Aus: Ausgabe vom 10.11.2018, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Lang ist’s her

Zu jW vom 26.10.: »Neue Bahnverbindung: Mannheim–Chongqing«

Schon wieder ein Erfolg in der Globalisierung! Aber wie wäre es, wenn die bahnunkundigen Herren aus den vielen Geschäftsführungen der DB-Chefetagen mal ihren Blick auf die Inlandsverbindungen werfen würden? Und auf die rechten Spuren der Autobahnen (…)? Gibt es da nicht viel mehr Gütertransporte, die auf die Schiene gehörten? Aber Langstrecken-Ganzzüge lassen sich ja viel einfacher organisieren. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Worte »Nachhaltigkeit«, »multimodale Logistik« und »zielführendes Marketing« für die Oberen der DB Sanskrit sind. Aber woher sollten Quereinsteiger aus der Politik, die noch nie etwas mit dem realen Leben der Bahn zu tun gehabt haben, so was auch kennen? Nicht wahr, Herr Pofalla (u. a.)? Schade nur, dass die vielen fleißigen Bahner, die was von ihrem Fach verstehen, kaum ein grünes Signal zum Aufstieg in Entscheidungshöhen bekommen. Das sind übrigens auch noch Brandspuren von Dürr, Sinnecker, Ludewig und Co. Deutschland hatte mal eines der besten Eisenbahnunternehmen der Welt. Aber lang, lang ist’s her …

Wieland König, per E-Mail

Für Landreform

Zu jW vom 3./4.11.: »Keine nationale ­Angelegenheit«

Der jW sei gedankt für die Replik auf den Diskurs linker Intellektueller zur Russischen Revolution, zeigt dieser doch die Unsicherheiten bei der Umsetzung marxistischer Theorie in die Praxis und eine Widersprüchlichkeit, die bis heute nicht bewältigt ist. (…) In Russland waren es auch die Bauern, die (…) die Oktoberrevolution getragen haben. In der Weimarer Republik ist die Abfindung der Kriegsveteranen mit Land von den Junkern im Sande verlaufen, was nicht wenige an der SPD zweifeln ließ und in die Hände der Faschisten getrieben hat. In dem Artikel heißt es, dass Rosa Luxemburg in der Landreform ein Problem deswegen sah, weil aus wenigen leicht zu besiegenden Eigentümern viele wurden und weil die im »Großgrundbesitz vorhandene Konzentration der Produktionsmittel den ersten Ansatz für die sozialistische Organisation der landwirtschaftlichen Produktion biete«. (…) Mit der EU-Agrarpolitik haben wir heute nicht nur eine gigantische staatliche Förderung der Flächenkonzentration, sondern auch eine vollkommene Industrialisierung der Landwirtschaft im doppelten Sinne: Anwendung industrieller Mittel und Methoden in der Landbewirtschaftung und Produktion für die Nahrungsmittelindustrie und die Handelskonzerne, die die Preise bestimmen. Nach Luxemburg wären wir damit auf dem besten Weg zum Sozialismus! Aber wir sehen das Gegenteil: einen Vormarsch kapitalistischer Eigentums- und Profitinteressen in der Landwirtschaft und eine Landwirtschaft, die in hohem Maße für den Klimawandel mitverantwortlich ist, vom Artenschwund und der Gewässerverschmutzung ganz zu schweigen. (…) »Eigentum« stellt nur dann wirklich ein Problem dar, wenn es sich über Großstrukturen erweitert und reproduziert. Eine weltweite Landreform ist nötig, die viele Kleinbauern schafft und die kleinbäuerlichen Existenzen auf allen Kontinenten sichert, deren Produktion um ein Vielfaches produktiver und ökologischer ist als die Großflächenlandwirtschaft. (…)

Hans Wöcherl, per E-Mail

Falsche Zahlen

Zu jW vom 5.11.: »Braune Störversuche«

Im Beitrag heißt es zu den Novemberpogromen in Nazideutschland: »Der faschistische Mob (…) ermordete – offiziellen Zahlen zufolge – mindestens 91 Menschen.« Mit den »offiziellen Zahlen« ist es so eine Sache. Nicht selten sind diese schlicht falsch. So auch in diesem Beitrag. Die Zahl 91 wird zwar von der »Landeszentrale für politische Bildung« in Baden-Württemberg genannt, aber (…) selbst Wikipedia setzt die Zahl mit 400 Opfern fest und bezieht dabei die unmittelbar in den Suizid getriebenen Opfer mit ein. Der NDR erwähnt in einer aktuellen Sendung 1.300 Menschen, die infolge des Pogroms starben. Und Hagalil geht in einem gut dokumentierten Beitrag von 1.300 bis 1.500 Opfern aus. (…) Es ist nicht gut und wird aus dem Beitrag auch nicht ersichtlich, weshalb hier die denkbar kleinste Opferzahl angegeben wird.

Niki Müller, Friedrichstadt

Organ der Siegerjustiz

Zu jW vom 6.11.: »Inszenierte Selbsttötung«

Es ist ernüchternd, dass nach der früheren vorbildlichen Berichterstattung der jungen Welt über Wesen und Gebaren des »Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien«, eines illegalen Organs der Siegerjustiz, geschaffen von den imperialistischen Zerstörern Jugoslawiens zur Besiegelung ihrer Geschichtsschreibung, Gerrit Hoekman es erstens mit dem »Internationalen Gerichtshof« verwechselt, der damit überhaupt nichts zu tun hat, und zweitens mit der Floskel, der kroatische Angeklagte Slobodan Praljak habe sich durch seinen Suizid »aus der Verantwortung stehlen« wollen, suggeriert, das Tribunal besitze die moralische Legitimität, die Anführer der Kolonisierten, welcher jugoslawischen Volksgruppe sie auch angehören, zur »Verantwortung« zu ziehen. Folgerichtig gibt er auch die Verbrechen, die Praljak vom Tribunal zur Last gelegt wurden, ohne distanzierenden Konjunktiv wieder, unterlässt aber den Hinweis, dass Praljaks Verantwortung nur darin bestandenen haben soll, diese als Kommandeur nicht verhindert zu haben. Die »kroatischen Nationalisten« schließlich, vor denen Hoekman so bange ist, haben wahrlich schon Übleres getan, als sich in gerechtem Zorn gegen die westliche Herrschaftsjustiz zu wenden. Nachdem in erster Linie Serben unter der Stigmatisierung durch das Tribunal zu leiden hatten (von mutmaßlicher Ermordung in Haft ganz abgesehen), wäre es doch eine Ironie der Geschichte, wenn die arrogante »gerichtliche Aufarbeitung« des Krieges durch die westlichen Kriegstreiber die gegeneinander gehetzten Völker in ihrer Ablehnung derselben wieder vereinte.

Sebastian Bahlo, Frankfurt am Main

Es wäre eine Ironie der Geschichte, wenn die »gerichtliche Aufarbeitung« des Krieges durch den Westen die gegeneinander gehetzten Völker in ihrer Ablehnung desselben wieder vereinte.

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