Aus: Ausgabe vom 03.11.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Eine sehr große Ausnahme

Wie man ins Lenkrad greift. Über die kommunistische Konsequenz Rosa Luxemburgs.

Von Dietmar Dath
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Revolutionäre Praxis – mit aller Konsequenz. Aufständische Soldaten in Berlin, 10. November 1918

Diesen Freitag erscheint im Reclam-Verlag der Band »Friedensutopien und Hundepolitik« mit ausgewählten Schriften und Reden von Rosa Luxemburg. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag das Nachwort des Schriftstellers Dietmar Dath. (jW)

Wenn Rosa Luxemburg sich dafür entschieden hätte, als gewerbsmäßige Verfasserin zeitkritischer Analysen, als Satirikerin und Pamphletistin (also als das, was es gab, bevor es Blogs gab und »Influencer«) ihre Zeit zur Rechenschaft zu ziehen, wäre den meinungsbildenden Eliten ihrer Epoche schnell deutlich gewesen, dass hier eine Stimme sich äußerte, die es an Beredsamkeit und Feuer mit den originellsten und elegantesten Kollegen aufnehmen konnte, mit dem Österreicher Karl Kraus etwa, dem Franzosen Anatole France oder dem Amerikaner Mark Twain. Ihr Text über Tolstoi von 1908 zum Beispiel steht der Sprache seines Gegenstands in nichts nach (was man von universitärer Literaturkunde und literaturkritischem Feuilleton selten sagen kann). Dieser Text entwirft am konkreten Autor, den er behandelt, wie beiläufig eine ganze Theorie der politisch und ethisch wertvollen Schriftstellerei in ungerechten Gesellschaften (also allen bisher bekannten). Wer kein Wort von Tolstoi gelesen hat, lernt hier fast noch mehr (nämlich Allgemeineres) als diejenigen, die in Luxemburgs Aufsatz nur nach einem Schlüssel zum Werk des Russen suchen. Schöngeistiges war freilich ein Nebenfach für diese Autorin.

Entdeckt man in unserem 21. Jahrhundert ihren Essay »Friedensutopien«, so schämt man sich für eine Gegenwart, deren offizielles Verständnis von den Ursachen der Kriege und Bürgerkriege zur Anekdotensammlung über verrückte Herrscher und unverständliche Bräuche obskurer Ethnien heruntergekommen ist, wo doch, wie Luxemburgs Sätze beweisen, schon 1911, also drei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, der das Märchen vernichtete, die Moderne sei ein unaufhaltsamer Aufstieg der Menschheit zu immer zivilisierteren Verhältnissen, das Instrumentarium vorhanden war, beispielsweise die Legende vom angeblich im preußisch-deutschen Nationalcharakter mystisch verankerten und für die hiesige Ethnie daher unhintergehbaren Militarismus mit ruhiger Hand auseinanderzunehmen und dabei die tieferen gesellschaftlichen Ursachen und Funktionsweisen jener sozialen Menschenfressermaschinerie bloßzulegen, deren Opfer auch die Verfasserin von »Friedensutopien« schließlich wurde.

So aktuell und augenöffnend wie »Friedensutopien« ist auch »Frauenwahlrecht und Klassenkampf« aus dem Jahr 1912 geblieben, eine Arbeit, deren gehaltvolle Verknüpfung von Geschlechter- und anderen Unrechtsfragen auch mehr als 100 Jahre Frauenemanzipationsbemühungen nicht gegenstandslos gemacht haben.

Was in Zeiten entstand, in denen noch darum gestritten werden musste, dass Frauen überhaupt sollten wählen dürfen, wirft erstaunlicherweise von dort und damals her ein hartes, konturenschärfendes Licht auf die unerfreuliche Wahrheit, dass selbst das einmal errungene Wahlrecht nicht reicht und betrüblich wenig bringt, wenn nicht mit seiner (und anderer) Hilfe diejenigen Möglichkeitsbedingungen und Verstärker gesellschaftlicher Ungleichheit mit allem Ernst beseitigt werden, von denen Luxemburgs Analyse spricht.

Liest man schließlich die gesalzene, von Blitz und Donner belebte Abrechnung »Hundepolitik«, mit der Rosa Luxemburg 1916 ihr Strafgericht über »dieses unauffindbare Parlament«, »diese edle Gesellschaft in politischer Selbsterniedrigung« der Deutschen hält, dann kann man kaum fassen, dass die unschuldigen, inhaltsarmen und in Sachen Artikulationsniveau geradezu kindlichen Hasch-mich-Spielchen, die unsere derzeitigen Parlamentsfiguren auf Twitter und in Interviews tagein, tagaus so miteinander spielen, falls innerhalb von Parteien oder über deren Lagegrenzen hinweg überhaupt Kritisches geäußert wird, tatsächlich als Kontroversen, als Debatten, als Politik gelten dürfen. Das eklatante Inhaltsgefälle ist übrigens in den jeweiligen Öffentlichkeitsformen gespiegelt: Heute haben wir Hashtags und Pressemitteilungen, »Hundepolitik« erschien dagegen als illegales Flugblatt.

Wer Texte schreiben kann, die so genau wie die eben kurz vorgestellten von Luxemburg auf ihren jeweiligen Entstehungszusammenhang reagieren und in ihn eingreifen, dann aber nicht etwa mit ihm untergehen, sondern sich Jahrzehnte (und womöglich eines Tages: Jahrhunderte) lang halten, frisch und sprühend wie am Erstveröffentlichungstag, hat das Zeug zur überragenden Publizistin. Wäre Luxemburg also nur dies geworden und gewesen, so würden heute junge Journalistinnen, die auf dem Balkan Familiengeschichten recherchieren, über die Leihfahrradwirtschaft in unseren Innenstädten berichten, dem Zustand der Bundeswehr auf den Zahn fühlen oder politische Korruption entlarven, wahrscheinlich Preise bekommen, die nach dieser bedeutenden Frau benannt sind.

Wer sich damit auskennt, wie schwierig es ist, komplexe gesellschaftliche Sachverhalte durchsichtig darzustellen, einzuordnen und gar noch zu beurteilen, kann über die Klarheit der Befunde, die Sicherheit beim Satzbau und die mitreißende Musik der Sprachmelodie bei Luxemburg auch mehr als hundert Jahre nach dem entsetzlichen gewaltsamen Tod der Verfasserin nur staunen. Noch verblüffender aber ist, dass diese Frau das, was sie da so ausgezeichnet gemacht hat, nicht als ihre Hauptarbeit ansah, und endgültig unfassbar werden ihr Leben und ihre Leistung, wenn man sich nämlich klarmacht, dass sie tatsächlich zwei anderen Beschäftigungen nachging, in denen sie anderen, die das ebenfalls taten, sogar noch deutlicher überlegen war als in der Publizistik: Sie erkämpfte sich Weltrang sowohl als revolutionäre Theoretikerin als auch als Praktikerin, und beides auch noch in deutscher Sprache, obwohl sie gebürtig aus einem Teil Polens stammte, der damals dem russischen Reich unterworfen war, und ihre akademische Ausbildung nicht etwa in Berlin oder München, sondern, der im Unterschied zu den ­genannten Ortschaften halbwegs geschlechtergleichberechtigten Studienbedingungen wegen, in Zürich erwerben musste. Die Geschichte des deutschen Sprachraums kennt wenige Personen, die sich um die Abschaffung aller Verhältnisse, »in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Karl Marx, »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie«, in: MEW 1, S. 385), mehr bemüht haben als diese 1871 geborene Frau.

Die revolutionäre Theorie verdankt ihr anspruchsvolle Werke wie »Sozial­reform oder Revolution?« Mit einem Anhang: »Miliz und Militarismus« (1899) und »Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Impe­rialismus« (1913). Verblüffend, dass beide Werke zwar vor dem Ersten Weltkrieg erschienen, aber schon in ihren Titeln beziehungsweise Untertiteln verraten, wie hellsichtig diese Theoretikerin die Kriegsgefahr als den Hauptschrecken des jungen 20. Jahrhunderts vorhersah. Darüber hinaus war Luxemburg, wie schon erwähnt, nicht nur eine brillante Theoretikerin, sondern auch Praktikerin mit allen dazugehörigen Konsequenzen. Sie hat unter anderem die Kommunistische Partei Deutschlands mitbegründet, eine Tat, die nicht gerade nach Studierstube und folgenlosem Gerede riecht. Der deutschen Sozialdemokratie, ihrer, wie man so sagt, ursprünglichen politischen Heimat, war sie erst lästig und dann verhasst, weil sie die Großen dieser Partei, die sich als umgängliche, weichgespülte, im Ernstfall die Geschäfte von Staat und Kapital nicht störende Bedenkenträger im Schoße der Gesellschaft einrichten wollten, mit mal ruhiger, mal drängender Hartnäckigkeit an das Versprechen grundsätzlichen sozialen Wandels erinnerte, das in dem Namen »Sozialdemokratie« steckt. Man wollte bei dieser Partei links blinken und bestenfalls geradeaus fahren, da konnte man eine Frau nicht gebrauchen, die immer wieder ins Lenkrad griff, wenn eine Ausfahrt nach links, in ein interessanteres, gerechteres, neues Leben sich anbot. So schützte diese Sozialdemokratie ihre bedeutendste Denkerin, beste Publizistin und leidenschaftlichste Agitatorin schließlich nicht, als im Katastrophenjahr 1919 die deutsche Revolution, die schlecht organisiert war und in den wenigen Zentren von den orientierungslosen Massen im Land abgeschnitten, über ihrem genialen Kopf zusammenbrach und sie mit sich in die Tiefe riss, wo die mörderischen Banden des deutschen Mili­tarismus, der späten, giftig verfaulten Kaisertreue und des Präfaschismus über Rosa Luxemburg herfielen und ihr Leben auslöschten.

Auch noch das zu vernichten, was sie geschrieben, gedacht und getan hat, ist allen Mördern, Quälern, Unterdrückern und Ausbeutern zusammen seither nicht gelungen.

Hundepolitik (1916)

Von Rosa Luxemburg

3. In der Internationale liegt der Schwerpunkt der Klassenorganisation des Proletariats [...]

4. Die Pflicht zur Ausführung der Beschlüsse der Internationale geht allen anderen Organisationspflichten voran.

(Leitsätze)¹

Das Unmögliche ist Tat geworden: Der Reichstag, die bürgerlichen Parteien, die offizielle sozialdemokratische Fraktion haben sich noch mehr mit Schmach bedeckt, als das bis jetzt schon der Fall war. Es schien, dass dieses unauffindbare Parlament, dass diese edle Gesellschaft in politischer Selbsterniedrigung, im Preisgeben des elementarsten politischen Anstandes bereits das Menschenmöglichste geleistet hatte, dass es in diesem Sumpfe einfach nicht tiefer gehe. Doch weit gefehlt: Bei der Behandlung des Falles Liebknecht² haben Reichstag, bürgerliche Mehrheit und sozialdemokratische Fraktionsmehrheit ihre eigene Infamie weit übertroffen.

Liebknecht ist bei der Erfüllung seiner Pflicht als internationaler Sozialist bei der Demonstration am 1. Mai von den Polizeischergen ergriffen und der Militärgerichtsbarkeit überantwortet worden. Liebknecht ist Reichstagsabgeordneter, ist zur Ausübung seines Mandats als Volksvertreter vom Militärdienst beurlaubt, ist also während der Reichstagssession kein Soldat, sondern Volksvertreter. Ihn vor den Krallen der Militärjustiz wie vor jeglicher politischer Verfolgung zu schützen war elementarste Pflicht des Reichstags. Jedes Parlament der Welt betrachtet es als ein Gebot der Selbstachtung, seine Mitglieder vor den Regierungsgewalten zu schützen. Hier geschah das Unerhörte, das Beispiellose in der Geschichte aller Parlamente: Der Reichstag lieferte selbst eines seiner Mitglieder der Militärjustiz aus!³

Wenige Tage darauf folgte der zweite Akt der Farce: Derselbe Reichstag lehnte es ab, seine Mitglieder vor solchen Brutalitäten und Vergewaltigungen zu schützen, wie sie Liebknecht gegenüber verübt worden sind, als er am 8. April die Mache mit der letzten deutschen Kriegsanleihe⁴ kritisch beleuchten wollte! Und die rabiatesten Schreier dieser parlamentarischen Selbstentleibung waren gerade die Freisinnigen. Der Geist Eugen Richters⁵, des Stiefelputzers der Reaktion aus der Zeit des Hungerzolltarifs⁶, lebt in seinen würdigen Nachfahren. Unter dem Schrei »Landesverrat!« stürzen sich die Hubrich⁷ und Müller-Meiningen⁸ mit Fäusten auf jeden, der die Reichstagstribüne besteigt, um Kritik an der Regierung zu üben. Mit dem Schrei »Landesverrat!« liefern die Payer⁹ und Liesching¹⁰ die Immunität der Volksvertretung dem Militärsäbel aus. Den Oertel¹¹ und Heydebrand¹² bleibt nach diesem liberalen Geheul nichts mehr zu sagen übrig. Und die sozialdemokratische Mehrheitsfraktion? Sie wies nicht mit einer Silbe dieses Gekrächz zurück. Die »Durchhaltepolitiker«, die Scheidemann¹³ und Genossen, halten ja selbst jeden, der sozialdemokratische Grundsätze hochhält und den Völkermord bekämpft, für einen Landesverräter.

Landesverrat! Landesverrat!

Maifeier ist Landesverrat!

Kritik an der Kriegsanleihe – Landesverrat!

Internationale Solidarität – Landesverrat!

Klassenkampf – Landesverrat!

Budgetablehnung – Landesverrat!

Streiks zur Erhöhung der Hungerlöhne – Landesverrat!

Öffentliche Erörterung des Lebensmittelwuchers – Landesverrat!

Klageschrei der hungernden Frauen vor den Läden – Landesverrat!

Was tausendmal in sozialdemokratischen Zeitungen, in sozialdemokratischen Wählerversammlungen, in sozialdemokratischen Reichstagsreden gesagt worden, ist heute Landesverrat. Die gesamte 50jährige Tätigkeit der Sozialdemokratie, die gegen Krieg, Militarismus, Klassenherrschaft, Klassensolida­rität [mit der Bourgeoisie], nationale Einigkeit, vaterländische Phrase gerichtet war, ist Landesverrat!

Die Payer, Liesching, Hubrich, die David, Landsberg, Scheidemann haben alle Staatsanwälte übertroffen, alle Polizeipräsidenten beschämt, den seligen Tessendorf¹⁴ nachträglich zum Waisenknaben gemacht. Wehe, wenn diese Kerls das Bismarcksche Sozialistengesetz¹⁵ zu handhaben gehabt hätten! Sie hätten sämtliche sozialdemokratischen Abgeordneten und Redakteure ins Zuchthaus gesteckt, sie hätten unseren August Bebel,¹⁶ unseren alten Liebknecht an den Galgen gebracht. Die Scheidemann-Leute¹⁷ leisteten sich die Komödie, formell einen Antrag betr. die Immunität Liebknechts zu stellen, aber sie begründeten ihn damit, dass Liebknechts Kampf nicht gefährlich, dass das deutsche Volk in seinem Kadavergehorsam doch nicht zu erschüttern sei! Ja, in der Kommission des Reichstages sagte der »Sozialdemokrat« David¹⁸ mit Bezug auf Karl Liebknecht: Ein Hund, der laut belle, beiße nicht!

Auf all diese Infamie im Reichstag die richtige Antwort zu geben, nicht advokatorisch, nicht formalistisch, sondern sozialistisch, nicht debattieren, nicht argumentieren, sondern die verächtliche Gesellschaft als eine Rotte von Volksverrätern zu brandmarken, dazu fehlte eben – Liebknecht!

Die Antwort soll ihnen aber von den Massen des Proletariats gegeben werden, von den Massen des hungernden, geknechteten, als Kanonenfutter missbrauchten Volkes. Und die »Hunde«-Worte des sozialdemokratischen Mehrheitsredners sollen dabei nicht vergessen werden.

Ein Hund ist, wer den Stiefel der Herrschenden leckt, der ihn jahrzehntelang mit Tritten bedachte.

Ein Hund ist, wer im Maulkorb des Belagerungszustandes fröhlich schweifwedelt und den Herren der Militärdiktatur, leise um Gnade winselnd, in die Augen blickt.

Ein Hund ist, wer einen Abwesenden, einen Gefesselten heiser anbellt und dabei den augenblicklichen Machthabern Apportdienste¹⁹ leistet.

Ein Hund ist, wer die ganze Vergangenheit seiner Partei, wer alles, was ihr ein Menschenalter heilig war, auf Kommando der Regierung abschwört, begeifert, in den Kot tritt.

Hunde sind und bleiben demnach die David, Landsberg und Genossen. Und sie werden sicher von der deutschen Arbeiterschaft, wenn der Tag der Abrechnung kommt, den wohlverdienten Fußtritt bekommen.

Dass dieser Tag so bald wie möglich anbricht und so gründliche Arbeit wie möglich verrichtet, dazu hat die Affäre Liebknecht – sowohl sein Beispiel wie die Infamien des Reichstages und der Fraktionsmehrheit – tüchtig beigetragen. Nun muss es auch jedem Manne und jeder Frau des Volkes klar sein: Dieses Parlament, diese verächtliche Mameluckenhorde²⁰ von Payer bis David, ist vor dem Gericht der Weltgeschichte abgetan und erledigt. Nur die Selbsttätigkeit der Massen, nur kühne Initiative der Massen, nur nachdrückliche Aktion des Klassenkampfs auf der ganzen Linie kann uns auf den Weg hinaus führen, dem Völkermord, der Militärdiktatur, dem langsamen Verhungern des Volkes ein Ende zu machen.

Und das werden die Massen nur fertigbringen, wenn sie gelernt haben, im Kampfe für die Ideale des internationalen Sozialismus wie Liebknecht das ganze Ich in die Schanze zu schlagen, wenn sie nicht bloß singen, sondern auch durch Taten und Handlungen zeigen:

Nicht zählen wir den Feind,

nicht die Gefahren all.²¹

Wenn sie hunderttausendstimmig, millionenstimmig im ganzen Reich den Ruf Liebknechts immer und immer wieder erheben: Nieder mit dem Kriege! Proletarier aller Länder, vereinigt euch!

¹ Aus dem Anhang der sog. Junius-Thesen, die von Karl Liebknecht (s. Anm. 2), vorgelegt am 1. Januar 1916, als Leitsätze über die Aufga­ben der internationalen Sozialdemokratie gebilligt wurden.

² Der Marxist und Antimilitarist Karl Liebknecht (1871–1919) war als Mitglied der SPD von 1912 bis 1916 Abgeordneter im Deutschen Reichstag. Er wurde aus der Partei ausgeschlossen und wegen »Kriegsverrats« inhaftiert, weil er den sog. Burgfrieden ablehnte (also die Zurückstellung aller innenpolitischen Aktionen, Konflikte und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen, um Kräfte für den Gewinn des Ersten Weltkriegs zu sparen). Liebknecht wurde – wie auch Rosa Luxemburg – am 15. Januar 1919 von rechten Freischärlern in Berlin ermordet.

³ siehe Anm. 2

⁴ Während Liebknechts Rede im Reichstag kam es zu tumultartigen Szenen: Der Abgeordnete der Fortschrittlichen Volkspartei Friedrich Wilhelm Louis Hubrich (1867–1925) entriss Liebknecht sein Manuskript und warf es zu Boden. Als Liebknecht weiterzureden versuchte, wurde er von einem Mitglied derselben Partei, Ernst Müller-Meiningen (1866–1944), gewaltsam am Weiterreden gehindert.

⁵ Eugen Richter (1838–1906), einer der ersten Berufspoli­tiker Deutschlands und radikaler Vertreter des Manchesterlibe­ralismus, beeinflusste lange den antidemokratischen Kurs der Fortschrittlichen Volkspartei.

⁶ Ein am 14. Dezember 1902 im Reichstag beschlossener Zolltarif auf alle eingeführten Waren, der die Lebenshaltungskosten sprunghaft ansteigen ließ.

⁷ Friedrich Wilhelm Louis Hubrich (1867–1925), Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei und von 1912 bis 1918 im Deutschen Reichstag (siehe Anm. 4)

⁸ Ernst Müller-Meiningen (1866–1944), zeitweise bayerischer Justizminister, Senatspräsident am Bayerischen Obersten Landesgericht und Reichstagsabgeordneter (siehe Anm. 4)

⁹ Friedrich Ludwig von Payer (1847–1931), Politiker (Demokratische Volkspartei, Fortschrittliche Volkspartei, DDP) und von 1917 bis 1918 Vizekanzler des deutschen Kaiserreiches.

¹⁰ Theodor Gottfried Liesching (1865–1922), Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei im Reichstag von 1912 bis 1918, war 1918 letzter königlich württembergischer Ministerpräsident sowie Außen- und Justizminister. Er half bei der Gründung der DDP.

¹¹ Georg Ernst Julius Oertel (1856–1916), Chefredakteur der konservativen Deutschen Tageszeitung und von 1912 bis 1916 für die Deutschkonservative Partei (DKP) im Reichstag. Er wurde von den Sozialdemokraten »Knuten-Oertel« genannt.

¹² Ernst von Heydebrand und der Lasa (1851–1924), Politiker, Führer der Deutschkonservativen Partei, entschiedener Befürworter des Dreiklassenwahlrechts

¹³ Philipp Heinrich Scheidemann (1865–1939), sozialdemokratischer Politiker und Publizist, rief am 9. November 1918 die deutsche Republik aus.

¹⁴ Hermann Ernst Christian Tessendorf (1831–1895), als Erster Staatsanwalt am Berliner Stadtgericht treibende Kraft hinter den gnadenlosen Sozialistenverfolgungen (»Ära Tessendorf«)

¹⁵ Gemeint ist das »Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie«, das von 1878 bis 1890 von Otto von Bismarck (1815–1898), der die Sozialistische Arbeiterpartei als »Reichsfeind« verstand, eingeführt worden war und jegliche sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische Vereine und Veröffentlichungen wegen Staatsgefährdung verboten hatte (die Sozialisten im Reichstag blieben aufgrund ihrer Immunität unbehelligt).

¹⁶ August Bebel (1840–1913) war einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie und einer der bedeutendsten Parlamentarier in der Zeit des deutschen Kaiserreichs.

¹⁷ vgl. Anm. 13

¹⁸ Der SPD-Politiker Eduard Heinrich Rudolph David (1863–1930) gilt als zentraler Organisator der Burgfriedenspolitik.

¹⁹ Dienste wie ein Hund, der seinem Herrchen den von diesem geworfenen Stock zurückbringt (»apportiert«).

²⁰ Mameluck: ein Militärsklave in islamischen Herrschaftsgebieten.

²¹ Der Refrain der »Arbeiter-Marseillaise« von Jacob Audorf (1835–1898) wurde zur Totenfeier des SPD-Gründervaters Ferdinand Lassalle (1825–1864) umgeschrieben: »Nicht zählen wir den Feind, / nicht die Gefahren all: / Der kühnen Bahn nur folgen wir, / die uns geführt Lassalle!«

Dietmar Dath ist Kommunist, 1970 geboren und schreibt Science-Fiction. 2010 erschien sein Band »Rosa Luxemburg. Leben, Werk, Wirkung«.

Rosa Luxemburg (1871–1919) war Kommunistin. Jede Bewegung, das menschliche Zusammenleben auf den Grund der Vernunft zu stellen, wird von ihr lernen können.

Rosa Luxemburg: Friedensutopien und Hundepolitik. Schriften und Reden. Mit einem Essay von Dietmar Dath. Reclam-Verlag, Ditzingen 2018, 104 Seiten, 6 Euro


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