Aus: Ausgabe vom 18.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

So weit die Batterien reichen

Funny van Dannen ist wieder da, und zwar gleich doppelt: Mit Buch und Platte

Von Jörg Gruneberg
Funny Van Dannen Foto 2009_1.jpg
Der Gundermann des Westens: Funny van Dannen

Funny van Dannen ist wieder da, und das gleich doppelt. Es gibt ihn als Buch, wo er sich mal wieder mit Schwung ins Techtelmechtel, ins erotische Fährtenlegen wirft, es gibt ihn als Platte, wo er sich diesmal allerdings weitgehend jugendfrei gibt. Das Buch heißt ökologisch angetäuscht »Die weitreichenden Folgen des Fleischkonsums«, die CD indes »Alles gut, Motherfucker«, wer es also in Stereo braucht, beim Lesen Beschallung möchte, ist allerbestens bedient.

Aber Konzentration! Die CD reiht nicht weniger als 23 Lieder aneinander, die sich allesamt nichts in puncto Aktualität, Witz und Alltagstauglichkeit nehmen. Ja, die neue van Dannen taugt was, und sie hat mit »Superglücklich« auch den kleinen Superhit, den die ganze Familie ohne große Übung sofort mitsingen kann. Und zwar schon zum Frühstück. Es ist ein Glück, wie es van Dannen nach seinem klassisch gewordenen Debüt »Clubsongs« und einigen folgenden Jahrzehnten immer wieder und noch einmal schafft, sich den dringlichsten Themen auf seine Art anzunähern. Wer hätte gedacht, dass sich sein Vermögen, bereits beim Frühstück zu reimen, sich nicht irgendwann einmal klammheimlich verabschiedet?

Im überschaubaren Biotop des humorigen Popsongs, in dem sich nur wenig andere herausragende Köpfe tummeln – Max Goldt/Foyer Des Arts (Art-Wave), Herman van Veen (Diskurs-Schlager), Helge Schneider (Dada-Jazz), Heinz Strunk (Spoken Bio-Bop), Doc Schoko (Kneipen-Folk), Knarf Rellöm (High-School-Disco) oder Adolf Noise/DJ Koze (Ambient-Collage) seien mal genannt –, hat sich van Dannen in der Ecke »politischer Folksong« breitgemacht, auf Tuchfühlung mit dem Kabarett, aber immer noch querköpfig und eigen genug. Dass er seine Lieder subtil als Ironiebonbons darreicht, verstärkt nur ihre Wirkung: »Wahre Bildung ist elitär und nicht für die Masse gemacht / Sie sind zu groß zum Scheitern, ihnen werden Opfer gebracht / Und überall, wo sie gar nicht sind, weiß irgendwann niemand mehr weiter / Da sind sie, die optimistischen apokalyptischen Reiter«, singt er in »Die apokalyptischen Reiter« zu einer im sanft schwingenden Rhythmus erklingenden Gitarre.

Außerdem hat er diese Stimme. Eine Stimme, wie man sie von Märchenplatten kennt, eine Erzählstimme, die noch die durchschnittlichste Geschichte zum Hörereignis werden lassen kann. So liegt van Dannens Technik auch gar nicht mal wesentlich im Einsatz von Ironie. Ironie wird immer nur umspielt, ausgestellt als Fehlstelle; die Texte tanzen um Missverständnisse herum und täuschen Schlüsse an, um »falsche Gedanken« zu provozieren, die dich »um dein Glück bringen«, wie es in einem seiner frühen Hits hieß. Mit Augenzwinkern. Geahnt hat man es eigentlich schon immer, und befreit fühlt man sich doch.

Überraschend, wie er peinliche Welthits einbaut und wie reibungslos das funktioniert. Neben dem zu Tränen rührenden »You'll Never Walk Alone« (hier als »Jetzt singst du«) findet sich eine bilderstürmische »For­ever Young«-Interpretation auf diesem sonst so herrlich konservativ-intellektuellen Album: »Und während wir so glücklich sind, macht jemand das Radio an / Und da erklingt die Melodie: Forever Yin – Forever Yang.« Das ist sicher die charmanteste Version seit »Für immer Punk« von den Goldenen Zitronen. »Forever ...« hätte stilistisch auch von den Donkeys aus San Diego stammen können, so traumwandlerisch psychedelisch plätschert es dahin.

Das Buch »Die weitreichenden Folgen des Fleischkonsums« ist hingegen nicht ursprünglich von Heinz Strunk, sondern wirklich von Funny van Dannen. Der Autor will hier nichts weniger als brandaktuelle Gegenwartsthemen in Gedichte, Anekdoten, Fabeln oder Kurznovellen mit Märchencharakter verpacken. Ob das Thema Montagsdemos (»Go home you nazi cunts / And close your doors and die«) sind oder einfach »Essig«: »Und was ist mit Ihnen? / Wird Ihr Gehirn zum fruchtbaren Boden? / Ich traue Ihnen so viel zu«, das macht im Grunde keinen Unterschied. In allen Prosastücken finden sich zugespitzte Alltagsmomente. Der Autor nimmt dabei schon mal die Perspektive eines Schülers ein oder greift zum Stilmittel der Zombiefabel. Sein aufklärerischer Duktus bleibt dabei strikt antiautoritär, das Ende stets offen, es sei denn, es kommt eine Pointe daher, die es in sich hat. Das ist, wie schon bei den Liedern, oft gut subversiv, zielt nachhaltig ins Unbewusste und schafft es wie nebenbei, mit kürzesten Sätzen ganze Lebensmodelle zum Einsturz zu bringen. Also, Obacht.

Funny van Dannen: »Die weitreichenden Folgen des Fleischkonsums« (Buch), sowie »Alles Gut Motherfucker«, beides Edition Tiamat, Berlin 2018. Buch: 184 Seiten, 16 Euro; CD 16,90 Euro.


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