Aus: Ausgabe vom 07.11.2018, Seite 12 / Thema

»Majestät, gengs’ heim«

Vor 100 Jahren wurde in Bayern die Republik ausgerufen. Die aus ihr hervorgegangene Münchner Rätedemokratie wurde mit brutaler Gewalt zerschlagen

Von Götz Eisenberg
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Es lebe die Revolution – Soldaten vor dem Mathäser-Bierausschank in München im November 1918

Mitte Oktober erschien in der Gießener Edition Georg-Büchner-Club unter dem Titel »Zwischen Anarchismus und Populismus« eine Sammlung von Texten des Sozialpsychologen Götz Eisenberg. Wir dokumentieren einen gekürzten Beitrag zur Geschichte der Revolution in Bayern, die mit der Absetzung des Königs Ludwigs III. am 7. November 1918 ihren Anfang nahm. Die Redaktion dankt Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Wann immer während der Son­dierungsgespräche und Koali­tionsverhandlungen im vergangenen Jahr der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer zu sehen war, der dann in der »Groko«-Regierung Minister für Inneres, Bauen und Heimat wurde, dachte ich: »Weiß der Seehofer überhaupt, wem er dieses Amt verdankt und auf wessen Schultern er steht?« Der Freistaat Bayern ist eine Frucht der Revolution von 1918. Am 8. November vor 100 Jahren wählte der spontan entstandene Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat Kurt Eisner zum ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, nachdem man am Tag zuvor die 738 Jahre währende Wittelsbacher Dynastie gestürzt und die Bayerische Republik proklamiert hatte. Eisner würde sich im Grabe rumdrehen, wenn er erführe, in wessen Hände sein Erbe gefallen ist.

Revolutionäre Euphorie

Die Revolutionen, die ganz Europa erschütterten, waren ein Produkt des Ersten Weltkriegs. Die deutsche Revolution begann in Kiel, wo sich am 4. November 1918 die Matrosen weigerten, sich in einem verlorenen und sinnlosen Krieg verheizen zu lassen. Das war das Fanal: In ganz Deutschland artikulierten die Massen ihren Unmut über den noch immer fortdauernden Krieg und die miserable Ernährungslage. Sie forderten den Sturz der Militärherrschaft und der Monarchie. Schon Anfang des Jahres 1918 hatte es landesweit Streiks gegeben, an denen sich über eine Million Arbeiterinnen und Arbeiter beteiligten. Ihre Hauptforderung, die auch der Schlachtruf der Bolschewiki gewesen war, lautete: »Frieden und Brot!« Regierung und Militär gingen mit aller Härte gegen die Streikenden vor, und so gelang es, das revolutionäre Potential noch einmal einzudämmen. In München hatte Kurt Eisner, der sich nach langer Mitgliedschaft und Funktionärstätigkeit in der SPD 1917 der USPD angeschlossen hatte, die Streiks der Metall- und Munitionsarbeiter organisiert. Der USPD fiel wegen ihrer kritischen Haltung zum Krieg, die sie zur Abspaltung von der SPD veranlasst hatte, in der Antikriegsbewegung eine Führungsrolle zu. Eisner wurde Ende Januar 1918 verhaftet und blieb bis kurz vor Kriegsende in Haft.

Die bayerische Revolution begann am Donnerstag, dem 7. November mit einer riesigen Friedenskundgebung auf der Theresienwiese. Es war der erste Jahrestag der Russischen Revolution, deren Strahlkraft ungebrochen war. Zu den circa 60.000 Menschen auf der Theresienwiese sprachen der Mehrheitssozialdemokrat Erhard Auer und Kurt Eisner für die USPD. Nachdem Auer, der sich den Behörden gegenüber für einen friedlichen und harmlosen Ablauf der Veranstaltung verbürgt hatte, mit einer kleinen Gefolgschaft abgezogen war, folgten die Massen Eisner in die Stadt. Man zog zu den Kasernen. Die Soldaten schlossen sich der Revolution an und brachten ihre Waffen mit. Zur selben Zeit befand sich König Ludwig III. auf seinem täglichen Spaziergang durch den Englischen Garten. Ein Arbeiter trat auf ihn zu, lupfte seine Kopfbedeckung und sagte zu seinem Noch-Staatsoberhaupt: »Majestät, gengs’ heim, Revolution is!« Ludwig ging tatsächlich heim, ließ packen und anspannen und zog sich mit der königlichen Familie auf irgendein Schloss im Hinterland zurück.

Die Republik wurde ausgerufen und Eisner zum Ministerpräsidenten ernannt. Eine Woge der Begeisterung und Entschlossenheit trug Eisner in dieser Nacht an die Macht. Die Stadt vibrierte vor Spannung und revolutionärer Euphorie, Straßen, Plätze, Kneipen und Bierkeller waren voller diskutierender und jubelnder Menschen, rote Fahnen wurden geschwungen, niemand wollte nach Hause gehen. Kurzum, es war Revolution.

Bayern war ein überwiegend agrarisches Land, und Eisner wusste, dass die Revolution auf die Unterstützung und das Wohlwollen der Bauern angewiesen war, die sie am ausgestreckten Arm verhungern lassen konnten. Dass Eisner mit dem blinden Bauernführer Ludwig Gandorfer untergehakt Arm in Arm den Demonstrationszug vom 7. November anführte, symbolisierte diese anfangs funktionierende Verbindung von Stadt und Land in der bayerischen Revolution. Gandorfer kam wenige Tage später bei einem Autounfall ums Leben, ein Verlust, der diesem Bündnis einen ersten Knacks versetzte. Eisner versuchte die Quadratur des Kreises, indem er darauf setzte, die Räte in einer Art Zweikammersystem mit dem aus regulären Wahlen hervorgehenden Landtag zu verbinden. Der Historiker Arthur Rosenberg nannte Eisner nicht ohne Grund den »einzigen schöpferischen Staatsmann der deutschen Revolution«.

Eisner blieben als Ministerpräsident für diesen Spagat 100 Tage, bis ein fanatischer Frühfaschist und Jurastudent namens Anton Graf von Arco auf Valley ihn über den Haufen schoss. Eisner befand sich am 21. Februar 1919 in Begleitung seines Sekretärs Fechenbach auf dem Weg in den Landtag, um seinen Rücktritt vom Amt des Ministerpräsidenten zu verkünden. Dieser Schritt war notwendig geworden, nachdem Eisners USPD bei den am 12. Januar 1919 durchgeführten Wahlen zum bayerischen Landtag lediglich zweieinhalb Prozent der Stimmen erhalten hatte. Zwei Monate nach Eisners triumphalen Einzug ins Wittelsbacher Palais machten die Wähler bei den Landtagswahlen die Bayerische Volkspartei, eine Vorläuferin der CSU, zur stärksten Partei, gefolgt von den Mehrheitssozialisten. Eisners Mörder führte ein Bekennerschreiben mit sich, in dem es hieß: »Mein Grund: Ich hasse den Bolschewismus, ich liebe mein Bayernvolk, ich bin ein treuer Monarchist, ein guter Katholik. (…) Eisner ist Bolschewist. Er ist Jude. Er ist kein Deutscher. Er verrät das Vaterland – also …« Bis zu dem Mord an Eisner war die Revolution weitgehend friedlich vonstatten gegangen. Mit dieser Tat, die postwendend andere nach sich zog, änderte sich das grundlegend.

Doppelherrschaft

Die Träger des revolutionären Prozesses waren die in Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten organisierten Massen, die auf eine Ausrufung der Rätedemokratie drängten. Auf der anderen Seite existierten die Institutionen einer bürgerlich-parlamentarischen Demokratie, auf die die alten Eliten und die Mehrheitssozialdemokratie eingeschworen waren. Für einige Wochen war alles in der Schwebe. Die Waage neigte sich mal der Regierung und dem Landtag, mal den Räten zu. Lange Zeit hatte der populäre Eisner beides ausbalanciert und einen Ausgleich zu schaffen gewusst. Nach Eisners Ermordung hatte sich der Landtag quasi aufgelöst und die Macht ging auf den Zentralrat über. In diesen entsandten die Räte aus dem ganzen Land ihre Delegierten. Auf dem Höhepunkt der Rätebewegung existierten in Bayern circa 7.000 Räte – angefangen von der betrieblichen und kommunalen Ebene bis hinauf zum in München tagenden Zentralrat, dem obersten Organ der Revolution. Es bildeten sich auch autonome Frauenräte. Sie forderten »Zentralhaushaltungen« mit vielen Familienwohnungen, in denen Essen, Heizung, Wäsche und vieles andere gemeinsam geregelt werden könnten. Auch Krippen, Kindergärten und Horte sollten an diese Haushalte angeschlossen sein. Ein Künstlerrat wurde ins Leben gerufen. Die Künstler verfügten über sechs Sitze im Zentralrat der Republik, Eisner wollte ihnen ursprünglich sogar 30 Sitze zusprechen. Sein Sekretär Felix Fechenbach reduzierte ihre Präsenz wegen der übermächtigen Eloquenz der geistigen Arbeiter.

Auf Massenversammlungen wurde mit Nachdruck eine »zweite Revolution« und die Ausrufung der Räteherrschaft gefordert. Der Sozialismus sollte von unten her, durch die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte seine menschliche Freiheit gewinnen, überall sollten die Räte zur zukunftsweisenden Einrichtung werden, ein so entstehender Bund Deutscher Republiken sollte auf ihnen beruhen. Nicht allen Befürwortern einer Rätedemokratie war indessen bewusst, dass diese auf Dauer nur auf der Grundlage sozialistischer Produktionsverhältnisse, das heißt einer konsequent durchgeführten Sozialisierung der industriellen und landwirtschaftlichen Großbetriebe, existieren kann. Verzichtet man auf diese Transformation, dann werden die alten Eliten und kapitalistischen Ausbeuter sehr bald die Herrschaft über Staat und Gesellschaft zurückerobern. Eine Entscheidung war also unausweichlich. Sie fiel am 7. April 1919.

Anarchistisches Zwischenspiel

»Am 21. März schlug die Nachricht von der Ausrufung der Räterepublik in Ungarn wie eine Bombe ein. Die Begeisterung des Proletariats war überschwenglich«, berichtet Erich Mühsam. Da auch in Österreich eine Revolution in der Luft lag, keimte bei manchen Linken die Hoffnung auf eine revolutionäre Achse Bayern – Österreich – Ungarn – Russland, in der sie eine Vorstufe der kommenden Weltrevolution erblickten. Eine besondere Dringlichkeit zu handeln ergab sich auch deswegen, weil durchgesickert war, dass am 8. April der nach der Ermordung Eisners auseinandergelaufene Landtag mit seiner bürgerlich-sozialdemokratischen Mehrheit zusammentreten wollte. Ernst Niekisch, der Vorsitzender des Zentralrats war, brachte aus Augsburg von den streikenden Arbeitern die Forderung mit, umgehend die Räterepublik auszurufen. In der Nacht vom 6. zum 7. April 1919 versammelten sich die Befürworter der Räterepublik und der Zentralrat im Wittelsbacher Palais, um die Proklamation vorzubereiten und die Liste der Volksbeauftragten zu erstellen. Ernst Toller berichtet: »Wo früher Zofen und betresste Lakaien herumwedelten, stapfen jetzt die groben Stiefel von Arbeitern, Bauern und Soldaten, an den seidenen Vorhängen der Fenster des Schlafzimmers der Königin von Bayern lehnen Wachen, Kuriere, übernächtigte Sekretärinnen.« Der bekannte Anarchist Erich Mühsam, der als Delegierter des Revolutionären Arbeiterrats anwesend war, brachte sich selbst für das Außenressort ins Spiel, wurde aber von seinem Freund Gustav Landauer zurückgepfiffen. Er sei für dieses Amt einfach zu radikal, und man könne sich nicht vorstellen, dass er Bayern bei den bevorstehenden Friedensverhandlungen mit den Westmächten vertreten könne. Landauer selbst wurde einhellig zum Beauftragten für Volksaufklärung, Erziehung und Unterricht bestimmt. Ihm zur Seite trat der Anarchist Ret Marut, der schon während des Krieges die pazifistische Zeitschrift Der Ziegelbrenner herausgegeben hatte und später im Exil unter dem Namen B. Traven ein vielgelesener Schriftsteller wurde. Er sollte in der Räteregierung für die Sozialisierung und Kontrolle der Presse zuständig sein. Dem Freigeldtheoretiker Silvio Gesell, den man ebenfalls dem anarchistischen Lager zurechnete, wurde das Finanzressort übertragen.

Irgendwann im Laufe der Nacht tauchte eine kleine Delegation der Kommunisten unter Führung von Max Levien in der Versammlung auf und ließ verlauten, dass man von seiten der KPD eine Mitwirkung ablehne. Die geplante Räterepublik sei eine »Scheinräterepublik« und könne nicht lebensfähig sein, es fehlten die inneren und äußeren Voraussetzungen; die Arbeiterschaft sei noch nicht reif, die Lage im übrigen Deutschland ausgesprochen ungünstig. Isoliert vom Rest Deutschlands könne eine bayerische Räterepublik auf Dauer nicht überleben. Das Ganze sei eine Finte der Mehrheitssozialisten, die auf ein Scheitern des Projektes spekulierten, um den Rätegedanken zu diskreditieren. Trotz intensiver Bemühungen, die KPD umzustimmen, blieben diese bei ihrer Weigerung.

Da man keine Vertreter der Mehrheitssozialisten in die revolutionäre Räteregierung aufnehmen wollte, trat Ernst Niekisch, der zu diesem Zeitpunkt formell noch Mitglied der SPD war, von seinem Posten als Vorsitzender des Zentralrats zurück. Ernst Toller von der USPD wurde sein Nachfolger und rückte damit in die Position des formellen Staatsoberhaupts. Niekisch war allerdings ohnehin skeptisch, was die Lebensfähigkeit dieser Räterepublik betraf, und hatte sich bei der Abstimmung über die Liste der Volksbeauftragten als einziger der Stimme enthalten. In seiner Autobiographie schrieb er später: »Es war morgens sechs Uhr geworden, ehe die Verhandlungen am Ende angelangt waren. Müde ging ich von der Sitzung ins Hotel. Ich stand unter dem Eindruck, eine politische Groteske miterlebt zu haben.«

Am nächsten Morgen wehte die rote Fahne auf dem Wittelsbacher Palais, und in ganz München wurden Plakate geklebt, auf denen zu lesen war, dass die Regierung Hoffmann für abgesetzt erklärt und der Landtag per Dekret aufgelöst worden sei: »An das Volk von Baiern! Die Entscheidung ist gefallen. Baiern ist Räterepublik. Das werktätige Volk ist Herr seines Geschicks.« Die Räteregierung nahm sofort ihre Arbeit auf. Ein Dekret verkündete die Sozialisierung der Presse, ein anderes die Bewaffnung der Arbeiter und die Schaffung einer Roten Armee, ein drittes die Beschlagnahme von Wohnraum zur Linderung der Wohnungsnot des Proletariats, ein viertes sollte die Versorgung der Städte mit Lebensmitteln regeln. Die bisherige Regierung unter der Führung des Mehrheitssozialisten Johannes Hoffmann floh aus München und zog sich ins konservative Bamberg zurück, wo man sich vom neu gebildeten Freikorps Epp beschützen ließ. Die Doppelherrschaft war also nicht zur Gänze beseitigt worden, sondern dauerte – auf ganz Bayern bezogen – fort.

Die Kommunisten übernehmen

Am Sonntag vor Ostern, dem sogenannten Palmsonntag, sandte die Regierung Hoffmann aus dem Bamberger Exil die Republikanische Schutztruppe, die zur persönlichen Sicherheit der Regierungsmitglieder gegründet worden war, nach München, um die Räteherrschaft zu zerschlagen und den Weg frei zu machen für ihre Rückkehr. Das Vorbild Hoffmanns war Reichswehrminister Gustav Noske, der im Januar in Berlin im Bündnis mit reaktionären Freikorpsverbänden den Spartakusauf­stand blutig niedergeworfen hatte. In München kam es am 13. April rund um den Bahnhof zu heftigen Kämpfen, bei denen es 17 Tote und mehr als 100 Verletzte gab. Es gelang schließlich, den Putschversuch niederzuschlagen, auch weil der größte Teil der in München stationierten Truppenverbände sich dem Umsturzversuch nicht angeschlossen hatte. Man hatte allerdings nicht verhindern können, dass Erich Mühsam und andere Vertreter der Räterepublik festgenommen und mit einem Sonderzug nach Ebrach ins dortige Zuchthaus transportiert wurden. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Mühsam dieser Verhaftung sein einstweiliges Überleben verdankte. Den zwei Wochen später einsetzenden weißen Terror hätte er wahrscheinlich nicht überlebt.

Die Kommunisten, die sich unter dem Kommando des ehemaligen Matrosen Rudolf Egelhofer tatkräftig an der Niederschlagung des Putschversuchs beteiligt hatten, hielten es nun für angezeigt, die in ihren Augen unfähige anarchistische Räteregierung zu entmachten und eine rein kommunistische Räterepublik auszurufen. Romantische, pazifistische Schöngeister könne man sich an der Spitze der Räterepublik nicht mehr leisten. Die KPD-Führung hatte mit Eugen Leviné einen ihrer fähigsten Strategen von Berlin nach München entsandt.

Leviné hatte bei seiner Ankunft in München am 10. März eine siebenköpfige KPD-Gruppe vorgefunden, die er innerhalb weniger Tage und Wochen in eine zwar immer noch recht kleine, aber straff geführte und schlagkräftige Parteiorganisation verwandelte. Eugen Leviné und Max Levien gaben der zweiten, kommunistischen Phase der Räterepublik ihr Gepräge. Levien und Leviné stammten aus Russland, hatten dort gegen den Zarismus gekämpft und Jahre in Gefängnissen und in der Verbannung verbracht. Das große Werk der russischen Revolution und die Bekanntschaft mit dem Genossen Lenin verlieh ihnen einen beinahe magischen Glanz und ihren Worten eine unerschütterliche Autorität. Ernst Toller berichtete, dass selbst erfahrene deutsche Kommunisten wie geblendet auf sie starrten, und der Satz »In Russland haben wir es anders gemacht« jeden Beschluss umwarf. Landauer bot der neuen Räteregierung seine weitere Mitarbeit an, wurde aber von den Kommunisten als Anarchist und Tagträumer zurückgewiesen. Toller durfte bleiben, wurde aber als Abschnittskommandant dem KP-Mann Egelhofer unterstellt. Die neue Räteregierung rief den Generalstreik aus, der zum Aufbau der Roten Armee genutzt werden sollte.

Die Konterrevolution marschiert

Nach dem Scheitern des Palmsonntagsputsches, für den im übrigen Krupp und andere Industrielle großzügig gespendet hatten, wandte sich Hoffmann von Bamberg aus hilfesuchend an die Reichsregierung in Berlin und bat Noske um militärische Unterstützung gegen die Räteherrschaft in der bayerischen Hauptstadt. Noske war gern bereit, dem bedrängten Parteifreund zu Hilfe zu kommen. Er rief seine Militärs und die Kommandeure verschiedener rechter Freikorps zusammen, um die Niederwerfung der Bayerischen Räterepublik zu planen. Insgesamt wurden über 50.000 Mann gegen die Verteidiger der Räterepublik in Marsch gesetzt, die über ungefähr 10.000 kaum ausgebildete und schlecht bewaffnete Arbeiter- und Bauernsoldaten verfügten. Auf dem Weg der weißen Truppen Richtung München wurden zunächst die Rätestrukturen in Augsburg zerschlagen.

Die Bürgerlichen und Rechten setzten Gerüchte in Umlauf und verbreiteten Schauergeschichte über die Räterepublik: In München würden die Frauen sozialisiert und müssten jedem Rätemitglied zu Willen sein, Mord, Plünderungen und Vergewaltigung seien an der Tagesordnung.

Der ideelle Überbau kleinbürgerlicher Geschlechtlichkeit ist eine ausschweifende pornographische Phantasietätigkeit. Überall sieht der um sein Glück betrogene brave »kleine Mann« die Kellerratten der Revolution »aus der Tiefe« hervorquellen, die in Wahrheit seine eigenen Wünsche nach einem Mehr an Lust symbolisieren. Er sieht nicht nur sein Kleineigentum bedroht, sondern auch die Festigkeit seiner Triebverdrängungen. Revolution und Konterrevolution finden immer auch innen statt. Das Proletariat ist im Bürger anwesend, in Gestalt seiner Bedürfnisse und Wünsche. Wenn es sich erhebt, rebellieren die unterdrückten Begierden im Bürger gleich mit, und indem er gegen das revolutionäre Proletariat vorgeht, geht es immer auch um seine eigene gefährdete innere Sicherheit. Es waren also eigene abgewehrte Triebwünsche und sadistisch gefärbte Mordphantasien der braven Bürger, die auf die »Spartakisten« projiziert wurden.

Auf dem Vormarsch der Weißen kommt es zu Massakern, die den in Berlin zu Beginn des Jahres ähneln. Ernst Niekisch berichtet: »In der Nähe von München, bei Puchheim, war ein russisches Kriegsgefangenenlager gewesen. Die Räteregierung hatte die Russen freigelassen. Die Freikorps griffen auf ihrem Vormarsch 52 dieser russischen Kriegsgefangenen auf, die nicht das mindeste mit der Münchner Räterepublik zu tun hatten, trieben sie in einen Steinbruch und ermordeten sie. Bei Starnberg trafen sie auf eine Arbeitersanitäter-Kolonne, die übte. Die Sanitäter wurden kurzerhand an einem Bahndamm niedergeschossen.«

Die Nachrichten über die von den Weißen begangenen Greueltaten veranlassten einige Rotarmisten, zehn im Luitpold-Gymnasium gefangengehaltene Geiseln zu erschießen. Ob sie im Auftrag höherer Stellen handelten, wie bis heute immer wieder behauptet wird, konnte nicht geklärt werden und gilt als eher unwahrscheinlich. Acht der Erschossenen waren Mitglieder der völkisch-nationalistischen Thule-Gesellschaft, der auch der Eisner-Mörder Graf Arco zuzurechnen war. Man hatte bei ihnen gefälschte Stempel der Räteregierung gefunden und faksimilierte Unterschriften ihrer Führer. Diese Erschießungen blieben die einzigen Hinrichtungen, die während der Rätezeit von den Revolutionären vorgenommen wurden. Das Geschehen im Luitpold-Gymnasium ging als »Geiselmord« in die Geschichte ein und wurde von den Feinden der Räterepublik und der rechten Presse propagandistisch ausgenutzt. Die Leichen seien verstümmelt und ihre abgeschnittenen Geschlechtsteile in Abfallkübeln aufgefunden worden. Als Tage später bekannt wurde, dass es sich bei dem Fleisch in den Kübeln um Schlachtabfälle von Schweinen gehandelt hatte und kein Mensch verstümmelt worden war, hatte die Lüge bereits ihre Wirkung getan und sich in den Köpfen der Leute festgesetzt. Der »Geiselmord« spielte in der bald einsetzenden rechten und faschistischen Mythenbildung vom »jüdischen Bolschewismus« eine große Rolle.

Blutiger Terror

Am 29. April fiel Dachau, wo Toller und seine Leute sich gegen die vorrückende Konterrevolution gestemmt hatten. Am 1. Mai brach der letzte Widerstand zusammen, und die regulären Truppen und die Freikorps marschierten ausgerechnet an diesem für die Arbeiterbewegung symbolträchtigen Tag in München ein. Es kam in der Stadt hier und da noch zu heftigen Straßenkämpfen, aber die Sache war verloren. Der »weiße Schrecken« begann nun auch in München zu wüten. Alles, was »spartakusverdächtig« oder »jüdisch-bolschewistisch« schien, wurde niedergemacht. Manchmal reichte es, lange Haare zu haben oder eine Brille zu tragen, um in Verdacht zu geraten und erschossen zu werden.

Auch Landauer wurde Opfer des weißen Terrors. Soldaten des Freikorps Epp stießen auf ihn im Haus der Witwe Eisner. Man transportierte ihn ins Gefängnis Stadelheim. Uniformierte Studenten, die sich den Freikorps angeschlossen hatten, drangen auf ihn ein und misshandelten ihn. Landauer sagte zu ihnen, wie verhetzt und irregeführt sie seien und dass sie sich zu Werkzeugen des Militarismus machen ließen. Major Freiherr von Gagern, der hinzukam, wurde zornig. Er fragte Landauer, wer er sei, und schlug ihn, als der seinen Namen genannt hatte, mit der Reitpeitsche ins Gesicht. Das war das Signal. Die Meute fiel über ihn her. Er wurde getötet von jenen, für deren Befreiung er sich zeitlebens eingesetzt hatte. Der Leichnam wurde geplündert und dann nackt in die Gefängniswaschküche geschleift.

Man rechnet damit, dass in der ersten Maiwoche rund 2.000 Menschen dem weißen Terror zum Opfer fielen. Sie wurden aus ihren Betten gezerrt, erschossen, erstochen und furchtbar zusammengeschlagen. Ein »bedauernswerter Zwischenfall« setzte dem wahllosen Morden schließlich ein Ende. Die Sieger füsilierten 21 katholische Gesellen, die sich ganz unschuldig und legal versammelt hatten. Übereifrige Bürger wollten etwas gesehen haben und denunzierten sie als Kommunisten. Danach wurde dem Lynchen von oben Einhalt geboten. Als das Gemetzel ein Ende gefunden hatte, kehrte die Regierung Hoffmann nach München zurück. Der bayerische Landtag wählte eine Koalitionsregierung, die sich auf die Sozialdemokraten, die Bayrische Volkspartei und die Demokraten stützte. Den Vorsitz behielt Hoffmann. Die wirkliche Macht im Lande lag bei einer fanatischen militärischen Gegenrevolution mit starken monarchistischen Sympathien. Die Mittelschichten waren beinahe komplett ins gegenrevolutionäre Lager umgeschwenkt. Als die Weißen in München einzogen, wurden sie von den Kleinbürgern und braven Staatswichteln von den Fenstern ihrer Wohnungen aus freudig begrüßt und mit Zigarren und Bier versorgt.

Nach der Niederwerfung der Räterepublik wurde Bayern eine Hochburg konservativer und nationalistischer Kräfte und galt als »Ordnungszelle des Reiches«. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

Götz Eisenberg: Zwischen Anarchismus und Populismus. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, Band 3. Verlag Wolfgang Polkowski, Edition Georg-Büchner-Club, Gießen 2018, 453 Seiten, 24,90 Euro


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Nach russischem Vorbild Deutschlands unvollendeter Bruch mit der alten Ordnung

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