Gegründet 1947 Mittwoch, 20. Februar 2019, Nr. 43
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Aus: Ausgabe vom 24.11.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Durst

Von Volker Braun
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Draußen vor dem Schlafzimmerfenster gurrten Tauben und weckten ihn. Das Zimmer roch nach Blumenladen und kaltem Schweiß, er mochte den Geruch und erinnerte sich wie jeden Morgen beim Aufwachen an seine Frau und die geknautschten Bettlaken nach ihren Liebesnächten. Er dachte an ihren letzten Streit beim Frühstück, den sie beendet hatte mit der Frage: »Was willst du eigentlich von mir?« Entbrannt war dieser Streit am Tag nach ihrem Urlaub, es war ein Fehler gewesen, ihrem Wunsch nachzugeben, den Jakobsweg zu wandern in der Voreifel.

In einer Talsperre waren sie mit einem geliehenen Boot gepaddelt und er hatte das orange Adidas-Shirt getragen, was sie ihm geschenkt hatte mit dem Rückenaufdruck »von der schnellen Truppe«. Er hatte sich geweigert, einen kleinen dicken Hund zu retten, weil es nichts zu retten gab, und sie hatte gesagt: »Du Egoflasche!« Beim Nachhausekommen hatte sie sich das Ausziehsofa zurecht gemacht und sich beim Zähneputzen im Bad eingeschlossen. Dieser Jakobsweg, der angebliche Weg zu sich selbst, endete in der Sackgasse ihrer Trennung nach fast zehn Jahren Gefährtenseins. Problem war nur, dass er voll vor das blaue Schild mit dem roten Balken gedongt war, während sie mit der Klugheit, die nur Frauen eigen ist, die letzte Ausfahrt genommen hatte.

Zwei Jahre war das jetzt her, jeden Morgen hörte er in der Küche noch das Geräusch, wie sie das letzte Mal die Tür ins Schloss warf, und ihre sich entfernenden Schritte auf der Treppe.

Diese Frau hatte ihn nie so geliebt wie er sie. Aber wusste er das wirklich ? Hatte er sich je die Mühe gemacht, sie zu ergründen? Es blieb ihm das leicht wunde Gefühl in der Bauchgegend, zerfetztes Gewebe einer seinerzeit auf ein Menschenleben hingearbeiteten Struktur von Entwürfen.

Die vertrauten Gewohnheiten, auf die er nie geachtet hatte, kalte Finger auf heißem Teeglas, Butterränder auf knusprigem Brot, beobachtete er nun mechanisch, als ob er sich selbst auf Autopilot geschaltet hätte. Er hieß Durst, natürlich hieß er nicht Durst, aber alle nannten ihn so, und er hörte seinen Geburtsnamen nur selten, wenn er seine Mutter besuchte auf dem Land.

Er hielt inne. Klassikradio brachte Brahms. Draußen tunkte die Sonne die Bäume gelb, sie leckte schon die Wege.

Dursts Blick war unstet, und seine Augen blickten nervös Richtung Etagentür.

Seit 23 Jahren bewirtschaftete er eine kleine Trinkhalle mit Tabak und Süßwarenverkauf. Es blieb ihm noch Zeit bis zum Frühschichtbeginn, doch er stand auf, verstaute das Brot im Kasten und stellte sich im Flur vor den Spiegel. »Dich guckt keiner mehr an«, soufflierte er für den Spiegel, selbst in der Senkrechte setzte sein Doppelkinn auf seiner Brust auf. Na und, faltete seine Lippen zu einem Kuß, und dann erstarrte er. Sein Mund sah aus wie ein Fischmaul, das Plankton filtert, er schlug die Tür hinter sich zu, und in ihm brüllte es – das gibt es doch nicht, nein, das ist nicht wahr, dass kann doch nicht wahr sein, ich dreh durch, das gibt es doch nicht ... Sein Herz raste beim Trepperuntergehen, Panik erfüllte ihn. Kann denn ein Gehirn der eigene Gegner sein? Nach zwei Jahren kußfreier Zone spielte ihm dieses einen üblen Streich.

Außer sich oder wo auch immer er sich gerade befand, suchte er auf dem Weg zum Kiosk die Gegend nach Liebespaaren ab, machte sogar einen kleinen Umweg durch den Stadtpark, aber Knutschende waren nicht zu sehen. Selbst auf den Plakaten keine Küsse, nur Handys und Burger, totes metallisches Flirren, und er schon schwitzend im März auf der Suche nach der verlorenen Berührung. Seine erste Wüstenwanderung ohne Wasser.

Die Schicht verlief wie immer, Bierdosen kühlen, leere Dosen in den gelben Eimer, Wiener heißmachen, leeren Senfeimer wechseln, Flaschensammler weiterschicken, Snickers an Kinder und hinten Brötchenreste krümeln für die Tauben. Er gab ihnen auch Körner, die kaufte er beim Fressnapf hinter der Autobahn. Mittags kamen die Arbeiter, und er gab Schnaps raus.

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»Durst, wie sieht’s aus?« fragte Hugo, der Wachmann auf ewigem Rundgang. Durst flüsterte mehr: »Hugo, ich habe verlernt zu küssen!« Hugos Augen schmälerten sich, und er antwortete: »Das stört mich nicht, ich wollte eigentlich auch einen Jägermeister.« Die beiden mochten sich. Hugo tat zwar locker, aber in seinem Gesicht war ein fragender Ausdruck, und nachdem er die kleine leere Flasche in den Mülleimer zeckerte, sagte er dabei leise: »Gönn’ dir doch mal eine Stunde im erotischen Salon Seemannsliebe!« Dann bezahlte er und ging weiter rund. Ein Kind wollte einen Lottoschein abgeben, und Durst schenkte ihm Lakritz. Um vier kam Hanne, Langzeitstudentin mit Kurzhaarfrisur. Durst errötete, aber Hanne band schon die Schürze und zählte Wechselgeld.

»Wie lief’s?« fragte sie Durst, doch er zuckte nur mit den Achseln, zog seine Wildlederjacke an und setzte sich mit Kippe und Kaffeebecher auf die Einstiegsstufe des Verkaufswagens zu seinen Tauben. Die Schwarze mochte er besonders, sie kannten sich schon lange, und sie ließ sich von ihm streicheln, wenn er seine sehnige, flache Hand ausstreckte. Er dachte an den Mund seiner Ex, einen Mund wie ein Strich, und er suchte sich zu erinnern, wie sie ihn seinerzeit geöffnet hatte, um seine Lippen zu empfangen. Er dachte an die Berührung ihrer Zungenspitze im Hohlraum des Liebesuniversums, aber er fühlte nichts. Gar nichts. Es war so, als ob er sich nur noch vorstellen würde zu leben, aber schon längst tot war und die Lebenden beobachtete. Er spielte mit seiner Zunge im Mund und leckte den Speichel und beruhigte sich etwas. Das fühlte sich doch verdammt echt an.

Am Fahrradständer des Gymnasiums stand ein Paar eng umschlungen. Durst blieb stehen, vergaß seine Scheu und verbarg auch nicht seine Absicht zu spannen. Das Mädchen entdeckte ihn und drehte sich genervt weg, der Junge guckte ihn frech an. Er stolperte fast weiter. Er hatte sich jetzt völlig verloren, nur müde fühlte er sich und umgeben von Chancenlosigkeit und Märzkälte, die unter seine Jacke eindrang. Das »Hallo« eines vorbeieilenden Kunden erschreckte ihn und erinnerte Durst an seine Wirklichkeit. Da lachte er ... es war doch eh völlig schnurz zu wissen, wie ich eine Frau geküsst habe, wenn ich eh keine mehr küssen werde. Die Welt fragte nicht nach seinen Küssen, wie albern seine Nervosität war. Hugos Rat fiel ihm ein, zu den Huren zu gehen in der Alexanderstraße, er könnte doch fragen, ob eine ihn küssen könne und er sie zurück. Er blieb stehen, öffnete die Jacke, nahm seine Brieftasche raus und befühlte zwei Fünfzigerscheine. Das würde reichen. Es müsste passieren. Handyfotos lösten nichts aus und setzten in ihm nichts in Gang. Sich einzubilden, küssen oder nicht küssen sei doch egal, dieser Gedanke verscheuchte auch nicht mehr seine Panik.

Sein Herz donnerte, als er die Überwachungskameras auf dem Parkplatz des Puffs sah.

Am Empfang stand eine braunhaarige schöne Frau und zeigte in Zeitlupe zu einem freien Tisch herüber und sagte: »Was darf es denn sein mein Lieber?« Er bestellte einen Kognak und setzte sich. Eine junge Frau näherte sich kurz danach schon seinem Tisch, blieb vor ihm stehen und strich sich mit der Hand von unten nach oben über die eigene Brust. »Na«, sagte sie ohne Frageton und fordernd, er rückte zur Seite, und sie setzte sich. Ein Kellner brachte zwei Kognaks. Später im Zimmer fragte er sie unbeholfen, während sie sich auszog, nach einem Kuss: »Nur einen, zeig mir, wie es geht, ich zahle gut«, setzte er fort. Die junge Frau warf ihre Haare zurück und senkte die Augenlider. Leise sprach sie: »No, küssen läuft nicht, nicht im Programm.« Und während sie das sagte, legte sie ihm ihre Hand auf seinen Schritt.

»Bitte nur einen Kuss«, flehte er schon fast, da sprang die Frau auf, zog sich ihren Bademantel über ihre Nacktheit und schrie ihn an: »Raus, Vorspiel und Kognak 100 Euro, verschwinde!«

Er senkte die Augen und gab ihr das Geld und ging. Draußen auf der Straße blieb er stehen und fühlte Schnee und Verzweiflung im Wettstreit. Doch dann rief die Frau hinter ihm:

»Warte fünf Minuten!« Er wartete, dann drehte er sich um und sah die Frau auf ihn zukommen. Geschmeidig ihre Schritte, die einer Tänzerin, klein ihre Gestalt. Als sie vor ihm stand, sagte sie: »Setze dich da vorne hin, du armer Mann.«

Sie hieß Natascha, und sie war in Tiras­pol geboren, heute Transnistrien ... gestern einfach Sowjetunion. Sie sprach fließend sechs Sprachen. Er setzte sich auf die Besucherbank eines ATU-Autoladens neben den Puff. Sie setzte sich auch. Ihre Füße sah er, wie sie federten, sie nahm seine Hände, legte seine linke Hand auf ihre kleine Brust, beugte sich zu ihm und küsste ihm auf die Wange. Sie spitzte und faltete ihre Lippen, schob sie nach vorne und kickste nach innen. Jasminblüten vor seinen Augen, öffneten sich die Poren seiner Haut, ihre Zunge behielt sie schön für sich, aber er erwartete diesen tollen Muskel auch nicht auf seiner Backe. Würde er auch anders rauskriegen, wie sich einen Zungenkuß in ihm auftat und erquickte.

»So«, sagte sie, entfernte sich durch ein leichtes Zurücknehmen ihrer spillerigen Ellenbogen und stand langsam auf. Jetzt stand sie direkt vor seinem Gesicht mit ihrer Scham, im schwarzen Stoff gut zu erahnen. Doch er spürte keine Gier, sie stand einfach da, und er saß einfach da. Da sagte Natascha: »Was bist du nur für einer, so hungrig und so mönchisch! Ich glaube es dir jetzt, du bist wegen einem Kuss gekommen, und du hast ihn bekommen. So geh’, sonst werde ich traurig, na geh’ schon, na?« Er stand auf und verneigte sich vor ihr. Vielleicht wäre er seiner Neigung gefolgt, sich langsam auf die Knie runterzulassen und den Parkplatz zu küssen. Aber ein Monteur schaute schon, und er wusste eh nicht, wie er das fertigbringen sollte. Er drehte sich um und verabschiedete sich von ihr mit einem schwachen Winken und genoss sich, er, einmalig auf diesem Planeten in der Chancenparade. Was hatte er erreicht? Mehr als er zu träumen vermocht hatte. Er nahm sich die mentale Assistenz von Nataschas Leben in allen transnistrischen und sonstigen Angelegenheiten vor. Das Leben kann schon prächtig sein, dachte er.

Volker Braun, Jahrgang 1963, ist u. a. persönlicher Assistent für Schwerstbehinderte, lebt im Oderbruch

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