Aus: Ausgabe vom 08.11.2018, Seite 4 / Inland

Extreme Mitte beleuchtet

»Autoritarismus-Studie« vorgestellt: Rechte Positionen in Gesellschaft verankert, AfD dient als Sammelbecken

Von Marc Bebenroth
01.jpg
Die vielbeschworene »Mitte« versucht stets, sich von solchen aggressiven Rechten zu distanzieren (Chemnitz, 27.8.2018)

In der »bürgerlichen Gesellschaft« werden menschenverachtende, fremdenfeindliche und andere klar rechte Positionen als »extremistisch«, außerhalb der »Mitte« verortet. Allerdings stellen Forscher der Universität Leipzig seit Jahren fest, dass gerade in jenem vermeintlichen Zentrum »rechts­extreme« Überzeugungen fest verankert seien. Mit Blick auf das abgefragte Wahlverhalten der Studienteilnehmer kommen die Autoren zu dem Schluss, dass Menschen mit äußerst rechten Ansichten sich tatsächlich von der CDU/CSU und der SPD abgewendet und in der AfD eine neue politische Heimat gefunden hätten.

Am Mittwoch haben in Berlin Oliver Decker und Elmar Brähler vom Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Uni Leipzig die Ergebnisse ihrer »Autoritarismus-Studie« vorgestellt. Da die Forscher ihren Fokus verstärkt auf autoritäre Charakterzüge richteten, sei die Umbennenung der bisher als »Mitte-Studie« bekannten Forschungsreihe erfolgt.

Im Ergebnis ist unter anderem der Antiziganismus in der Gesellschaft deutlich ausgeprägt. 60 Prozent der Befragten stimmen dem Vorurteil gegenüber Sinti und Roma zu, wonach diese Gruppen zum Begehen von Straftaten neigen. Die vorgelegten Ergebnisse würden den »dringenden Handlungsbedarf von Staat und Gesellschaft« unterstreichen, sagte der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, Mittwoch in einer Mitteilung zur Studie. Es heiße, »Antiziganismus und andere Formen von Menschenfeindlichkeit zu ächten«. Insgesamt stellt die Studie fest, dass Aggressionen gegenüber Sinti und Roma, Asylsuchenden und Muslimen stetig zunehmen. Auch die Muslimfeindlichkeit sei bundesweit mit 55 Prozent weit verbreitet.

Etwas mehr als 2.400 Personen wurden für die Studie befragt. Von ihnen wurden unter anderem der Schulabschluss, das Ausmaß der Berufstätigkeit und das monatliche Haushaltsnettoeinkommen abgefragt. Dabei fällt auf, dass diejenigen mit einem Hauptschulabschluss (ca. 30 Prozent) und die mit Mittlerer Reife (rund 33 Prozent) die Mehrzahl bilden. Von den Werktätigen arbeiten rund 45 Prozent Vollzeit, nur knapp drei Prozent in Teilzeit. Fast ein Viertel der Befragten bezieht Rente oder befindet sich im Vorruhestand.

Auch wenn bei den Angaben über Zustimmung zu oder Ablehnung von extrem rechten Positionen stets zwischen ostdeutschen und westdeutschen Teilnehmern unterschieden wurde, betonen die Forscher, dass es ihnen nicht darum gehe, »die Bevölkerung in einem Teil der Republik besonders herauszustellen«, wie es auf Seite 71 heißt. So sei auf der »Einstellungsebene« das Bild in Mecklenburg-Vorpommern ähnlich wie in Bayern. Aber »auf der Handlungsebene« lasse sich »zur Zeit eine stärkere Mobilisierung der extremen Rechten in Ostdeutschland« beobachten, wie die Autoren weiter schreiben. Eine Differenzierung zwischen Bewohnern ländlicher Räume und denen in urbanen Zentren fand jedoch nicht statt, wie Decker auf jW-Nachfrage am Mittwoch erklärte.

Den Befragten wurden Aussagen vorgelegt wie: »Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen.« Dem stimmten bundesweit rund 30 Prozent latent und wiederum 35,7 Prozent »manifest«, also »voll und ganz«, zu. Der Satz: »Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben«, fand ebenfalls rund 30 Prozent latente und 36,5 Prozent vollständige Zustimmung. Ähnlich fällt das Ergebnis zu der Frage aus, ob »unser Land heute« ein »hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen« gegenüber dem Ausland brauche.

Zwar würden die Ergebnisse dieser Studie keine besonderen Überraschungen bereithalten, wie Martina Renner, Sprecherin für antifaschistische Politik der Linksfraktion im Bundestag, am Mittwoch im Gespräch mit jW sagte. Sie liefere allerdings den wichtigen Nachweis dafür, dass der Rechtsruck in den Einstellungen auch mit dem Rechtsruck in den Parlamenten zusammenhänge. »Die AfD ist als Bindeglied zwischen Neonazis und bürgerlichen Rassisten gleichzeitig Motor und Profiteurin dieser Entwicklung«, so Renner.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland
  • Band »Feine Sahne Fischfilet« freut sich in Dessau über unfreiwillige PR-Maßnahmen
    Ulrich Peters, Dessau
  • Verkehrsminister will Autobahn in Hessen durch Investoren ausbauen lassen. Rechnungshof rügt Tricksereien
    Ralf Wurzbacher
  • Landkreis Hildesheim soll Konzern K und S Abwassereinleitung in Fluss erlauben
    Kristian Stemmler