Aus: Ausgabe vom 31.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Empathie und Widerspruch

Fundstück: Hermann Kinder zeigt, was die Chronik seines Vaters erzählt – und was sie verschweigt

Von Jürgen Pelzer
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Und sagte kein einziges Wort: Der lutherische Theologe Ernst Kinder dokumentierte seinen Alltag, ohne Kriegserlebnisse zu thematisieren

Dass die dunklen Jahre des Faschismus nicht »aufgearbeitet« oder gar bewältigt wurden, hängt hauptsächlich damit zusammen, dass es 1945 einen klaren Bruch nur in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone gab, zu deren Fundamenten der Antifaschismus gehörte. In den westlichen Zonen und der frühen BRD war zwar ebenfalls viel von einem demokratischen Neuanfang die Rede, doch fehlte es an klaren politischen Konzepten, zumal der Wiederaufbau mit den alten, d. h. faschistischen Eliten erfolgte. Dementsprechend stark waren die Abwehrmechanismen. So führte beispielsweise die Schulddiskussion schon deshalb nicht weiter, weil man sich gegen die Zumutung einer Kollektivschuld wehrte. Schuldbekenntnisse sucht man dagegen vergebens.

Auch die Aufarbeitung der Vergangenheit, von der jahrzehntelang die Rede war, war mit einer teils bewussten, teils unbewussten Abwehrhaltung verbunden. In Wahrheit sollte schon früh ein Schlussstrich gezogen werden, die Vergangenheit sollte »bewältigt«, also zu den Akten gelegt werden, alles sollte nach der Intention der Täter vergessen und vergeben sein. Freilich konnte der Bann der Vergangenheit so nicht gebrochen werden, wie Adorno bereits 1959 in einem wichtigen Vortrag feststellte, dies hätte nur durch »helles Bewusstsein« geschehen können. Dem stand aber entgegen, dass der Faschismus nicht nur jenes jetzt verteufelte »totalitäre« Terrorsystem war, sondern dass er den »kollektiven Narzissmus« des deutschen Nationalismus und seine Machtphantasien bedient und verstärkt hatte. Die Niederlage oder Katastrophe von 1945 hatte diese Identifikation zwar geschwächt, aber nicht völlig zerstört, was auch daran ablesbar ist, dass es selbst gegen Kriegsende keine Widerstandsbewegung mit Massenbasis gegeben hat.

Stets interessant und aufschlussreich bleiben neben den politischen und sozialpsychologischen Analysen, die sich mit diesem Bann der Vergangenheit befassen, Versuche der literarischen Abarbeitung an diesen Erfahrungen sowie authentische Dokumente aus den dreißiger und vierziger Jahren, die Einblick in die Mentalitätsgeschichte bieten. Hermann Kinder hat nun ein solches Fundstück vorgelegt: das 1942 angelegte Familienalbum seines Vaters, das die Kriegsjahre überdauerte, bis 1949 reicht und nun nach Jahrzehnten entziffert und zugänglich gemacht wurde. Es ist der Versuch, die eigene Lebensgeschichte und die seines Geschwisterkreises zu erfassen, beginnend mit der Generation der Eltern, der Geburt der Kinder zwischen 1908 und 1920 (Ernst Kinder selbst ist Jahrgang 1910), fortgesetzt mit den verschiedenen beruflichen Anläufen, seiner Ehe, den eigenen zwischen 1939 und 1949 geborenen Kinder, wobei die Stationen Nord- und Süddeutschland ebenso umfassen wie Berlin und Thorn (heute Torún) im damals besetzten Polen.

Es stellt sich die Frage, warum jemand in schwierigen, von permanenten Ortswechseln, von Krieg und Zerstörung gekennzeichneten Jahren ein solches Familienalbum anlegt. Wohl zum einen, um ein Stück Zusammenhalt, Familiengemeinschaft zu demonstrieren, als »mentaler Widerpart«, wie Hermann Kinder in seinem gründlichen Nachwort schreibt. Diese Konzentration auf das Familiäre, und die Charakterisierung der Mitglieder der Gemeinschaft blendet alles andere aus: kein Wort über Polen oder Russen, die Erfahrungen des Krieges – der nur gegen Ende als »furchtbar« beschrieben wird – kein Wort über den faschistischen Terror, der ja auch Kirchenmitglieder ins KZ oder unters Fallbeil bringt, kein Wort zu Auschwitz und zur Massenvernichtung der Juden im Osten Europas. Der Krieg wird als Naturereignis gesehen, in dem man sich bewährt oder gar Karriere macht, selbst die Leiden nach der »Katastrophe«, also der Niederlage, werden nahezu stoisch bzw. »gottergeben« ertragen. Die politischen Bedingungen diskutiert oder reflektiert der Theologe nicht, allenfalls werden sie am Rande erwähnt, wenn es etwa um die divergierenden Positionen von »Deutschen Christen« und Bekennender Kirche geht, ein Konflikt, der durchaus Konsequenzen für die Karriere Ernst Kinders hat. Doch der opportunistische, lavierende Kurs beider Kirchen wird nur gestreift.

Besonders deutlich wird Kinder dagegen in einigen Notizen aus dem Gefangenenlager, Notizen, die nicht zum eigentlichen Familienalbum gehören. Hier kommen der Nationalismus und das ganze Unverständnis der Lage zum Ausdruck, wenn – durchaus typisch für weite Kreise der deutschen Bevölkerung – von ungerechter, brutaler Siegerjustiz die Rede ist, wenn das Unrecht der Deutschen gegen das neu verübte Unrecht der Sieger verrechnet wird oder sogar ein »Nürnberg« für all das Leid gewünscht wird, das an den Deutschen »seit Versailles« verübt worden sei. In aller Deutlichkeit zeigt sich hier, wie nicht nur der deutsche Nationalismus, sondern auch das lutherische Obrigkeitsdenken ausschlaggebend für diese Sicht auf die deutsche Geschichte sind. Keine Spur einer kritischen Sicht auf das faschistische System, das Krieg und Massenvernichtung verursacht, was entweder nicht erkannt oder nicht als »Sünde« gewertet wird, so dass man hätte opponieren müssen.

Kinders Fundstück liefert somit einen erstaunlichen Einblick in die Mentalität eines protestantischen Akademikers, einen Einblick, der verständlich macht, wie tief der »kollektive Narzissmus« in der Gesellschaft verankert war, der obendrein mit religiösen Einstellungen verbunden war, und wie schwierig eine wie auch immer geartete »Aufarbeitung« sein musste. Das Abarbeiten an diesen traumatischen Erfahrungen blieb und bleibt den nachfolgenden Generationen überlassen.

Hermann Kinder: »Die Herzen hoch und hoch den Mut«. Das Familien­album meines lutherischen Vaters 1942 bis 1949. Klöpfer und Meyer, Tübingen 2018, 173 Seiten, 22 Euro


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