kulturpolitiker: Rede beim II. Kongress des Deutschen Schriftstellerverbands (4.7.1950)

Das klingt ein bisschen nach Theorie und Ideologie. Aber das ist das Bewundernswerte – Arnold Zweig erzählt dies alles. Und er erschüttert. Mehr als vierzig Seiten des Romans sind dem letzten Tag Grischas gewidmet. Wie er sein Grab gräbt, die Prozedur des Marsches zur Hinrichtung, der Pope, der Arzt, wie er den Mantel ab- und die Augenbinde anlegen muss, die schießenden Soldaten, die Krähe, die vorüberfliegt, und Grischas Entsetzen. Auch die Zusatzration Schnaps für die Soldaten wird genannt. Den ganzen Roman hat Zweig in 65 Vormittagssitzungen diktiert! »Der Streit um den Sergeanten Grischa« ist sein bestes Buch. Wer meint, es sei heute nicht mehr lesbar, mag auch Tolstois »Krieg und Frieden« ablehnen.

Kriegszyklus

Der Krieg hat Arnold Zweig nicht mehr losgelassen. Und so fügte er seinem »Grischa« Buch um Buch hinzu. Es wurde der Zyklus »Der große Krieg der weißen Männer«. Im Krieg sieht er die zugespitzte Situation der Zeit in ihren politischen, psychologischen und ökonomischen Zusammenhängen, ein Epochenbild. Dabei steht »Grischa« chronologisch im Mittelteil des Zyklus, der durch die Gestalt des Werner Bertin zusammengehalten wird. Bertin ist eine fiktive Figur, die viele Züge des Autors trägt. Er ist Armierungssoldat und Schreiber, Jude, junger Dichter, schüchtern, ein bisschen weltfremd. Allmählich nur lernt und reift er. Am meisten wohl in »Erziehung vor Verdun« (1935), wo der junge Mann durch die harte Schule eines Armierungssoldaten und zudem noch unter den Einfluss der beiden Sozialdemokraten, des Setzers Pahl und des Gastwirts Lebehde, gerät. Wieder ist es eine Ungerechtigkeit – die schikanöse Behandlung des Unteroffiziers Kroysing – gegen die sich Bertin und seine Freunde aufzulehnen versuchen und dabei immer deutlicher die Mechanismen des Krieges erkennen.

Vorher – 1931 – hatte Zweig mit »Junge Frau von 1914« die Vorgeschichte Bertins erzählt. Es ist ein Kriegs- und Liebesroman. Der junge Dichter Werner Bertin und die Bankierstochter Lenore Wahl lieben sich. Bei Ausbruch des Krieges fühlt er sich bemüßigt, dem »Ruf des Vaterlandes« zu folgen. Nach kurzer Ausbildung kommt er an die Front, und Lenore versucht in der Heimat alles, ihn – wenn auch nur für einen Urlaub – zurückzuholen. Sie setzt die Verlobung und gar die Heirat durch, aber Bertin muss nach wenigen Tagen zurück.

Zweig knüpft mit seiner sensiblen Darstellung an seine Vorkriegsnovellen an. Lenore ist eine moderne junge Frau, die liebt und kämpft, dabei die Veränderungen in der Heimat wegen des Krieges hautnah erlebt. Interessant ist, wie sehr sie sich von einer jungen modernen Frau von heute unterscheidet: Als sie Bertin noch während seiner Ausbildung in Küstrin besucht, überfällt dieser sie gegen ihren Willen während eines Spaziergangs im Walde. Sie lässt es zu, wird schwanger. Ihr Bruder hilft ihr, aber sie erlebt die Schmerzen einer Abtreibung, macht in einem langen Brief, den sie nicht abschickt, zwar ihrem Herzen Luft, aber kämpft weiter um und für den Geliebten. Arnold Zweig begründet die Vergewaltigung mit der Verrohung durch den Krieg. Ob das heutige, Me-Too-bewegte Frauen gelten lassen würden? Kaum vorstellbar, dass sie weiter um den Geliebten kämpfen würden? Der Roman ist dadurch nicht überholt, aber die Emanzipation ist seitdem doch fortgeschritten. »Einsetzung eines Königs« (1937), ein Roman, der chronologisch nach dem »Grischa« liegt, spielt wieder während des Krieges im Osten und behandelt die Rangeleien um die erhoffte Kriegsbeute. Noch nach 1945 setzte Zweig sein Lebensprojekt vom »Großen Krieg der weißen Männer« fort, in den 1950er Jahren erscheinen »Die Feuerpause« (1954) und »Die Zeit ist reif« (1957). Leider erreichten die letzten Bände nicht mehr die Kraft und literarische Dichte des »Grischa« oder der »Erziehung vor Verdun«.

Neben diesem Hauptkomplex interessierte sich Arnold Zweig, der früh seinen religiösen Glauben verlor, zeitlebens, vor allem in seinen großen Essays, für das Judentum. Nach einer ersten Reise nach Palästina schreibt er den Roman »De Vriendt kehrt heim« (1932), der schon damals die Spannungen zwischen Juden und Arabern in Palästina thematisierte.

Es verwundert nicht, dass der Humanist, der Jude Arnold Zweig, nicht in Nazideutschland bleiben konnte und wollte. Über die Tschechoslowakei, die Schweiz und Südfrankreich landete er 1934 in Palästina, in Haifa. »Ich ging in die Emigration, weil ich als freier Schriftsteller gegen die Vergewaltigung des Geistes, die Verhetzung der Völker, die Ausbeutung der arbeitenden Klassen, die Unterdrückung des freien Denkens und die Zerstörung der persönlichen Würde gearbeitet habe, seit ich 1911 mein erstes Buch erscheinen ließ«, schrieb er in der in der Sowjetunion erscheinenden Zeitschrift Das Wort. Aber in Palästina gefiel es ihm nicht. An Sigmund Freud schrieb er am 1. September 1935, er stelle »ohne Affekt fest, dass ich hierher nicht gehöre«. Und am 15. Februar 1936 ergänzte er: »Ich fühle mich falsch am Platze. Kleine Verhältnisse, noch verkleinert durch den hebräischen Nationalismus der Hebräer, die keine andere Sprache öffentlich zum Druck zulassen.« Sein Kontakt zu sozialistischen Autoren wurde enger. Louis Fürnberg und Rudolf Hirsch wurden seine Freunde und Berater. Zweig studierte Marx, Engels und Lenin, gab zeitweise eine Zeitschrift heraus, und schrieb an dem antifaschistischen Roman »Das Beil von Wandsbek«.

»Das Beil von Wandsbek«

1938 hatte er in der Prager Deutschen Volkszeitung folgende Notiz gelesen: »Selbstmord eines Henkers. – Die Hinrichtung von Jonny Dettmer und drei weiteren Antifaschisten wurde seinerzeit nicht dem Hamburger Scharfrichter, sondern dem Schlachtermeister und SS-Mann Fock aus Altona übertragen. Fock hatte gehofft, dass er mit den 2.000 Mark, die ihm die Hinrichtung einbrachte, sein Geschäft wieder in Gang bringen könnte. Nach und nach aber sickerte durch, dass er der Henker der vier unschuldigen Opfer des Faschismus gewesen sei. Daraufhin blieben immer mehr Kunden weg und der finanzielle Zusammenbruch war unvermeidlich. In seiner Verzweiflung erschoss der Schlachtermeister zunächst seine Frau und beging dann Selbstmord.« Wieder entwickelt Zweig aus einem speziellen Vorfall ein Zeitpanorama. Das Ehepaar Teetjen ist detailliert in seinen Geld- und Seelennöten gezeichnet, keineswegs einseitig und ohne Mitgefühl, und dennoch: Teetjen hat sich schuldig gemacht. Daneben agieren vor allem bürgerliche Kräfte wie die Ärztin Käte Neumeier, der Gefängnisdirektor Dr. Koldewey oder Pastor Langhammer, die mit der gesellschaftlichen Entwicklung überhaupt nicht einverstanden sind und sich letztlich – so am Ende des Romans erwähnt – dem Widerstand anschließen. Natürlich tummeln sich auch Nazis und Krieggsgewinner im Roman, denn wieder wollte Zweig ein Gesamtbild zeichnen, vielleicht sogar mit Hinweisen auf mögliche Kräftegruppierungen, die nach dem Sturz Hitlers Verbündete sein könnten. Der Roman erschien zuerst 1943 auf hebräisch, dann 1947 in New York und 1948 in London, auf deutsch 1948 in Stockholm, bis er 1949 durch den Fortsetzungsabdruck der Berliner Illustrierten den Nachkriegsleser in Deutschland erreichte.

Da war Arnold Zweig schon wieder in Deutschland, und zwar ganz bewusst in Ostberlin. Hier wurde er gefeiert, Straßen und Schulen wurden nach ihm benannt. Er genoss das nach Jahren der Entbehrungen. Die meisten seiner Bücher erschienen in hohen Auflagen. Er betätigte sich engagiert im Kulturbund, der Volkskammer und im PEN-Zentrum. Er, der nie in einer Partei gewesen war, nahm uneingeschränkt Partei für einen aufzubauenden Sozialismus. In der neu gegründeten Akademie der Künste wurde er, nachdem der hierfür vorgesehene Heinrich Mann gestorben war, Präsident. Er wollte, dass diese Institution, wie öffentlich proklamiert, das höchste Gremium für die Künste werde, wollte, dass die Künstler über ihre Angelegenheiten selbst entscheiden könnten. Da hatte er aber nicht mit der SED und den führenden Genossen gerechnet. Eine erste bittere Erfahrung war die Absetzung der DEFA-Verfilmung des »Beils von Wandsbek« (1951) mit Erwin Geschonneck als Henker. Mitleid mit einem SS-Mann, so etwas solle das Publikum nicht sehen, so das Argument. Da halfen Zweig auch die Akademiekollegen – Bertolt Brecht, Johannes R. Becher, Anna Seghers u. a. –, die in anderen Fällen an seiner Seite gestanden hatten, nicht. Zweigs Kunstkonzept war nicht ihres. Aber wäre es nicht auch wichtig gewesen, im nachhinein zu verfolgen, wie verschiedene Nazimitläufer in den Schlamassel geraten waren?

Anerkannt, aber einflusslos

In der Akademie mühte Zweig sich um Sachverstand und eine offene Atmosphäre – und unterlag. 1953 übernahm Johannes R. Becher die Präsidentschaft. Der war in der SED, von ihm hoffte und erwartete man, dass er eine sozialistische Akademie, wie sie sich die führenden Genossen vorstellten, durchsetzen würde. Zwar wurde Zweig später Ehrenpräsident und erhielt auch eine Menge hoher Auszeichnungen, doch das waren nur Gesten, die die Differenzen und seine Einflusslosigkeit verdecken sollten. Zweig – Kamnitzer hat es beschrieben – wurde nicht laut, aber oft traurig.

Mit seinen Büchern war er präsent. Als 1967 seine Gesammelten Werke in fünfzehn Bänden erschienen, freute er sich und fühlte sich endgültig zum Klassiker erhoben. Aber auch da wurden nicht alle Wünsche erfüllt. So fehlten doch die meisten wichtigen Essays. »Freundschaft mit Freud« lag ihm besonders am Herzen, doch die Veröffentlichung hatte in der DDR, wo man sich mit der Psychoanalyse schwertat, keine Chance. Das galt auch für »Bilanz der deutschen Judenheit«, »Caliban oder Politik und Leidenschaft«, und »Dialektik der Alpen« – allesamt Beiträge Zweigs, die sich mit Antisemitismus und deutsch-jüdischen sowie europäischen Problemen beschäftigten und Wesentliches zur geistigen Auseinandersetzung hätten beitragen können (in der neuen, 1996 begonnenen Werkausgabe sind sie enthalten).

So kennen die meisten Leser Zweigs vor allem den Romancier. Aber schon das bedeutet: Sie besitzen ein Universum an Welt- und Menschenverständnis. Aber da stehen wir wieder vor der Eingangsfrage: Wer verlangt das heute noch von Literatur?


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche: