Aus: Ausgabe vom 05.11.2018, Seite 5 / Inland

Kein »Fels in der Brandung«

Test der EZB: Deutsche Großbanken würden einer mittleren Wirtschaftskrise nur bedingt standhalten

Von Milan Nowak
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Geht im Ernstfall unter: Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main

Wie widerstandsfähig sind die Großbanken im Bereich der Europäischen Union gegenüber wirtschaftlichen Schocks? Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Europäische Bankenaufsicht (EBA) haben am Freitag abend die Ergebnisse ihres Bankenstresstests veröffentlicht, um darüber Auskunft zu geben. Untersucht wurden 48 Banken von 15 EU-Mitgliedsstaaten, welche etwa 70 Prozent der Bankenvermögenswerte in der EU besitzen, darunter acht deutsche Banken.

Im Test wurde berechnet, wie sich die Kernkapitalquote der Geldhäuser bei einem Krisenszenario entwickeln würde. So lässt sich ablesen, inwieweit die Vermögenswerte der Banken durch Eigenmittel gedeckt sind. Das Szenario sieht einen Fall des Bruttoinlandsproduktes in der EU um insgesamt 2,7 Prozent von 2018 bis 2020 und eine Arbeitslosenquote von 9,7 Prozent vor. Auch ein Verfall der Immobilienpreise von 2018 bis 2020 um bis zu 20 Prozent wurde antizipiert.

Danièle Nouy, Vorsitzende der EZB-Bankenaufsicht, sagte am Freitag gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, die Banken hätten trotz härterer Kriterien besser abgeschnitten als 2016. Die Kernkapitalquote der untersuchten Banken liegt im Krisenszenario 2020 bei durchschnittlich 9,9 Prozent, während sie 2016 noch bei 8,8 Prozent gelegen hatte. Unter Bankenaufsehern gilt eine Quote von 5,5 Prozent als das Minimum, das Banken unter Stress noch vorweisen sollten.

Keine Bank ist durchgefallen, einige erzielten jedoch schlechte Ergebnisse. So würden die britischen Banken Barclays und Lloyds im Krisenfall nur noch 6,37 und 6,8 Prozent Eigenkapital vorweisen. Unter den italienischen Banken wären vor allem die Banco BPM und die Unione di Banche Italiane Società Per Azioni mit nur noch 6,67 und 7,46 Prozent Eigenmitteln hart getroffen. Auch die französische Société Générale gehört im Krisenszenario mit 7,61 Prozent zu den Sorgenkindern. Als besonders robust bewährten sich die belgischen, niederländischen und schwedischen Banken.

Die acht untersuchten Banken aus der BRD landeten im Mittelfeld. Allerdings ist dies nur der Durchschnittswert. Der Bankenstresstest ergibt, dass die Kernkapitalquote der Deutschen Bank zwischen 2017 und 2020 von 14,03 auf 8,14 Prozent sinken würde, also um über 40 Prozent. Die Deutsche Zentralgenossenschaftsbank (DZ-Bank) würde im selben Zeitraum von 13,74 Prozent auf 8,97 Prozent Eigenmittelanteil sinken und somit knapp 35 Prozent verlieren.

Das Schlusslicht wären jedoch nicht die beiden Privatbanken, hinter ihnen läge noch die Norddeutsche Landesbank (Nord-LB): Laut Krisenszenario würde ihre Kernkapitalquote von 11,92 Prozent auf 7,07 Prozent sinken, sie würde also mehr als 40 Prozent ihres Puffers einbüßen. Die Nord-LB befindet sich seit 2013 in einer Krise, da vergebene Schiffskredite nicht an sie zurückgezahlt wurden. Unter anderem deswegen hat sie vor Verlusten gewarnt: Im Gesamtjahr 2018 werde das Ergebnis voraussichtlich negativ ausfallen. Den Anteil der Schiffskredite am Geschäft hat die Bank bereits vor einem Jahr auf knapp 13 Milliarden Euro reduziert. Nun liegt er bei 11,5 Milliarden Euro. Der Anteil »fauler« Schiffskredite liegt dem Vernehmen nach bei 7,7 Milliarden Euro. Bis Ende 2019, so das erklärte Ziel der Bank, soll er unter fünf Milliarden Euro sinken. Derzeit setzt das Geldhaus mit den Haupteigentümern Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ein Konzept zur Stärkung von Kapitalquoten und Rentabilität um. Dafür wurde auch ein Bieterverfahren angestoßen, bei dem noch »unter zehn« Bieter im Rennen sind, darunter Banken und Finanzinvestoren. Anfang Dezember soll nach inoffiziellen Angaben die Bewertung der bisherigen Angebote erfolgen, um dann kurz vor Weihnachten die zwei oder drei Bieter aus der Schlussrunde zu verkünden.

Außer der Landesbank Baden-Württemberg und der Landesbank Nordrhein-Westfalen dürfte keine der acht getesteten deutschen Banken im Krisenfall Dividenden auszahlen, weil sie den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestwert von zehn Prozent Eigenkapital unterschreiten würden.

Die Deutsche Kreditwirtschaft (DK), eine Interessenvertretung deutscher Privatbanken gegenüber staatlichen Institutionen, teilte am Freitag mit, dass sich die deutschen Krediteninstitute »als robust und hinreichend widerstandsfähig erwiesen« hätten. Man sähe die Maßnahmen der Geldhäuser zur Stärkung der Eigenkapitalisierung auf einem guten Weg. Demgegenüber warnte Sven Giegold (Grüne), wirtschafts- und finanzpolitischer Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament, dass »Europas Banken nach wie vor zu wenig Eigenkapital haben«. Der Bankenstresstest fasse eine Krise wie die von 2008 oder eine mögliche Staatspleite in Italien gar nicht erst ins Auge. Er kritisierte auch, dass die Ergebnisse weiterer 54 EZB-intern geprüfter Banken nicht veröffentlicht würden. Für die BRD fordert Giegold die vollständige Aktivierung eines antizyklischen Kapitalpuffers, welcher zusätzlich den Aufbau von bis zu 2,5 Prozent Eigenkapitalsquote gesetzlich vorschreiben würde: »Von zu harten Eigenkapitalanforderungen der Bankenaufseher kann wahrlich keine Rede sein. Schon bei einer mittleren Wirtschaftskrise wären viele Banken in Europa kaum noch in der Lage, die Wirtschaft mit neuen Krediten zu stützen«.


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