Aus: Ausgabe vom 10.11.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kommt Zeit, kommt Unrat

Arnold Schölzel

Von Arnold Schölzel
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Vorwärts in die Vergangenheit: Koppelschloss eines Bundeswehrrekruten

Von Zeit zu Zeit springt der Theaterkritiker Martin Eich publizistisch in die Bresche, wenn dem guten Ruf der deutschen Streitkräfte seit anno Tobak Abbruch getan werden soll. Als z. B. im vergangenen Jahr Bundesverteidigungsministerin Ursula von der ­Leyen aus einigen Wehrmachtsdevotionalien in Armeebehausungen eine Staatsaffäre machte, veröffentlichte er am 27. Juni 2017 ein Interview mit dem Panzergeneral a. D. Christian Trull in der FAZ, das mit der Schlagzeile versehen war: »Eigentlich kann sie so nicht weiter führen«. Ein kleiner Aufstand gegen die Ministerin also. Trull sagte das, was Hans-Georg Maaßen mehr als ein Jahr später zu verstehen gab: Die da oben kann es nicht.

Allein war Trull mit seinen Ansichten in der Bundeswehr nicht, z. B. mit seiner Meinung zur Traditionsbildung der Truppe: »Das Abschneiden von den Soldatengenerationen der Wehrmacht und der kaiserlichen Armee ist (…) falsch.« Der Interviewer ergänzte das Geboller mit der weltschmerzlich durchhauchten Scheinfrage: »Können Politik und Gesellschaft in einer postheroischen Epoche überhaupt noch Verständnis für militärische Notwendigkeiten und Zusammenhänge haben?« Was Trull die dankbar ergriffene Gelegenheit gab, Zivilisten im allgemeinen und die an der Spitze der Armee im besonderen kasernenhofmäßig anzuknurren: Im Ministerium werde so getan, »als ob es im Grundbetrieb der Bundeswehr gar nicht um Töten oder Getötetwerden ginge«. Das sei »Ausfluss der überwiegend pazifistischen Ausrichtung unserer Zivilgesellschaft«.

Die völlig berechtigte Betonung der Kontinuität von Kaiserarmee über faschistische Wehrmacht bis zur Bundeswehr durch den Exgeneral hatte keine besonderen Folgen. Inspirierte aber vielleicht Martin Eich zu einem Artikel, der am 3. November in der FAZ erschien: »Als Deutschland den Frieden verlor. Vor einem Jahrhundert trieben meuternde Matrosen den Kaiser ins Exil. Vorkämpfer der Demokratie waren sie nicht«.

So ist das im Jahr 2018, wenn in der Bundesrepublik wieder die Bejubler von schimmernder Wehr und staatlich organisiertem Menschenschlachten schreiben: Die Völkermörder Kaiser, SPD-Führung und Heeresleitung sind traditionsstiftend, nicht aber diejenigen, die ihnen das Handwerk legten. Denn es waren keine Demokraten. Vernichtenderes kann im heutigen hochgerüsteten Biedermeier kaum gesagt werden. Es besteht der Verdacht: Die Matrosen von damals waren »Extremisten«.

Sie machten, legt der Autor dar, jedenfalls einen genialen Plan der Marineführung im Herbst 1918 zunichte. Admiral Reinhard Scheer, seit August Chef der Seekriegsleitung, »und der ihm unterstellte Admiral Franz von Hipper, sein Nachfolger als Führer der Hochseeflotte, wollten in letzter Minute Deutschland einen schmachvollen Frieden ersparen.« Es waren edelste Motive, mit denen die Schiffe nach dem verlorenen Krieg in Richtung England und ihre Mannschaften in den Tod geschickt werden sollten. Nur Lumpenpack war in der Lage, die Kessel zu löschen, rote Fahnen aufzuziehen. Eich unterschlägt das unwesentliche Detail, dass die Meuterer in der Marineleitung saßen: Sie enthielten der Reichsregierung ihre Pläne vor. Den Autor ergreift noch nach 100 Jahren das Entsetzen, wenn er schildert, dass im Januar 1919 in Wilhelmshaven die Reichsbankfiliale von Matrosen geplündert wurde und die Stadt »gemäß sowjetischem Vorbild zur Räterepublik« erklärt wurde. »Auf Bitten protestierender Einwohner schlugen loyale Offiziere und Berufssoldaten der ehemaligen Kaiserlichen Marine den Coup nieder.«

Das ist wahre Traditionsstiftung. Wendungen wie »Im Felde unbesiegt!«, »Dolchstoß« und »Novemberverbrecher« kommen bei Eich nicht vor. Noch ist es nicht so weit. Kommt Zeit, kommt Unrat.

So ist das im Jahr 2018, wenn in der Bundesrepublik wieder die Bejubler von schimmernder Wehr und staatlich organisiertem Menschenschlachten schreiben: Die Völkermörder Kaiser, SPD-Führung und Heeresleitung sind traditionsstiftend, nicht aber diejenigen, die ihnen das Handwerk legten.


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