Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 4 / Inland

Kunstfreiheit und gute Laune

Band »Feine Sahne Fischfilet« freut sich in Dessau über unfreiwillige PR-Maßnahmen

Von Ulrich Peters, Dessau
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»Feine Sahne Fischfilet« am Dienstag abend in Dessau

Begleitet von Kundgebungen, hat am Dienstag abend die antifaschistische Band »Feine Sahne Fischfilet« in der Alten Brauerei in Dessau gespielt. Die Stiftung Bauhaus hatte am 18. Oktober den ursprünglich in ihren Räumen geplanten Auftritt als Reaktion auf Proteste von Neonazis, AfD und CDU abgesagt. Die Anmeldung einer Neonazikundgebung in unmittelbarer Nähe des neuen Veranstaltungsortes wurde kurzfristig zurückgezogen.

»Stabil bleiben. Gegen den Rechtsruck und für die Kunstfreiheit«, lautete das Motto einer Kundgebung der Bündnisse »Dessau nazifrei« und »Halle gegen rechts« vor dem Anhaltischen Theater in Dessau, an der rund 200 Menschen teilnahmen. Die stark in die Kritik geratene Direktorin der Stiftung Bauhaus, Claudia Perren, hatte sich ebenfalls angekündigt, war dann aber doch nicht erschienen. Dafür stattete »Feine Sahne Fischfilet« dem Bauhaus einen kurzen Besuch ab und überreichte eine »Urkunde zur PR-Aktion des Monats«, da die Absage ihres geplanten Konzerts im Rahmen der Reihe ZDF@Bauhaus weit über Sachsen-Anhalt hinaus Beachtung gefunden hatte.

Auf der Kundgebung selbst wurde diese Entscheidung scharf kritisiert. »Das, was die AfD fordert, praktiziert die CDU«, sagte der ehemalige Bauhausdirektor Philipp Oswalt mit Blick auf die politisch Verantwortlichen im Land. Unmittelbar nach Bekanntwerden des geplanten Auftritts hatten Neonazis in »sozialen Netzwerken« Proteste vor dem Bauhaus angekündigt; die AfD hatte den Unmut in rechtsbürgerlichen Kreisen befeuert und eine Absage des Konzerts gefordert, die dann tatsächlich auch erfolgt war. Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra (CDU), der auch der Bauhaus-Stiftung vorsteht, hatte die Absage am 24. Oktober im Magdeburger Landtag vehement verteidigt. Der Kreisparteitag der CDU in Dessau-Roßlau hatte einen Eilantrag verabschiedet und mit Blick auf das Konzert gar von einem »Schlag ins Gesicht des Rechtsstaates und der Polizisten, die diesem und der Gesellschaft dienen« gesprochen. Hier werde »kein Zeichen für die Kunstfreiheit gesetzt, sondern Linksextremisten Tür und Tor geöffnet«.

Die innenpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion Die Linke in Sachsen-Anhalt, Henriette Quade, fordert ein Ende dieser gegenseitigen Bezugnahme von CDU und AfD. »Die AfD führt seit dem Landtagswahlkampf 2016 auch einen Kulturkampf von rechts. Dass sie damit nun in Teilen erfolgreich war, gelang ihr nur, weil die Stiftung mit Unterstützung des zuständigen Ministers eingeknickt ist. Dass Teile der Landesregierung die Kampagnen der AfD fortführen, muss aufhören«, so Quade am Dienstag abend gegenüber junge Welt.

Gar nicht erfolgreich waren dagegen die Proteste von lokalen Neonazis. Die ursprünglich für 18.30 Uhr angekündigte Kundgebung in unmittelbarer Nähe der Alten Brauerei war nur eine Stunde vorher wieder abgesagt worden. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits rund 50 Menschen auf der Dessauer Brauereibrücke eingefunden, um unter dem Motto »Wir gedenken der Opfer des nationalsozialistischen Terrors« gegen die rechten Aktivitäten an diesem Tag zu protestieren.

Ausgelassen wurde es wenige Stunden später, als um 20 Uhr die Band »Neonschwarz« aus Hamburg den Konzertabend eröffnete. Im Anschluss daran begann der lang erwartete Auftritt von »Feine Sahne Fischfilet« in der ausverkauften Alten Brauerei. Und Sänger Jan »Monchi« Gorkow konnte der Debatte um das Konzert auch Positives abgewinnen. »Im Bauhaus sollten wir 45 Minuten vor einhundert Leuten spielen. Doch hier im Brauhaus sind wir sechsmal so viele«, sagte er zur Einführung. Außerdem habe man jetzt 90 Minuten Zeit. Die wurden dann auch voll genutzt.


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