Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 10 / Feuilleton

Wer den Ton angibt

100 Jahre Novemberrevolution (2/10). Die demokratische Entschärfung

Von Leo Schwarz
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Soldaten demonstrieren gegen die Mehrheitssozialdemokratie, Berlin, Anfang Januar 1919

Die Frage, ob die deutsche Revolution von 1918/19 zur »Realisierung der liberal-kapitalistischen Agenda« beigetragen hat, wird im Umfeld ihres 100. Jahrestages auf einmal heftig bejaht. Die eben erschienene Monographie von Robert Gerwarth feiert sie als »größte aller Revolutionen« – »erstaunlich unblutig«, »erste deutsche Demokratie«! 2017 schon hat Wolfgang Niess sie als einen frühen Versuch zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland gedeutet: »Mehr als jeder andere deutsche Staat kann die heutige Bundesrepublik als Verwirklichung dessen gelten, was die Revolutionsbewegung von 1918/19 vor Augen hatte.«

Diese Aneignungen sind eine modifizierte und aktualisierte – das heißt hier: um alle kritischen und progressiven Aspekte bereinigte – Variante der für die Revolutionsforschung der Bundesrepublik seit etwa 1960 charakteristischen Annäherung an die nun als »demokratisch« vereinnahmte Massen- bzw. Rätebewegung der Revolutionszeit. Hatten sozialliberale Historiker damals allerdings noch hervorgehoben, dass die Republik von Weimar politisch und sozial in erster Linie Ergebnis des Scheiterns oder »Steckenbleibens« der »demokratischen« Revolution gewesen war, wird die Existenz dieser Republik bei Niess und Gerwarth einfach zu einem Sieg der revolutionären Bewegung umgedeutet. Etwas peinlich ist, dass diese Argumentation von einem Linken erfunden wurde: Der ehemalige Kommunist Arthur Rosenberg behauptete schon 1928, die »Massen« hätten 1918/19 nur die »bürgerliche Demokratie« gewollt, die radikale, revolutionär-sozialistische Linke sei schwach und ohne Einfluss und die Revolution selbst »die wunderlichste aller Revolutionen« gewesen, weil die Massen eigentlich »gegen sich selbst« rebelliert hätten.

Die Sprachregelung von der »demokratischen Revolution« war und ist in die im Laufe der 1960er Jahre herauspräparierte Vorstellung eines »deutschen Sonderwegs« eingebettet, die für sozialliberale Zeithistoriker jahrzehntelang den Rang eines Dogmas besaß. Sie besagt im Kern, dass die Entwicklung der deutschen Gesellschaft bzw. des deutschen »Nationalstaats« in verhängnisvoller Weise von einem westeuropäisch-nordamerikanischen/liberal-demokratischen »Normalweg« in die »moderne Welt« abgewichen sei. Die Revolution von 1918/19 erschien in dieser Perspektive nun als verpasste (oder nach Niess, Gerwarth usw.: genutzte) Gelegenheit zur »Demokratisierung« und »Modernisierung«.

Die »Sonderwegs«-Fraktion, als deren Wortführer lange Zeit der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler agierte, reagierte auffällig allergisch auf Kritik von links. Als die beiden marxistischen Historiker Geoff Eley und David Blackbourn in der ersten Hälfte der 1980er Jahre in einer Reihe von Veröffentlichungen anmerkten, dass die ganze »Sonderwegs«-Konstruktion auf einem »irreführenden und idealisierten Bild der historischen Entwicklung« in den Ländern des »Westens« beruhe und zudem in Deutschland schon vor 1914 nicht eine »vormoderne Elite«, sondern das Bürgertum den Ton angegeben habe, wurden sie von Wehler mit unheimlicher Aggressivität abgekanzelt.

Diese Auseinandersetzung ist von grundsätzlicher Bedeutung für die Deutung der Revolution von 1918/19. Wenn das praktische Resultat der Revolution, die Republik von Weimar, nicht als modifiziertes System bürgerlicher Herrschaft und Ergebnis einer Klassenauseinandersetzung analysiert wird, sondern als verunglückter (oder eben gelungener) Versuch, den westeuropäischen »Normalweg« zu betreten, dann werden zentrale Konfliktlinien und Ergebnisse der Revolution falsch verstanden oder überhaupt nicht bemerkt. Insbesondere fällt unter den Tisch, dass die »parlamentarische Demokratie« praktisch und ideologisch in ausnahmslos allen großen europäischen Staaten ein Ergebnis gesellschaftlicher Auseinandersetzungen der Kriegs- und frühen Nachkriegszeit war, in denen die politisch und sozial herausgeforderten besitzenden Klassen auf die massenhafte politische Mobilisierung und Aktivität der besitzlosen Bevölkerungsmehrheiten reagierten. In dieser Phase der Krise bzw. der Stabilisierung bürgerlicher Herrschaft in Europa, die von 1917 bis 1923 andauerte, fungierte die parlamentarische Demokratie als Auffang- und Haltelinie gegenüber einer (im weitesten Sinne) sozialistischen Massenbewegung. Sie band den rechten Flügel der Arbeiterbewegung an die liberale Strömung der bürgerlichen Politik bzw. machte die politische Perspektive der letzteren für die reformistische Arbeiterbewegung verbindlich; ihr allgemeines Versprechen an die Arbeiterklasse war Repräsentation im Staat, ihre unmittelbare Leistung für die Bourgeoisie war, dass sie die Fundamente der Klassengesellschaft aus der politischen Debatte und – natürlich – dem Bereich politischer Aktion heraushielt. In Deutschland vollzog sich dieser Prozess unter revolutionärem Druck, chaotisch und zum Teil gewaltförmig. Und rechte Sozialdemokraten waren zentrale Akteure einer Ordnungskoalition, die jede über den Parlamentarismus hinausgehende Aktion und Organisationform der Massen mit Gewalt zerschlug.


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Infos und Verweise zu diesem Artikel:

In der Serie Novemberrevolution 1918:

Novemberrevolution 1918

Die deutsche Revolution von 1918/19 ist, wenn nicht als Ereignis, so doch in ihren wesentlichen Voraussetzungen, Konfliktlinien und Ergebnissen, ein Jahrhundert später aus der erinnerten Geschichte verschwunden.

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