Aus: Ausgabe vom 30.10.2018, Seite 2 / Inland

»Andere sind vermutlich härter im Nehmen«

In Berlin konnten Anwohner den »Google-Campus« verhindern. Gentrifizierung und Verdrängung halten an. Gespräch mit Stefan Klein

Interview: Marc Bebenroth
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Kurzfristige Besetzungen wie diese haben zum Erfolg der Anti-Google-Kampagne beigetragen (Berlin-Kreuzberg, 7.9.2018)

Seit vergangenem Mittwoch ist klar, dass es im ehemaligen Umspannwerk Kreuzberg keinen »­Google-Campus« geben wird. Ist das ein Ergebnis erfolgreicher Anwohnerproteste?

Seit einem Jahr haben wir und andere Organisationen verstärkt Aktionen durchgeführt. Ich denke schon, dass Google deswegen jetzt von dem Projekt Abstand genommen hat. Sie haben wohl eingesehen, dass der Protest schlimmer und schlimmer werden würde. Denn ihr öffentliches Café im Umspannwerk hätte weiteren Protestaktionen jede Menge Raum geboten.

Das Motto Ihrer Kampagne lautet: »Google ist kein guter Nachbar«. Sind der von Google ausgewählte Kinderhilfsverein »Karuna« und die Spendensammelplattform »Betterplace« gute Nachbarn?

Grundsätzlich ist gegen eine soziale Organisation wie »Karuna«, die sich um Kinder in Not kümmert, nichts einzuwenden. Wir bleiben aber skeptisch, inwiefern die Firma Google tatsächlich ihre Ankündigungen umsetzt. »Betterplace« hat bereits mit uns und anderen Kiezinitiativen Kontakt aufgenommen. Wir sind im Moment dabei, uns über unsere Position in diesen Gesprächen zu verständigen.

Google bleibt für fünf Jahre Mieter im Umspannwerk. Was heißt das für die Zukunft?

Sie sind damit nicht komplett raus aus Kreuzberg. Sie wollen in diesen fünf Jahren eine Summe von elf bis vierzehn Millionen Euro zur Verfügung stellen. Das sei quasi die Spende an »Karuna«. Das geht angesichts der zwar hohen Mietpreise für Gewerbe in Kreuzberg dennoch nur auf, wenn man wie Google die Kosten des geplanten Umbaus mitrechnet.

Weitere Entwicklungen werden wir abwarten müssen. So könnte Google im Laufe der Zeit zunächst mit einem kleinen Büro wieder präsent sein. Die Strategie könnte sein, über die soziale Schiene im Kiez wieder Fuß zu fassen.

Der Verlust des »Google-Campus« wurde von der FDP, der CDU und anderen deutlich beklagt. Wie bewerten Sie die Reaktionen der Berliner Politik?

Die Stellungnahmen von Sebastian Czaja, FDP-Vorsitzender im Abgeordnetenhaus, und anderen folgen einer heilssuchenden und blindwütigen Startup-Mentalität. Als ob sich mit der Ansiedlung einer Firma, die nur irgendwas mit Internet und Digitalem zu tun hat, die Situation auf Berlins Arbeitsmarkt verbessern würde. Diese Unternehmen schaffen höchstens prekäre Arbeitsplätze und hinterlassen wirtschaftlich überall verbranntes Terrain.

Wie wurde Googles Entscheidung international aufgenommen?

Wir haben im Laufe der ganzen Kampagnen immer mit Gruppen in San Francisco und im kanadischen Toronto zusammengearbeitet. Denen haben wir die gute Nachricht jetzt erstmal mitgeteilt. Bei uns sind bislang vor allem viele Medienanfragen aus den Vereinigten Staaten, aus Spanien, aus England und anderen Ländern eingegangen.

Google ist nur ein Akteur von vielen. Womit befassen Sie sich als nächstes?

Die Probleme im Kiez sind durch den Rückzug eines großen Akteurs wie Google nicht aus der Welt. Kleine Gewerbetreibende und Mieter sind nach wie vor bedroht. Um drei neue Fälle werden wir uns in den nächsten Wochen kümmern müssen: das Lokal »Weiße Taube« in der Wiener Straße, die »Denkerei« am Orianenplatz und die »Lause«-Gewerbehöfe. Auch dort wollen die Eigentümer durch Verdrängung höhere Profite realisieren.

Sind die bisherigen Formen des Protests ein Erfolgsrezept für die Zukunft?

An den eigenen Methoden und Strategien sollte man immer arbeiten. Es hat sich aber gezeigt, dass die Rechnung ganz gut aufgegangen ist. Am Ende konnten wir unser Ziel mit vielfältigen, sich steigernden Aktionen am besten erreichen. Wir verweigern jeden Kontakt mit Google. Ihre patriarchalische Haltung, uns unsere Missverständnisse erklären zu müssen, haben wir nie akzeptiert. Auch sind symbolische Besetzungen durch andere Gruppen Teil des gemeinsamen Erfolgs.

Taugt dieses Vorgehen für den Widerstand gegen andere Akteure?

Google war ein empfindlicher Gegner, weil sie um ein positives Image bemüht sind. Damit haben wir gerechnet und unsere Aktionen entsprechend abgestimmt. Andere sind vermutlich härter im Nehmen. Je weiter ein Unternehmen entfernt ist und je unbekannter es ist, umso gleichgültiger reagieren sie auf unsere Aktionen. Daher müssen alle verfügbaren Instrumente genutzt werden.

Stefan Klein engagiert sich bei der Initiative »Glo­Reiche Nachbarschaft«


Debatte

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  • Beitrag von Monique K. aus B. (30. Oktober 2018 um 10:54 Uhr)

    Mir scheint, die Initiative meint, nur Niedriglohnfirmen wie Fahrradreparaturshops, Dönerbuden, Cafés (»Frühstück bis 16 Uhr«) und Secondhandläden sollten sich in Kreuzberg ansiedeln. Ich habe kein Problem damit, wenn in meiner Kreuzberger Nachbarschaft auch qualifizierte Jobs angeboten werden.

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