• Pol & Pott

Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zuckermaisschaum

Von Ina Bösecke

»Das Leben macht keinen Sinn«, meint Roberto (Ricardo Darín), ein knurriger, eigensinniger Eisenwarenhändler in dem Film »Ein Chinese zum Mitnehmen« (Argentinien 2011) von Sebastián Borensztein. Als Beweis hat er sich einen Ordner angelegt, in dem er Zeitungsmeldungen über absurde Begebenheiten sammelt. Wie zum Beispiel die, die von einem Pärchen im Auto erzählt, das beim Liebesspiel in den Abgrund rollt. Eine andere berichtet über einen Friseur, der bei der Arbeit einen tödlichen Unfall erleidet und dabei einen seiner Kunden mit in den Tod reißt. Am skurrilsten klingt die Geschichte von der Kuh, die in China vom Himmel fällt, direkt auf den Körper einer Frau, die gerade einen Heiratsantrag von ihrem Liebsten erhält.

Das Leben des sich in der Einsamkeit eingerichteten Robertos kommt durcheinander, als er sich um den Chinesen Jun (Ignacio Huang) kümmern muss, der von einem Taxifahrer verprügelt und auf die Straße geworfen wird, direkt vor Robertos Füße. Versuche, Jun bei der Botschaft oder im chinesischen Viertel von Buenos Aires abzuliefern, scheitern. Jun sucht seinen Onkel in Argentinien und spricht kein einziges Wort Spanisch. Roberto setzt sich eine Frist von sieben Tagen. Wenn der Onkel bis dahin nicht gefunden wird, muss Jun sich einen anderen Helfer suchen.

Wenn man jahrzehntelang allein gelebt hat und dann plötzlich jeden Morgen jemand am Frühstückstisch sitzt, mit dem man sich nicht verständigen kann, wird es ungemütlich in den eigenen vier Wänden. Aber knurrig war Roberto ja eh schon, also kann eigentlich nur eine umgekehrte Entwicklung stattfinden. Der hilflose Jun hilft dem mürrischen Helfer, seine Verbitterung zu überwinden. Die Kuh, die am Anfang auf die chinesische Frau fällt, die, wie sich herausstellt, Juns Freundin war, wird von Jun auf die Häuserwand des Eisenwarengeschäfts gemalt und bildet den Wegweiser zu einer Frau für Roberto. So schließen sich die Kreise, sagt der Film, und alles hat doch einen Sinn.

Gegessen wird leider unterirdisch schlecht, wie es bei einem männlichen, mürrischen Single sicherlich keine Seltenheit ist. Blutwürste am Abend und trockene Brötchen zum Frühstück. Ab und zu wird etwas von einem chinesischen Imbiss bestellt. Argentinien hat mehr zu bieten. Zum Beispiel diesen feinen Zuckermaisschaum, im Ofen gebacken:

Sechs Zuckermaiskolben auf einer Gemüsereibe fein reiben. Mit einem halben Liter Milch, einem halben TL Salz, zwei EL Zucker in einen Topf geben, aufkochen, fünf Minuten bei kleiner Hitze köcheln lassen. Mais durch ein Sieb in eine Schüssel passieren. Vier EL Butter in einem Topf zerlassen, vier EL Mehl einrühren, hellgelb anschwitzen. Drei Viertelliter Milch unter Rühren angießen. Bei mittlerer Hitze unter ständigem Rühren kochen, bis die Milch eindickt. Die Maismilch unterrühren. Vom Herd nehmen, mit Zucker, Salz und frisch geriebener Muskatnuss abschmecken. Etwas abkühlen lassen. Backofen auf 175 Grad vorheizen. Sechs Eigelbe nach und nach unter die Maismasse rühren. Sechs Eiweiße steif schlagen, unterheben. Eine tiefe, ofenfeste Form mit Öl ausstreichen, Masse einfüllen. Im heißen Ofen ca. 45 Minuten backen.


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