Aus: Ausgabe vom 07.11.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Drama im Armenhaus

Millionen Menschen im Jemen droht der Hungertod. Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht

Von Karin Leukefeld
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Millionen Menschen im Jemen sind auf Lebensmittelspenden angewiesen (Sanaa, 20. April)

Auch in dieser Woche steht der Krieg im Jemen nicht auf der Tagesordnung des UN-Sicherheitsrates. Beim Internetportal Relief Web, einem Informationsdienst des UN-Büros für die Koordination humanitärer Hilfe (OCHA), schafft es das Kriegsland nur auf Platz sechs der »Hitliste« internationaler Krisen und Katastrophen.

Dabei ist der Jemen nach Angaben von UNICEF-Regionaldirektor Geert Cappelaere eine »Hölle für Kinder«. Bei einer Pressekonferenz des UN-Kinderhilfswerks in Amman erinnerte Cappelaere am vergangenen Sonntag an das siebenjährige Mädchen Amal Hussein, dem die New York Times zuvor eine Titelgeschichte gewidmet hatte. Amal war am 1. November an Unterernährung gestorben. In den letzten Tagen vor ihrem Tod war das Kind in einer Krankenstation ernährt worden, konnte aber keine Nahrung mehr bei sich behalten. Um Platz für andere Patienten zu machen, wurde Amal aus der Klinik entlassen, ihren Eltern wurde geraten, sie zu einer Hilfsorganisation zu bringen, deren Einrichtung 15 Kilometer entfernt lag. Doch die Eltern brachten das Kind nach Hause, in eine Strohhütte in einem Flüchtlingslager. Geld für die Fahrt hatten sie nicht. Jedes Jahr sterben 30.000 Kinder, weil sie nicht genug zu essen bekommen und aufgrund der Unterernährung für Krankheiten anfällig seien, so Cappelaere. Es gebe nicht eine Amal im Jemen, »es gibt viele tausend«.

Im Jemen leiden 1,8 Millionen Kinder akut an Unterernährung, 400.000 sind täglich vom Tod bedroht. 40 Prozent davon leben in der Provinz Hodeida und in den angrenzenden Regionen, wo der Krieg am schlimmsten tobt. Hier ist nur noch ein Hospital in Betrieb, so der UNICEF-Koordinator. Das Al-Thaura-Krankenhaus liege weniger als zwei Kilometer von der Front entfernt.

Die Hafenstadt Hodeida im Westen des Landes am Roten Meer ist die einzige Möglichkeit, Hilfsgüter in den Jemen zu bringen. Bis zu 80 Prozent der jemenitischen Bevölkerung von rund 25 Millionen sind von diesem Hafen abhängig, so Cappelaere. Ein Angriff auf Hodeida, wie von der saudisch geführten Kriegsallianz seit langem geplant, würde sämtliche Hilfslieferungen in die Kriegsgebiete des Landes stoppen.

Nicht nur die Kinder leiden, acht Millionen Menschen sind auf Nothilfe angewiesen, so das UN-Nothilfeprogramm OCHA. Diese Zahl könne sich rasch auf 14 Millionen erhöhen, wenn der Krieg nicht bald eingestellt werde. Eine Waffenruhe aber werde nicht reichen, der Jemen brauche ein umfassendes Hilfsprogramm für den Wiederaufbau.

Den von Hunger geschwächten Menschen fehlt es an Gesundheitsversorgung, an sanitären Einrichtungen, an sauberem Wasser. Seit 2016 hat die Zahl von Cholerafällen im Jemen dramatisch zugenommen. Drei Millionen Inlandsvertriebene leben laut OCHA zumeist in schlecht ausgestatteten Lagern. Rund 900.000 Menschen sind nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in ihre ursprünglichen Wohnorte zurückgekehrt, obwohl ihre Häuser beschädigt oder zerstört und unbewohnbar seien.

Jemen gilt als das Armenhaus der arabischen Welt, Hunger gehört seit Jahrzehnten zum Alltag vor allem der rund 80 Prozent der Einwohner ausmachenden ländlichen Bevölkerung. Seit 1990 liegt das Land am unteren Rand des Index der menschlichen Entwicklung (HDI). Der HD-Index bewertet drei zentrale Errungenschaften menschlichen Daseins: langes, gesundes Leben, Zugang zu Bildung und ein guter Lebensstandard. Im Armutsbericht der Vereinten Nationen bildet der Jemen mit afrikanischen Staaten das Schlusslicht. Mehr als 20 Prozent der unter 25jährigen können weder lesen noch schreiben, mehr als 60 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze.

Rund 10.000 Menschen wurden seit Beginn des Krieges 2015 getötet, etwa 40.000 verletzt. Angriffe der saudisch geführten Kriegsallianz haben wiederholt zivile Versammlungen wie Hochzeiten, Beerdigungen, Schulausflüge, Märkte bombardiert. Dabei wurden oft Dutzende Menschen – ausschließlich Zivilisten – auf einmal getötet.

Die Jemeniten sind stolz auf ihre reichhaltige Kultur. Nicht nur der Islam, der im siebten Jahrhundert im Jemen Fuß fasste, auch die vorislamische Kultur haben Land und Menschen geprägt.

Die Altstadt und Stadtmauer von Schibam (Provinz Hadramaut) wurde 1982 als Weltkulturerbe anerkannt. Es folgten 1986 die historische Altstadt von Sanaa, 1993 die Stadttore und -mauern der historischen Stadt Sabid (Provinz Hodeida). Auch der im nordwestlichen Indischen Ozean nahe dem Golf von Aden gelegene Sokotra-Archipel, ein wegen seiner einzigartigen Vielfalt an Flora und Fauna bekanntes Gebiet mit Inseln und Felsen, wurde 2008 zum Weltkulturerbe ernannt.

Die Altstadt von Sanaa ist seit mehr als 2.500 Jahren bewohnt, rund 6.000 der turmähnlichen Häuser, 103 Moscheen und 14 Badehäuser wurden vor dem elften Jahrhundert gebaut. Die außergewöhnliche jemenitische Architektur belegt die Geschichte von Kultur und Entwicklung, die es in dieser Gegend lange vor der islamischen und vor der christlichen Zeitrechnung gab. Heute erschüttern Angriffe der von Saudi-Arabien geführten Kriegsallianz die alten Strukturen aus Lehm, erzählen Bewohner von Sabid und Sanaa. Risse entstehen, in Sekunden kann zerstört werden, was jahrtausendelang Bestand hatte.

Ende Oktober hatte die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (UNESCO) erneut die Zerstörung eines historischen Gebäudes zu vermelden. Die mehr als 1.000 Jahre alte Ahmed-Al-Fas-Moschee und ein Mausoleum an der Küste der Provinz Hodeida, unweit der historischen Stadt Zabid, waren absichtlich zerstört worden. Die UNESCO nennt keine Verantwortlichen für den Angriff, doch das jemenitische Ministerium für Religion und Führung (Awkaf) tut das. Bereits im Juni hatte es von einem Angriff auf die unmittelbar am Roten Meer gelegene Moschee berichtet. Verantwortlich machte das Ministerium von Saudi-Arabien unterstützte Al-Qaida-Kämpfer, die in der sogenannten Amali­ka-Brigade des Südens kämpften. Beim Angriff im Juni hatte die UNESCO geschwiegen.

1954 wurde bei der UNO die Konvention für den Schutz von kulturellem Eigentum in bewaffneten Konflikten verabschiedet. Darin werden Prinzipien für den Schutz von Zivilisten, Gemeinschaften und Kulturerbe benannt, dessen militärische Nutzung oder Angriffe darauf werden verboten. Für die saudische Kriegsallianz ist das keine Verpflichtung. (kl)


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