Aus: Ausgabe vom 03.11.2018, Seite 8 / Ansichten

Ins Hier und Heute

100 Jahre Novemberrevolution. Gastkommentar

Von Patrik Köbele
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Denkmal für Ernst Thälmann an der Greifswalder Straße in Berlin

Der Kampf um die Vergangenheit ist immer auch ein Kampf um die Zukunft. Die Reaktion weiß das, kein Wunder also, dass sie ganze Heerscharen dafür entlohnt, die DDR und die Kommunisten zu delegitimieren, die Geschichte umzuschreiben. Auch die SPD weigert sich zu erkennen, wie stark die Mitwirkung ihrer damaligen Führung an der brutalen Niederschlagung der Novemberrevolution 1918, der Restauration von Kapitalismus und Militarismus war. Sie löste im Juli 2018 ihre historische Kommission »aus Kostengründen« kurzerhand auf. Das Gremium hatte eine Tagung geplant, im Gedenken an die Erhebung von 1918 und die Entstehung der Weimarer Republik. Zudem hatte sie angeboten, ein Gutachten zum »Agenda 2010«-Prozess zu erstellen.

Die historische Kommission der Partei Die Linke geht einen anderen Weg. Sie wirft der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in einer Erklärung zum 100. Jahrestag ihrer Gründung vor, dass sie »nicht bereit und in der Lage war, die Errichtung der Weimarer Republik als das wesentliche Ergebnis der Novemberrevolution zu begreifen und zu akzeptieren«. Stimmt, die KPD war weiterhin für die Beseitigung des Kapitalismus/Imperialismus, hatte sie doch bitter erkannt, dass er die Ursache des Krieges war. Ja, die KPD kämpfte weiter für die sozialistische Revolution, hatte sie doch erlebt, wie die Konterrevolution, die Freikorps im Bündnis mit der SPD-Führung, Tausende, unter ihnen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, ermordeten, um die kapitalistischen Macht- und Besitzverhältnisse zu restaurieren. Diese Kritik der historischen Kommission der Partei Die Linke zielt offenbar sehr ins Hier und Heute. Es ist vermutlich der ideologische Absicherungsversuch einer Betrachtung der neueren deutschen Geschichte, die auch die Beseitigung der DDR als Fortschritt feiert. Auf diesen Leim darf man nicht gehen. Im weiteren wird der Text der Erklärung noch ungenießbarer. Die Geschichte der KPD wird umgeschrieben. Sie sei »zu einem Instrument sowjetischer Außen- und Sicherheitspolitik« geworden. Bereits 1924 seien »die Reste der innerparteilichen Demokratie endgültig zerstört« worden. Natürlich trug dafür Ernst Thälmann die Verantwortung, der, heißt es in dem Papier, »auf Drängen der Moskauer Führungsgremien die Spitzenfunktion in der deutschen Partei übernahm«.

Die Geschichte der Novemberrevolution, die Geschichte der Kommunisten in Deutschland zeigen etwas ganz anderes: Sie, die KPD, die SED, die SEW, die DKP, können feststellen, dass sie immer auf der richtigen Seite der Barrikade standen. Dabei haben sie Fehler gemacht, manche davon tragisch – aber es waren Fehler im Richtigen. Das kann keine andere politische Strömung von sich sagen.

Patrik Köbele ist Vorsitzender der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP). Die Partei begeht am Wochenende in Kiel mit diversen Veranstaltungen den 100. Jahrestag der KPD-Gründung


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