Aus: Ausgabe vom 20.10.2018, Seite 8 / Ausland

»Arbeiten so eng zusammen wie vielleicht nie zuvor«

Präsidentschaftswahlen in Brasilien: Linke vereint gegen den Faschisten Jair Bolsonaro. Ein Gespräch mit Victor Guimarães

Interview: Torge Löding
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Schulter an Schulter gegen den Faschismus: Demonstration gegen den rechten Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro in São Paulo (6.10.2018)

Am 28. Oktober wird es in Brasilien eine Stichwahl zwischen dem eher moderaten Fernando Haddad von der Arbeiterpartei, PT, und dem Ultrarechten Jair Bolsonaro geben, der die Umfragen anführt. Wie reagiert die Linke in Brasilien auf diese Herausforderung?

Die linken und progressiven Kräfte Brasiliens arbeiten jetzt so eng zusammen wie vielleicht nie zuvor in der Geschichte. Nach dem Putsch gegen Präsidentin Dilma Rousseff im Jahr 2016 gründeten sich zwei Dachverbände von sozialen Bewegungen, die PT-nahe »Frente Brasil Popular« und die der linkssozialistischen PSoL nahestehende »Povo Sem Medo«. Zwischen diesen beiden wichtigen Strömungen gab es wenig Kontakt und noch weniger Sympathie. Aber wir überwinden diese Spaltung gerade, die beiden Verbände und zahlreiche andere Organisationen bilden gemeinsame antifaschistische Komitees.

Was ist die Aufgabe dieser Komitees?

Bis zur Stichwahl am 28.10. konzentrieren wir uns ganz und gar auf Wahlkampf. Wir alle unterstützen die Wahl von Fernando Haddad und seiner kommunistischen Vizepräsidentin Manuela d’Ávila. Es wird zwei landesweite Aktionstage geben: Am Samstag, den 20.10., protestieren Frauenorganisationen unter dem Motto »Er nicht« gegen Bolsonaro. Sie wollen an den Riesenerfolg vom September mit einigen hunderttausend Teilnehmenden anknüpfen. Am 24. Oktober soll es dann einen Aktionstag von Gewerkschaften und sozialen Massenbewegungen geben. Ich glaube, vom Erfolg dieser beiden Tage hängt ab, ob wir Bolsonaro noch schlagen können.

Wo kommt denn die Stärke dieses Kandidaten her, der bis kurz vor den Wahlen noch als Außenseiter und Clown abgetan wurde?

Sogar bei den Militärs gilt er als unseriös, als Hauptmann wurde er wegen Befehlsverweigerung unehrenhaft entlassen. Aber er wurde von der Ultrarechten in Brasilien und ihren Freunden in den USA als das perfekte Instrument für die Zerstörung der verbliebenen Errungenschaften der PT und der linken Organisationen erkannt. Mit beträchtlichen Finanzmitteln wurde seine Kampagne in den »sozialen Medien« aufgeblasen, und als ihm dann auch noch kurz vor der Wahl die evangelikalen Freikirchen den Segen aussprachen, kam das einem Dammbruch gleich.

Warum sind die fundamentalistischen Freikirchen so einflussreich?

Unter der Militärdiktatur wurde die Arbeiterpartei an der Basis, in den Armenvierteln, den Favelas, gemeinsam mit katholischen Vertretern der Befreiungstheologie aufgebaut, und in dieser Basisverankerung lag ihre Stärke. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ist diese aber verlorengegangen, und die Freikirchen haben sich statt dessen breitgemacht. Diesen Trend gilt es umzukehren, unsere einzige Chance ist es jetzt, überall sichtbar und aktiv zu sein und den wahren Charakter von Bolsonaro zu erklären, der mit seinen neoliberalen Vorstellungen gegen die Interessen der arbeitenden Bevölkerung handelt.

Aber abgesehen von der Frage, ob er gewinnt oder nicht, müssen wir für die Zukunft eine neue Strategie entwickeln. Deshalb starten wir jetzt auch eine weitere Initiative. Nach den Wahlen sollen aus den Wahlkampfkomitees die »Brigaden für die Demokratie« hervorgehen, die als neue linke Basisorganisationen den Kampf um die politische Hoheit an der Basis wieder aufnehmen.

Und das auch in den Zentren der großen Städte, denn hier haben wir besonders viel Einfluss verloren. Die Obdachlosenbewegung MTST hat ihre Hochburgen an den Stadträndern und die Landlosenbewegung MST auf dem Land, wir müssen unsere politischen Aktivitäten auf neues Territorium ausdehnen. Die »Brigaden für die Demokratie« sollen auch ein Angebot für Leute werden, die bisher nicht in den bestehenden Organisationen aktiv sind, und sie sollen sich nicht in Aktionismus verlieren, sondern ein grundlegendes politisches Bildungsangebot machen.

Victor Guimarães gehört dem Leitungsgremium der »Bewegung von Menschen ohne Obdach« (MTST) an, einer der wichtigsten sozialen Bewegungen Brasiliens. Er war Programmverantwortlicher im Wahlkampfteam von Guillermo Boulos, dem Präsidentschaftskandidaten der linkssozialistischen PSoL


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Rollback in Brasilien Der rechte Umsturz und der Widerstand

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