Aus: Ausgabe vom 15.11.2018, Seite 10 / Feuilleton

Unter Vorantritt Bewaffneter

100 Jahre Novemberrevolution (8/10): Ein politisches und organisatorisches Gerüst

Von Leo Schwarz
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Ohne Schwierigkeiten übernahm Gustav Noske in Kiel den Vorsitz des Arbeiter- und Soldatenrates. Hier spricht er am 5. November als Beauftragter der Reichsregierung zu U-Boot-Besatzungen

Am 23. Januar 1919 sandte der Leiter der Polizeidirektion Hanau einen Bericht an seine vorgesetzte Dienststelle, in dem er sich über das »Gewaltregiment« des örtlichen Arbeiterrates beklagte. Am 31. Dezember 1918 hatte der die Arbeiter Hanaus zum Generalstreik und zu einer Demonstration aufgerufen. Eine »große Menschenmenge«, heißt es in dem Schreiben, folgte dem Aufruf »und durchzog unter Vorantritt Bewaffneter mit Plakaten, auf denen ›alle Macht für die Arbeiter- und Soldatenräte‹ gefordert wurde, die Stadt«. Mitglieder des Arbeiterrates hielten auf dem Marktplatz »aufreizende Ansprachen« gegen die »Mehrheitssozialisten, die Unternehmer und die Beamten und brachten die Menge derartig auf«, dass Teilnehmer der Demonstration in noch arbeitende Betriebe eindrangen »und mit der Drohung, im Weigerungsfalle ›keinen Stein auf dem anderen zu lassen‹, die sofortige Arbeitseinstellung erzwangen. Den Unternehmern wurde dabei in einer Weise, die kaum wiederzugeben ist, bedeutet, dass sie in ihren Betrieben nichts mehr zu sagen, sondern nur den Anordnungen des Arbeiterrats zu folgen hätten«. Als in Hanau für die Rätemacht demonstriert wurde, verbreitete der Kölner Arbeiter- und Soldatenrat gerade ein Flugblatt, das sich an die heimkehrenden Fronttruppen richtete: »Alle Soldaten und Bevölkerungsschichten sollen entsprechend ihrer Überzeugung friedlich nebeneinander leben und rote oder schwarz-weiß-rote Farben tragen. Kameraden! Denkt daran, dass wir alle Brüder sind! (…) Die endgültige Entscheidung über die zukünftige Regierungsform wird die Nationalversammlung treffen. Auch ihr seid berufen, bei den Wahlen zur Nationalversammlung mit zu entscheiden. Bis dahin übt Selbstzucht!« In Hanau »aufreizende Ansprachen« und eine bewaffnete Demonstration, in Köln ein Plädoyer für die nationale Verbrüderung von Sozialisten und Konservativen und die Bereitschaft, alle Entscheidungen der Nationalversammlung zu überlassen: Das etwa war die Bandbreite politischer Positionen, für die die deutschen Arbeiter- und Soldatenräte 1918/19 standen. Allesamt aber – ganz egal, ob »radikal« oder »gemäßigt« – waren sie den besitzenden Klassen verhasst; deren Kampf gegen die »bolschewistische Gefahr« war einfach ein Kampf gegen die Rätebewegung, bei dem es im Kern darum ging, jede politische Vertretung und Mitsprache der Arbeiterklasse jenseits einer so beschränkt wie möglich definierten parlamentarischen Repräsentation zu verhindern.

Höhepunkt und Bindeglied

Die politische Rätebewegung der Revolutionsmonate war Höhepunkt und Bindeglied einer Kette von Massenaktionen zwischen 1917 und 1920: Zu nennen sind hier die »wilden« Streiks in den letzten Kriegsjahren, deren Höhepunkt der Januarstreik Anfang 1918 war, zu dessen Beginn sich in Berlin erstmals ein überbetrieblicher Arbeiterrat als politisches Leitungsgremium konstituierte; die Streik- und Umsturzbewegung vom Oktober/November 1918, an der Millionen Menschen beteiligt waren und die in den Arbeiter- und Soldatenräte ein politisches und organisatorisches Gerüst fand; die aufs engste mit der Radikalisierung der Rätebewegung verknüpften Massendemonstrationen, Sozialisierungs-, Aufstands- und Streikbewegungen in der ersten Hälfte des Jahres 1919; zuletzt der Generalstreik gegen den Kapp-Putsch im März 1920, als zwölf Millionen Arbeiter in den Ausstand traten und die schon zerstörte Rätebewegung zumindest lokal noch einmal kurz auflebte.

Die Massenbewegung der Novemberwochen war eine spontane Bewegung gegen die herrschenden Klassen. Sie stützte sich in der Hauptsache auf die Arbeiterklasse. Man muss allerdings mitunter genau hinschauen: Wo die Verhältnisse vor Ort es zuließen, drängten auch Angehörige des Bürgertums in die Räte bzw. Offiziere in die Soldatenräte. Auch die vor allem in Süddeutschland gebildeten Bauernräte sahen manchmal recht sonderbar aus. Karl Liebknecht schrieb dazu schon am 21. November 1918 in der Roten Fahne: »Zahlreiche ›Bauernräte‹ sind entstanden, sie liegen nirgends in den Händen des ländlichen Proletariats, meistens in denen des mittleren und großen Grundbesitzes. Die Arbeiterräte sind keineswegs überall nur dem Proletariat entnommen und dessen eindeutige Vertreter; wir wissen Fälle, in denen die Arbeiter den geschickt sich anbiedernden Unternehmer oder andere feiste Bourgeois sich haben aufschwatzen lassen.« Dazu kam, dass sich rechtssozialdemokratische Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre von dem Augenblick an, als die Bewegung gegen ihren Widerstand – vom radikalen Flügel der Arbeiterbewegung angeschoben – ins Rollen gekommen war, flächendeckend und diszipliniert darum bemühten, die Kontrolle über die örtlichen Räte zu gewinnen. Zumindest in der ersten Phase der Revolution gelang ihnen das – etwa in Köln – auch ziemlich gut.

Im Sinne der Vermeidung

Die Ereignisse in Kiel Anfang November 1918 zeigen recht genau, von wem die Initiative zur Bildung von Räten ausging; sie zeigen auch, wie erfolgreich und leicht sich rechte Sozialdemokraten – hier konnte sich Gustav Noske ohne Schwierigkeiten zum Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates wählen lassen – im Zusammenspiel mit Vertretern des alten Regimes an die Spitze dieser Bewegung setzen konnten. Kiel gehörte zu den Städten, in denen die USPD schon kurz nach ihrer Gründung über eine handlungsfähige Organisation verfügte. Kieler Arbeiter hatten sich an den Massenstreiks im April 1917 beteiligt. Der Streik im Januar 1918 hatte hier drei Tage früher als in Berlin begonnen, beteiligt hatten sich etwa 24.000 Arbeiter vor allem der Werftindustrie – genauso viele wie im deutlich größeren Hamburg. Friedrich Ebert hatte den Marinestaatssekretär Eduard von Capelle in einem vertraulichen Gespräch im August 1917 auf die »sehr rabiaten Anhänger« der USPD in Kiel hingewiesen. In einem Bericht an den Chef des kaiserlichen Zivilkabinetts wurde Kiel im Oktober 1918 neben Neukölln, Braunschweig und Leipzig sogar als Zentralort einer »neuen«, kommunistischen Linken »außerhalb der unabhängigen Sozialdemokratie« ausgemacht. Kurzum, die Stadt an der Ostsee war 1918 ohne Zweifel ein Zentrum des organisierten und unorganisierten Arbeiterradikalismus. Diese Zusammenhänge sind seither in Vergessenheit geraten, und in vielen Darstellungen erscheint der Kieler Aufstand bis heute wie ein durch die Entscheidungen einzelner Offiziere provozierter Unfall. Im Gegenteil: Die agierten von Anfang an sehr geschickt. Admiral Wilhelm Souchon, der Gouverneur der Marinestation Ostsee, wandte sich am 3. November mit der Bitte nach Berlin, »einen hervorragenden sozialdemokratischen Abgeordneten hierherzuschicken, um im Sinne der Vermeidung von Revolution und Revolte zu sprechen.«

Morgen: Teil 9


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In der Serie Novemberrevolution 1918:

Novemberrevolution 1918

Die deutsche Revolution von 1918/19 ist, wenn nicht als Ereignis, so doch in ihren wesentlichen Voraussetzungen, Konfliktlinien und Ergebnissen, ein Jahrhundert später aus der erinnerten Geschichte verschwunden.

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