Aus: Ausgabe vom 23.10.2018, Seite 8 / Ausland

»Kapitalismus erstreckt sich auf alle Bereiche des Lebens«

Palmöl wird in Gütern des täglichen Bedarfs verwendet. Film zeigt Opfer und Profiteure der Produktion. Gespräch mit Dandhy Dwi Laksono

Interview: Anett Keller
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Politische Themen, einem breiten Publikum zugänglich gemacht (Screenshot aus »Asimetris«)

Ihr neuer Dokumentarfilm »Asimetris« übt Kritik an der Palmölindustrie. Jeder von uns nutzt Palmöl: als Brennstoff, in Fertiggerichten und Schokocremes, in Waschmitteln und Kosmetika. Warum sollte hier ein Umdenken einsetzen?

Der globalisierte Kapitalismus beruht darauf, dass Waren weit weg von den Verbrauchern hergestellt werden, so dass letztere von den Problemen dabei nichts mitbekommen. Im Film zeigen wir, was dort passiert, wo das Palmöl herkommt. Und dass Produkte des täglichen Bedarfs keine Selbstverständlichkeit sind.

Indonesien ist der größte Palmölproduzent der Welt. Wie waren dort die Reaktionen?

Wir messen den Einfluss unserer Filme daran, wie viele Menschen öffentliche Vorführungen organisieren. Unsere Dokus laden wir auf unseren Youtube-Kanal hoch und geben sie für öffentliche Veranstaltungen frei. Bei »Asimetris« war die Nachfrage enorm hoch. Seit Ende April hat es über 300 öffentliche Vorführungen gegeben.

Palmöl ist ein Politikum. Als die EU bekanntgab, aus der Beimischung von Palmöl zu sogenanntem Biodiesel aussteigen zu wollen, reagierte Indonesiens Regierung heftig. Wie ist der aktuelle Stand in diesem »Handelskrieg«?

Die Gemüter haben sich beruhigt, nachdem die EU den Zeitrahmen von 2020 auf 2030 verschoben hat. Zuvor hatte die indonesische Regierung intensive Lobbyarbeit betrieben. Kritiker von Palmöl werden bei uns dargestellt als Menschen, die gegen Indonesiens »nationales Interesse« handeln, zum Beispiel als Lobbyvertreter von europäischen Produkten wie Sonnenblumen- oder Rapsöl. Unser Film versucht, das Thema aus diesem nationalistischen Kontext herauszulösen. Im Palmölgeschäft geht es um Konzerne und Banken mit transnationaler Eigentümerschaft, es geht um globalen Kapitalismus. Diese Handelskriegsgeschichten sind Märchen für die Bevölkerung, um sie davon abzulenken.

Die großen Palmölproduzenten haben sich in der Organisation »Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) zusammengeschlossen. Was halten Sie davon?

Alles, was in Monokulturen für einen Massenmarkt hergestellt wird, zerstört die Umwelt. Wenn man Wald konvertiert, um sogenannten Biodiesel herzustellen, gibt es kein Limit. Wir können immer weiter verreisen mit "Biosprit" im Tank. Nachhaltigkeit klingt also sehr absurd, wenn gleichzeitig der Verbrauch immer weiter in die Höhe getrieben wird. Was da gefördert wird, ist ein verschwenderischer Lebensstil, der keine Grenzen kennt. Außerdem werden die Zertifizierungsstandards oft nicht eingehalten. In den Mühlen werden Ölfrüchte aus zertifizierten Plantagen und nichtzertifizierten einfach gemischt. Und es gibt weiterhin Kinderarbeit.

Gibt es gewerkschaftliche Tätigkeit im Bereich Palmöl?

Die gibt es. Sie ist aber meist auf lokaler Ebene organisiert. Um die Bauern zu unterstützen, könnte die Regierung den Aufbau von Genossenschaften unterstützen.

In welcher Situation sind Aktivisten oder NGO, die versuchen, an der Situation etwas zu ändern?

NGOs in Indonesien sind in Sektoren gespalten. Manche schauen auf die Situation der Arbeiterinnen und Arbeiter, andere auf die Zerstörung der Wälder, wieder andere auf Landkonflikte. Sie arbeiten einzeln, entlang der Linien, die in ihren Projektanträgen stehen. Ich wünsche mir nicht nur eine grenzenlose Solidarität, sondern auch eine, die ohne Projektanträge und Sektoren auskommt. Der Kapitalismus erstreckt sich auf alle Bereiche des Lebens, er hält sich Armeen, Wissenschaftler, Medien und Regierungen. Um dagegen zu kämpfen, braucht es einen umfassenden Ansatz.

Was können Verbraucher tun?

Ich dusche seltener, seit ich für diesen Film recherchiert habe (lacht). Ich verwende nicht mehr so viel Seife und Shampoo. Außerdem esse ich nicht mehr so viel Frittiertes. Wir sollten unseren Verbrauch reduzieren und auf Vielfalt setzen. Wer sich »Bio« leisten kann, sollte dies tun. Wer Fertigprodukte durch selbstgemachte ersetzen kann, sollte dies tun. Das sind bei Nahrung und Kosmetik individuelle Schritte, die gut und wichtig sind.

Aber das meiste Palmöl wird zu »Biodiesel«. Wir können nicht sagen, »ich lebe ›grün‹, und der Rest der Welt soll selbst klarkommen«. Wir müssen auf der strukturellen Ebene Einfluss nehmen. In der Politik, in den Medien, im Bildungssystem.

Der indonesische Journalist Dandhy Dwi Laksono (43) hat zahlreiche Filme zu den Folgen des globalen Kapitalismus in seinem Land gedreht.

Am heutigen Dienstag abend stellt Dandhy Dwi Laksono seinen neuen Film »Asimetris« im Wolf-Kino, Weserstraße 59, in Berlin vor.


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