Aus: Ausgabe vom 07.11.2018, Seite 4 / Inland

Ballermann im Szenekiez

Noch ein Hotelbau in Berlin-Kreuzberg: Anwohner rufen zu Protesttreffen auf

Von Peter Schaber
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Das Luxushotel am Oranienplatz hat in Berlin-Kreuzberg wahrlich nicht nur Freundinnen und Freunde

»Es reicht uns wirklich«, sagt Levent Konca. »Schon das Luxushotel am Oranienplatz, das vor einem Jahr aufgemacht hat, wollte hier niemand. Noch eines überspannt den Bogen.« Der 35jährige Aktivist ist Teil eines Kollektivs, das sich »Kiezkommune« nennt und gemeinsam mit anderen Initiativen ein Nachbarschaftscafé in der Kreuzberger Waldemarstraße betreibt.

Zu Fuß keine fünf Minuten entfernt von dem linken Laden, an der Skalitzer Straße 123, wird gebaut. Seit Monaten kursiert im Kiez das Gerücht, dass hier ein neues Hotel mit einer Shopping-Mall im Erdgeschoss errichtet werden soll. Genaueres zu den Plänen war bislang nicht bekannt. jW-Recherchen bestätigen nun: Tatsächlich entsteht hier ein Mammutprojekt, eine Kombination aus Hotel und Hostel mit einem großen Gewerbebereich. 148 Zimmer soll das Hotel haben, 105 das Hostel.

Für Konca und seine Mitstreiter eine Kampfansage. »Die Auswirkungen des Massentourismus in Kreuzberg sind für viele Nachbarinnen und Nachbarn spürbar. Die Airbnb- und Ferienwohnungen belegen Wohnraum, den wir besser nutzen könnten. Hotels wie das hier geplante tragen zur Verdrängung bei. Die Vermarktung der Nachbarschaft durch diverse Spekulanten und Profiteure zerstört gewachsene soziale Milieus«, beklagt der Kiezkommune-Sprecher. Die negativen Folgen des Massentourismus seien vielfältig, betont Konca: »Gentrifizierung und steigende Mieten gehören da genauso dazu wie die miesen Arbeitsbedingungen in Hostels und bei den Billigfliegern. Und die Dauerbesetzung unseres Kiezes durch Polizei soll den Gästen das nötige Sicherheitsgefühl für das entspannte Ballermann-Feeling vermitteln.«

Erste Proteste sind offenbar bereits geplant. Anwohnerinitiativen laden für den heutigen Mittwoch zu einem ersten »Treffen gegen den Hostel/Hotel- und Mall-Bau« in das traditionsreiche Kreuzberger Bethanien. Ein Bauprojekt, wie das für die Skalitzer Straße vorgesehene, führe »zwangsläufig zu weiterer Verdrängung durch Tourismus, noch mehr Konsumterror, steigenden Mieten, weniger kleinen Läden für den alltäglichen Bedarf«, heißt es auf Plakaten, die in der Nachbarschaft verklebt wurden.

Selbst die in Friedrichshain-Kreuzberg regierenden und eigentlich durchaus tourismusfreundlichen Grünen sehen das Hotelprojekt kritisch. »Wir finden es keine gute Idee, in einen ohnehin von Gentrifizierung und Verdrängung belasteten Bezirk noch ein großes Hotel zu bauen«, erklärte Julian Schwarze, Mitglied im Bezirksausschuss für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, am Dienstag gegenüber junge Welt. Die Genehmigung sei bereits in den Jahren 2013 und 2014 erfolgt, da hätte man noch eine Chance gehabt einzugreifen, so Schwarze. Es habe aber an Unterstützung durch den damals noch schwarz-roten Senat gemangelt. »Wir sind selber unzufrieden damit, dass das damals nicht verhindert wurde«, sagte er.

Die Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann äußerte sich am Dienstag gegenüber junge Welt ähnlich: »Der Neubau dieses weiteren Hotels in unserem Bezirk ärgert mich wahnsinnig.« Man habe genug Hotels und Hostels, »egal welcher Preisklasse«. Es brauche einen »stadtverträglichen Tourismus«, dazu gehöre »ein Hotelentwicklungsplan des Landes, der die Hotels über ganz Berlin verteilt«, so Herrmann. Für Friedrichshain und Kreuzberg aber könne man klar sagen: »Wir brauchen hier eindeutig keine weiteren Hotels.«


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