Aus: Ausgabe vom 18.10.2018, Seite 15 / Medien

Saudis am Pranger

Türkische Ermittler finden Spuren im Konsulat des Ölstaates. »Verschwinden« eines Journalisten bringt Riad in Erklärungsnot

Von Gerrit Hoekman
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Mutmaßlicher Tatort: Eingang zum Konsulat Saudi-Arabiens in Istanbul

Kaum jemand zweifelt noch daran: Der Journalist und Dissident Dschamal Chaschukdschi (englische Umschrift: Jamal Khashoggi) ist vor zwei Wochen im Konsulat von Saudi-Arabien in Istanbul ermordet worden. Wie der katarische TV-Sender Al-Dschasira von einer Quelle innerhalb der türkischen Staatsanwaltschaft erfahren haben will, hat die Polizei bei einer Durchsuchung des Konsulats am Montag Hinweise entdeckt, die diesen Verdacht erhärten.

»Wir haben Spuren gefunden, obwohl es den Versuch gab, sie zu überstreichen«, zitierte der TV-Sender die Staatsanwaltschaft. Die Ermittler nahmen während der Durchsuchung innerhalb und außerhalb des Gebäudes Proben, die nun ausgewertet werden müssen. Präsident Recep Tayyip Erdogan bestätigte das am Dienstag in Ankara gegenüber Medienvertretern.

Nachdem der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu angekündigt hatte, die Polizei werde nach dem Konsulat auch die Residenz des Konsuls durchsuchen, eilte der betreffende Amtsträger zum Atatürk-Airport und flog um 17 Uhr mit einer Linienmaschine nach Riad. Videoaufnahmen zeigen einen schwarzen Van, der angeblich am Tag des Verschwindens von Chaschukdschi das Konsulatsgelände verließ und wenig später vor dem Haus des Konsuls hielt – gut zwei Stunden nachdem der Journalist das Konsulat betreten hatte. Die Durchsuchung des Wohnsitzes wurde einer Meldung von Al-Dschasira zufolge abgeblasen, weil keine saudischen Offiziellen aufzutreiben waren.

Die Regierung in Riad behauptet weiterhin, man habe nichts mit dem Verschwinden des Journalisten zu tun. Am Dienstag spekulierten Medien, allen voran die New York Times, darüber, ob der Ölstaat ein »Teilgeständnis« vorbereite. Eine mögliche Version sei demnach: Das »Verhör« mit Chaschukdschi lief aus dem Ruder. Eine Verkettung unglücklicher Umstände, kein Mordkomplott. Kronprinz Mohammed bin Salman, im Westen als »Reformer« gefeierter Gewaltherrscher, habe damit nichts zu tun.

Die Räuberpistole wird eher Öl ins Feuer gießen. Denn sie erklärt nicht, warum für ein simples »Verhör« extra 15 Männer aus Riad einfliegen mussten. Dafür hätten zwei oder drei Beamte ausgereicht. »Auch die Anreise eines führenden Rechtsmediziners des Landes mit einer Knochensäge im Gepäck, der in wissenschaftlichen Aufsätzen publiziert hat, wie man menschliche Körper zerlegt, wäre völlig unerklärlich«, schrieb Die Zeit am Dienstag.

Warum sollte Chaschukdschi überhaupt »verhört« werden? Soweit bekannt, wollte er im Konsulat Unterlagen für seine Eheschließung holen. Und er hat in der Washington Post und anderen Medien seine Meinung über das politische System in Saudi-Arabien verbreitet. Der Journalist und frühere Direktor der saudischen Tageszeitung Al-Watan ging seinem Beruf nach. Weil das für ihn in seinem Heimatland zunehmend gefährlicher wurde, siedelte er vor zwölf Monaten in die USA über.

»Die wollen uns auf den Arm nehmen«, zitiert die Washington Post einen türkischen Beamten, der an der Durchsuchung im Konsulat beteiligt war. In dem Gebäude habe es auffällig nach Reinigungsmittel gerochen. Die Türkei scheint offenbar wild entschlossen, den Fall aufzuklären. »Die Türken haben so viel durchsickern lassen. Es ist undenkbar, dass sie sich mit weniger zufriedengeben werden, als der Welt zu erzählen, was genau passiert ist«, glaubt der britisch-palästinensische TV-Moderator Azzam Tamimi laut Al-Dschasira.

Die Affäre ist für Ankara außerdem eine Gelegenheit, sich als vermeintlicher Rechtsstaat und Wahrerin der Pressefreiheit zu präsentieren. Von den vielen in der Türkei inhaftierten Journalisten spricht im Moment kaum noch jemand. Trotzdem ist es den dortigen Behörden hoch anzurechnen, dass sie bis jetzt nicht vor Riads Wirtschaftsmacht einknicken. Allerdings hat die Türkei mit dem Emirat Katar einen anderen potenten Geldgeber in der Hinterhand – der sich quasi in einer Art Kriegszustand mit den Saudis und deren Verbündeten in den Vereinigten Arabischen Emiraten befindet.

Andere sind weniger standhaft. So klingt US-Präsident Donald Trump deutlich konzilianter als noch vor einer Woche. Von Sanktionen ist nicht mehr die Rede. Ganz im Gegenteil, nach einem Telefonat mit dem saudischen König Salman vergleicht Trump den Vorgang inzwischen mit dem Umgang mit US-Richter Brett Michael Kavanaugh und spricht von Vorverurteilung. Außerdem will er erklärtermaßen einen milliardenschweren Rüstungsdeal mit den Saudis nicht gefährden, schon gar nicht kurz vor den Kongresswahlen im November.

Daoud Kuttab vom International Press Institute glaubt sogar, dass Chaschukdschis mutmaßliche Ermordung auch Folge der aktuellen weltweiten Hetze gegen die Medien sei. Besonders Trump gebe mit seinem verbalen Dauerfeuer auf Zeitungen und Fernsehstationen in den USA ein denkbar schlechtes Beispiel ab, sagte Kuttab am Wochenende bei Al-Dschasira.

»Journalisten zum Schweigen zu bringen scheint für viele Regierungen rund um die Welt höchste Priorität zu besitzen«, so der Professor Ommar Al-Ghazzi von der London School of Economics am Sonntag ebenfalls gegenüber dem TV-Sender. Das beredte Schweigen der meisten arabischen Medien ist vielsagend. Offenbar trauen sich nur wenige, gegen Saudi-Arabien Stellung zu beziehen. »Es gibt arabische Journalisten, die haben Angst«, sagte der katarische Journalist Mohammed Al-Masri auf Al-Dschasira. Immer mit einem Bein im Gefängnis zu stehen, daran haben sich Presseleute in der arabischen Welt gewöhnt, zersägt zu werden ist neu.


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