Aus: Ausgabe vom 10.11.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Internationale der Versprengten

Während des Ersten Weltkriegs wurden die französischen Wälder zum Rückzugsgebiet für Deserteure und Flüchtlinge verschiedenster Nationen – ein Auszug aus Alfred Döblins Roman »November 1918. Eine deutsche Revolution«.

Von Alfred Döblin
adsad.jpg
Deutsche Soldaten nach dem Waffenstillstandsabkommen vom 11. November 1918 auf dem Rückzug durch Frankreich

Wie von einem Fliegenschwarm wurde das rückwandernde Millionenheer von einer Wolke von Versprengten, Flüchtigen, Überläufern umgeben. Das große mörderische Unwesen der beiden Fronten hatte sich quer über das friedliche Land geworfen. Es hatte dem fruchtbaren Boden nicht viel ausgemacht, daß man ihn eine Weile mit Granaten und Bomben kratzte. Die Millionen Leichen waren ihm ungewohnt, aber er war auch auf dies Geschäft eingerichtet, und junge und alte Männer, Rekruten und Landstürmer, Gelehrte, Studenten und Bauern nahm er ohne Unterschied an. Alle empfing er, erstaunt, daß so viele auf einmal kamen. Aber er beruhigte die neuen Ankömmlinge und murmelte griesgrämig: Ihr seht ja, was ihr da oben habt, laßt es euch bei mir gut sein. Und ging mit allen auf die mildeste Art um, so daß sie die Gräßlichkeit oben bald vergaßen.

In den kleinen und großen Orten, in verlassenen zerschossenen Gehöften, in Erdlöchern, in den dichten französischen Wäldern hielten sich Scharen von Versprengten und Flüchtigen auf. Wenn man sie zusammenzählte, waren es viele tausend, und je länger der Krieg vorrückte, um so mehr wurden es. Diese Massen hätte vor dem Krieg keine Generalstreikparole bewegt. Was kein Donnerwort, kein politischer Befehl, keine pazifistische Belehrung zuwege gebracht hatte, bewerkstelligte der einfache Wirrwarr des Krieges. Franzosen, Russen, Deutsche, Soldaten und Zivilisten hockten beieinander und verteidigten sich gemeinsam – gegen den Krieg.

Wie war dies Treiben möglich geworden? Heimatbehörden, hohe und niedrige militärische Dienststellen auf beiden Fronten wüteten. Die Vermehrung der Feldgendarmerie nützte nicht viel. Wenn sie schon einmal den und jenen oder eine ganze Gruppe Landstreicher faßte, so strömten von Monat zu Monat mehr zu. Jede Offensive speiste ihre Zahl. Dies kam daher, daß es sich im Laufe der Jahre herumsprach, wie der Krieg aussah. Es folgten noch die meisten willig oder widerwillig dem Einberufungsbefehl, wie sollte man sich drücken, aber je näher viele der Front kamen, um so mehr wuchs der Wunsch, fern von ihr zu sein, und im Laufe der fünfzig langen Monate waren viele diesem Wunsch gefolgt. Sie hatten sich zum Freiwild gemacht.

In die Wälder, die abseitigen Farmen, die zerschossen lagen, wagten sich die Feldgendarmen nicht hinein. Es gab eine ganze Skala von resoluten Friedensfreunden: von denen, die sich nur irgendwo in einem Ort, vielleicht sogar nahe bei ihrer Heimat versteckten, arbeiteten und bei Nachforschungen verschwanden, bis zu denen, die eine notorische Räuberexistenz führten, selten einzeln, meist in Horden.

Es gab undurchdringliche Wälder in Nordfrankreich, da lebten Banden, während langer Monate des Krieges, gelegentlich in Gruppen zu drei und fünf, manchmal in Horden bis zu zwanzig. Sie standen mit der Zivilbevölkerung der Nachbarschaft auf gutem Fuß. Immerhin übten manche Rudel einen erpresserischen Druck auf Zivilisten aus. Sie versorgten sich bei ihnen durch Betteln mit Lebensmitteln. Dann gab es aber auch Horden, die sich geschickt den Verhältnissen anpaßten und ein weit verbreitetes Gewerbe übten, wozu sie besonders befähigt waren: den Schleichhandel und seine Vermittlung. Dazu wechselten sie die Quartiere und schufen gut eingerichtete Organisationen, von deren Tätigkeit – sonderbare Zusammenhänge – sogar Truppenangehörige der hintern Linien und der Etappen profitierten.

Man konnte ihnen schwer auf die Schliche kommen. Im Wald lebten welche in vorzüglich ausgebauten, unterirdischen Höhlen. Man hatte gelernt, Unterstände zu bauen und zu camouflieren. Wenn sich in der Regel auch nicht Feldgendarmen und militärische Patrouillen in dem Gestrüpp verirrten, so passierte es doch gelegentlich einfachen Bauern, die Grund hatten, die offenen Chausseen zu vermeiden, daß sie im stillen Wald plötzlich den Boden unter sich weichen fühlten und, während sie um sich schlugen, in einen gut metertiefen Abgrund rutschten. Aber was für einen Abgrund! Eine Menschenfalle? Ganz und gar nicht. Sie fielen zwischen fröhlich quietschende Ferkel und entsetzlich gackernde Hühner, denen sie im Fall nicht wohltaten. Und wenn die verunglückten Leute eine Weile unter dieser tierischen Musik sich vergeblich bemüht hatten heraufzukriechen – das ging schlecht, denn die Wände der Höhle waren oben eng wie ein Schornstein, nach unten aber liefen sie weit auseinander, und grade das Gegenteil muß sich der wünschen, der herausklettern möchte –, dann erschienen nach einiger Zeit, es konnten mehrere Stunden sein, oben Menschen, etwa eine Frau, und dann mehrere Männer, die mit Blendlaternen herunterleuchteten und nach einigem Palaver eine Strickleiter herunterließen, auf der man sich wieder dem lieben Tageslicht näherte, mit Erde, Schweine- und Hühnerdreck verziert. Die Leute oben besahen einen sorgfältig. Wer hier hineinfiel, wußte meist schon von ihnen. Sie erwiesen sich je nachdem streng oder freundlich. Ohne massive Strafandrohung wurde keiner entlassen. In den meisten Fällen endete aber solch Malheur mit der Anknüpfung neuer Handelsbeziehungen.

Einmal passierte einem Schlächter aus Douai das beschriebene Unglück. Es war ein älterer Mann, der nicht viel zu schlachten hatte. Er war im Interesse seiner Kinder bemüht, sich alle paar Wochen in der Welt nach Vieh umzusehen, das ein Erbarmen mit dem menschlichen Hunger hätte. Trübe, mit leeren Händen ging er eines Nachmittags durch den Forst, er konnte sich nicht entschließen, so zu Hause anzukommen, und machte den Umweg durch den Wald aus bloßem Ärger und professionellem Widerwillen gegen die Feldgendarmerie, die für die Aufrechterhaltung des menschlichen Hungers sorgte. Da stürzte er. Und was er sich nicht hatte träumen lassen, ereignete sich: er fiel zwischen Schweine. »Ist es die Möglichkeit«, dachte der Schlächter, »so verstecken die Leute ihr Hab und Gut? Sind das noch menschliche Zeiten?« Es war absolut dunkel unten, wenigstens im Augenblick. Er war auf sein Ohr und sein Gefühl beschränkt. Hühner gab es unten auch. Aber wo hielten sich die Leute auf, denen das gehörte?

Langsam gewöhnten sich seine Augen, und er besah mit Entzücken den vorhandenen Reichtum; der Schmutz und Gestank taten ihm wohl, es war ein nahrhaftes Aroma. Aber warum zeigte sich kein Mensch. Auf Klettern wollte der ältere Mann sich gar nicht erst einlassen. Es konnte aber, dachte er besorgt, immerhin einen halben Tag dauern, bis sich hier der Besitzer zeigte, der Mann würde dann kommen und sein Vieh füttern.

Und richtig, es war schon dunkel geworden, als sich endlich, wie er väterlich zwischen den lieben Schweinen und den guten Hühnern hockte, oben Stimmen vernehmen ließen, dann gab es ein Rufen, aha, sie haben etwas bemerkt, und dann leuchtete eine Blendlaterne herunter. Eine Männerstimme sagte: »Aha, da sitzt er.« »Einer?« »Ja. Was machen Sie da unten?«

Man sprach französisch. »Ich bin runtergefallen.« »Was treiben Sie sich hier herum?« »Ich bin Schlächter aus Douai, ich hab mich verlaufen, ich wollte nach Hause.« »Schlächter?« Darauf gab es oben ein großes Lachen. Man rief herunter: »Da wollten Sie sich wohl gleich billig unsere Schweine holen.« »Aber Herr.« »Sie sind ein Einbrecher. Wir werden Sie der Polizei übergeben.« »Lassen Sie mich heraus, Herr, ich werde Ihnen oben alles erklären.« Der Schlächter war gar nicht ängstlich, er fühlte nach dem Geld in seinem Rockfutter. Man schrie herunter: »Sind Sie verletzt?« Die Frage schien ihm erfreulich, so antwortete er: »Ja, ich hoffe nicht zu schwer. Am Knie.«

Nach ein paar Minuten, während derer die Laterne sich entfernt hatte, rief man wieder: »Haben Sie Waffen bei sich?« »Nein. Nur einiges Geld.« Darauf senkte sich die Strickleiter. Er kletterte fröhlich in die Höhe und ließ sich von einer mächtigen Lachsalve begrüßen. Sie betraf unter anderm den greulichen Zustand seiner Kleider. Ihm kam vor, wie er sich im Kreise dieser zehn Männer umsah (eine Frau stellte sich auch ein), als ob er einen und den andern von ihnen schon aus dem Ort kannte. Er bat um Entschuldigung, ihnen Unannehmlichkeiten bereitet zu haben, schilderte seinen Unfall, gab auf Befragen offen zu, daß er auf einem Schleichhandelsweg, leider ergebnislos, gewesen war. Er wollte nun gleich mit den Herrschaften in geschäftliche Verhandlungen eintreten. Aber da zeigten sie sich sehr zurückhaltend. Und kurz und gut, ihm wurde nach einem abseits geführten Gespräch bedeutet, daß er bis morgen, etwa bis gegen Mittag, hier bleiben würde. »Hier, ja warum, wo, in dem Dreck?« »Das nicht.« Man erkundigte sich nach der Höhe des Betrages, den er bei sich führte; er gab eine nach unten abgerundete beträchtliche Summe an. Dann teilte man ihm befriedigt und freundlich mit, daß man ohne Anwesenheit von zwei gewissen Personen in der Angelegenheit hier leider nichts machen könne. Und man ging mit ihm noch etwa zehn Minuten durch den Wald, stieg dann irgendwo plötzlich einige Erdstufen abwärts und war bald unter dem Rasen in einem von Brettern gestützten, leidlich warmen Raum, der freilich stark verqualmt war. An den Raum schlossen sich mehrere andere, weniger warme, aber stärker verqualmte an. Man sagte dem Schlächter, daß dieser Raum etwas höher als die andern liege, infolgedessen zöge sich der Rauch hierher. Zu ihrem Leidwesen müßten sie ihn grade in dem letzten, am höchsten gelegenen Raum unterbringen, wo noch zwei andere schliefen. (…)

Leicht verräuchert, aber dennoch ausgeschlafen nach einem soliden Abendessen kroch er morgens mit seinen beiden Leidensgefährten, den jüngsten Angehörigen der Horde, aus seinem Heulager in die vorderen, gewissermaßen Gesellschaftsräume. Dort wurde wunderbarer Kaffee in richtigen Tassen serviert, und man saß zu sechst faul um den Tisch auf Bänken herum. Die junge Weibsperson, die noch keine zwanzig Jahre war, vielleicht achtzehn, vielleicht noch jünger, feuerte den eisernen Ofen mit feuchten Holzkloben, die als Hauptübeltäter, nämlich als Qualmer allseitig beschimpft wurden, aber man konnte nichts dagegen machen, sie wurden in diesem Zustand von der Natur geliefert. Sie hatten auch Rotwein und Zigaretten; wer wollte, verlangte sie; der Schlächter bemerkte, daß das Mädchen alles aufschrieb; es war hier ein richtiger Schankbetrieb. Der Schlächter, abgesehen von einem quälenden Hustenreiz, befand sich recht wohl. (…)

Er wurde, während erst allein der Ofen, dann die Anwesenden, schließlich er selbst rauchte, neugierig, wie man es machte, so herrlich mit dem Krieg fertig zu werden, denn es gefiel ihm ausnehmend gut.

Man stellte ihm bereitwillig, als er ins Fragen kam, einen gewissen Scarpini vor. Dieser trug eine flache, ehemals weiße Mütze und spielte die Hauptrolle, nicht als Räuberhauptmann, sondern als Koch. Er war ein junger Mann mit einem blonden Schnurrbart in einem dummfrechen Gesicht. Er entschuldigte sich bei dem Schlächter wegen seiner unangemessen flachen Mütze, zeigte aber, als er sie abnahm, daß sie nach innen gefaltet war: »Die Räume sind so niedrig«, klagte der junge Mann, »es ist aber eine richtige Kochmütze.« Er war befriedigt, als ihm der Schlächter dies bestätigte.

Er erzählte, daß für ihn der Krieg eine wirkliche Erholung bilde. Er habe sich in diesem Krieg an der Front drei Jahre gründlich, aber gründlich ausgekriegt. Er sei bei ihm vollkommen auf seine Kosten gekommen. Von allen, die er im Krieg bei seinem Bataillon kennengelernt habe, habe er das größte Schwein gehabt. Er sei Maschinengewehrschütze gewesen. Früher habe er wie ein dummer Affe bei seinen Eltern auf dem Land gehockt, es sei zum Blödwerden gewesen; aber das hätte er eigentlich erst gemerkt, als er später in Urlaub kam. Die andern beim Bataillon, sein Korporal, Unteroffizier, Leutnant, alle hätten sich gewundert, was er für ein ungewöhnlich tüchtiger Kerl sei, aber er wußte das vorher kaum. Und nun ging es, in vollkommener Ruhe erzählt, vor den Ohren des entsetzten Schlächters los, Schilderungen von Angriffen, Grabenverteidigungen, eine gräßlicher als die andere. Das klatschte nur so von Voll- und Halbtreffern. Scarpini mit vier anderen an seiner Spritze, zu fünfen stehen sie einmal dabei, klatsch, liegen sie alle da, einer schreit, die Beine weg, die drei andern ein Mus, den man gleich nebenan mit einer Schippe einbuddeln muß, dabei sein bester Freund, und er selbst hat eine Schramme am Arm! »Manchmal war es mir selbst zuviel, wie wir unter den Deutschen hausten. Zuletzt haben wir einen neuen Leutnant gekriegt. Auf den habe ich grade gewartet. Er war stolz auf mich. Wie der einmal aufruft: Maschinengewehr Scarpini, war Scarpini nicht mehr da. Der Schützengrabenengel, der die Boches in den Himmel führte, war verschwunden.« »Warum?« fragte der Schlächter bekümmert, »wenn alle ausreißen, fressen uns die Boches.« Friedlich stimmte ihm Scarpini zu: »Leider blieb mir keine Wahl. Aber erstens konnte ich den Leutnant nicht leiden, der mich bis dahinaus lobte, es wurde mir ängstlich dabei, und dann wurde es einem schließlich zu dumm. Da sitzt du friedlich in deinem Loch, siehst eine kleine Gruppe ankommen, die wollen uns überraschen, aber wahrscheinlich haben sie sich verlaufen; da läßt du sie auf fünfzig Meter heran; wenn man mehr wäre, könnte man sie gefangennehmen, dann tacktackst du mit deiner Spritze, das ist nur ein Augenblick und pustest sie weg. Das hat früher mir jedesmal Spaß gemacht, aber auf die Dauer …« (…)

Mittags kamen die beiden Anführer, alles verschwand aus Sichtweite, sie beäugten den Schlächter und kamen nach einer halben Stunde ernst wieder. Der eine Anführer war ein Engländer, der andere ein Deutscher. Der Engländer stammte noch aus der Zeit der ersten großen Schlachten und hatte von der weit verbreiteten geheimen Organisation, die Leute über die holländische Grenze brachte, nicht mehr befördert werden können; und als Miß Cavells Zentrum in Brüssel verraten wurde, gab er die Hoffnung auf. Da es ihm zu riskant schien, sich gefangenzugeben und ihm in den großen Orten das dauernde Verstecken vor der deutschen Kontrolle nicht behagte, ging der tüchtige wütende Mann in den Wald zu andern und bewaffnete sich. Sie schlugen sich da bequemer durch. Wo er den Deutschen Schaden zufügen konnte, tat er es, aber nur im Beginn, die Rücksicht auf die Gruppe zwang allmählich zur Vorsicht. Und allmählich gab es nur eine einzige Moral: sich zu behaupten.

Immerhin hatten sich manche Gruppen recht hübsch, zivil, eingelebt. Der Engländer kannte natürlich den Schlächter, und schließlich stellte sich heraus, daß sie aus Douai gemeinsame Erinnerungen an Familien hatten, die den seinerzeit abgeschnittenen Engländer von den Royal Engineers vergeblich hatten weiterschieben wollen. Der deutsche Anführer stellte sich zu ihnen, eine rundliche, bärtige Erscheinung, ein Mann in den Vierzigern, er trug neue Offiziersgamaschen und einen kleinen verschlissenen Jägerhut; umgehängt hatte er sich einen neuen englischen Gummimantel. Solche Gummimäntel kamen damals an unerwarteten Stellen zum Vorschein, sie stammten aus einer zurückgeschlagenen Offensive und waren im Kriegsgetümmel englischen Gefallenen, auch deutschen abgenommen; später im friedlichen Handel gelangten die Mäntel als Beute in dritte, vierte Hand. Sie dienten unverdrossen weiter gegen den Regen, immer gegen denselben Regen, den die Menschen im Feindes- und Freundeslager verabscheuten. (…)

Der Schlächter mußte enorm für seine Verpflegung zahlen! Sonst geschah ihm nichts. Er hatte bei dem Abenteuer nur allerhand Erfreuliches gelernt, zum Beispiel, daß aus dem endlosen Elend Leute einen Ausweg suchten, wenn auch auf zweifelhafte Art. Er dachte, wie er im Regen wieder auf der Chaussee marschierte: wenn ich einen Sohn hätte und man würde ihn mir jetzt wegnehmen oder die Deutschen würden ihn zum Schippen anstellen, so möchte ich ihn doch lieber hier haben wollen. Das mal sicher.

Als er seiner Frau in aller Verschwiegenheit zu Hause sein Abenteuer erzählte, endete er: »Nu mach bloß keine großen Augen. Du würdest noch anders reden, wenn sie uns deportiert hätten oder ich soll für die Deutschen schippen.« »Aber Franzosen sollten doch …« »Franzosen sollten doch und sollten doch nicht. Es gibt mutige Leute an der Front. Mach dir keine Sorgen. Es muß auch Platz in der Welt für nicht mutige Leute geben. Man wird doch wohl noch das Recht haben, nicht mutig zu sein. Der Koch, der Scarpini mit der kleinen Mütze, erzählte grausige Sachen von draußen. Wie das kracht und einschlägt. Kannst du das vertragen?« »Aber ein Mann!« »Ein Mann. Ein Mann ist auch ein Mensch. Seit wann kann ein Mann alles vertragen. Ich könnte das Krachen nicht vertragen. Und mich hinstellen mit dem Messer und andere abstechen, nein. Ich bin Schlächter, aber das liegt mir nun doch nicht.«

Sie: »Wenn alle so denken, Moritz.«

Er wurde wütend: »Hör auf mit dem Blödsinn. Man wehrt sich ja. Aber darum kann es einem doch nicht passen. Denen vorne paßt es doch auch nicht. Wer ist denn schließlich richtig mutig? Ihr! Nur ihr! Ihr, die Frauen! Immer mit dem Mund.«

Die Frau war nicht zufrieden. Er: »Du hättest wohl lieber gehabt, ich hätte mich rüber befördern lassen? Sag bloß ja.« Sie: »Reg dich nicht auf. Du bist ja da – und wir sind zufrieden.« »Na also. Man verdient und macht seine Geschäfte.«

Und er saß noch lange da bei seinem heimlichen Rotwein und erzählte ihr von der Räuberhöhle, und als er schlafen ging, krönte er seine Ausführungen mit dem Satz: »Von allen, die mir im Krieg bis jetzt begegnet sind, haben mir die am besten gefallen! Und du kannst von mir denken, was du willst, Frau: wenn ich jung wäre, und es wäre Krieg und ich könnte es schaffen – denn man kommt nicht leicht in den Wald zu den Leuten –, dann ging’ ich zu ihnen.« Und schlug auf den Tisch: »Jawohl.«

Mit seinem Roman »November 1918. Eine deutsche Revolution« schuf der Schriftsteller Alfred Döblin (1878–1957) während seines Exils in Frankreich und den USA eine literarische Chronik der Ereignisse am Ende des Ersten Weltkriegs bis hin zur Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Die bei ihrem Erscheinen Ende der 1940er Jahre nur wenig beachtete Trilogie, die als eines der Hauptwerke Döblins gelten kann, schildert schonungslos den Verrat der Sozialdemokratie an der Revolution und stellt den Deutschen ein düsteres politisches Zeugnis aus. Aus Anlass des 100. Jahrestags des Endes des Ersten Weltkriegs am 11. November 1918 dokumentieren wir im folgenden einen Auszug aus dem ersten Band »Bürger und Soldaten 1918«. (jW)

Alfred Döblin: November 1918. Erster Teil: Bürger und Soldaten 1918. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2008


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage