Aus: Ausgabe vom 26.10.2018, Seite 16 / Sport

Bolzen

Von Jens Walter
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Bolsonaro auf dem Nationaltrikot: So weit ist es schon gekommen

Wer das Wort »Faschokicker« hört, denkt dabei vermutlich am wenigsten an Brasilianer. Brasilien, Lateinamerika, sogenanntes Schwellenland, erfährt hierzulande bei Fußballgroßereignissen gern mal einen Multikultibonus. Karneval, Bossa, Rekordweltmeister, große Fußballnation, euphorische Exilantengemeinde (zumindest in Köln) und so. Inzwischen muss man das mit der Seleção in den kanariengelben Trikots etwas anders sehen. Vor allem, wenn sich Altstars wie Ronaldinho oder Felipe Melo im dort tobenden Präsidentschaftswahlkampf auf die Seite des, milde ausgedrückt, Rechtspopulisten Jair Bolsonaro, schlagen. »Dieses Tor widme ich unserem zukünftigen Präsidenten Bolsonaro«, sagte zum Beispiel Melo, der bei der WM 2010 noch den Buhmann für Brasiliens Viertelfinalaus gab, nach einem Wirkungstreffer in einem Ligaspiel. Ein politisches Statement auf dem Fußballrasen im Trikot seines Vereins SE Palmeiras für einen rechtspopulistischen Kandidaten. Ronaldinho, seit 2015 nicht mehr selbst auf dem Rasen aktiv, machte das durchaus subtiler: Er ließ sich mit der Nummer 17 auf dem Rücken via Twitter im Nationaltrikot sehen: Die 17 ist die »Wahlnummer« Bolsonaros. Die Vereine spielten dieses Spiel jedoch nicht mit: Nicht nur Palmeiras distanzierte sich, auch Barça, wo Ronaldinho seine Glanzzeiten erlebte. Nationalspieler Lucas Moura bekam nach einem Twitter-Eintrag, in dem er Bolsonaro gegen Kritiker verteidigt, von Tottenham Hotspur gar einen Maulkorb verpasst. Denn der radikale Diskurs des Scharfmachers Bolsonaro kratzt am Markenimage der Klubs. Für die Bolzenaros selbst ist er allerdings so etwas wie der Brasi-Trump oder schlicht »o mito«, der Mythos, der Held im Aufstand gegen das Establishment. Rassistische Attacken, frauenfeindliche Sprüche, Homophobie, sein Lob der untergegangenen Militärdiktatur (1964–85), das stört die Kicker und andere Sportpromis Brasiliens merkwürdigerweise überhaupt nicht. Die Enttäuschung über die korrupten Eliten der Demokratie scheint riesengroß zu sein, größer als das Land. Die Protestbewegung »Ele Não« findet in Sportlerkreisen kaum Anhänger. (mit sid)


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