Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Die Krise beginnt

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

Von Lucas Zeise
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Manchmal trifft es auch die Richtigen: Ein Broker flucht an der Wall Street (10.10.2018)

Alle haben es kommen sehen: Der lange Aufschwung am Aktienmarkt neigt sich dem Ende zu. Die Börse zeigt Schwäche. Die Kurse von US-Aktien hatten sich, gemessen am Dow-Jones-Index oder auch am Index S&P-500, seit dem letzten zyklischen Tief 2009 ungefähr verdreifacht. Der Kursaufschwung dauert also nun fast zehn Jahre. Die Konjunktur lief in dieser Zeit einigermaßen, die Gewinne der Unternehmen vorzüglich. Es gibt quasirationale Gründe für die Börsenentwicklung. Der wichtigste Faktor ist der offensichtliche. Sind die Profite der börsennotierten Kapitalunternehmen hoch, noch wichtiger, steigen sie, dann steigen auch die Aktienkurse. Doch damit ist jetzt wahrscheinlich bald Schluss. Der konjunkturelle Rückschlag ist fällig. In diesem Sinne ist die Aktienbörse auch ein Frühindikator für den Wirtschaftsverlauf.

Sehr früh und sehr zuverlässig ist dieser Indikator nicht gerade. Als im Sommer 2007 das Finanzsystem zu wackeln begann, hielt der Aktienmarktboom mit weiter steigenden Kursen noch fast bis Jahresende durch. Im Jahr 2018 muss selbst dem oberflächlichen Beobachter der Szene klar sein, dass die Krisenzeichen sich mehren. Zwei Ursachen dafür sind offensichtlich: Erstens scheint in den USA (wie in einigen anderen Ländern wie Deutschland) die Stagnation der Wirtschaft fast überwunden. Die offiziell ausgewiesene Arbeitslosenquote ist in den USA mit drei Prozent rekordniedrig. Investitionen im eigenen Land ziehen wieder etwas an. Bei so viel Erfolg verabschiedet sich die Notenbank von ihrer Politik der extrem niedrigen Zinsen. Das macht denen in den USA und in aller Welt, die Dollar-Schulden zu bedienen haben, Probleme und dämpft die Neigung der Kapitalisten und Spekulanten, sich zu verschulden, um die Produktionskapazitäten zu erhöhen oder auch um Aktien zu kaufen.

Zweitens hat die US-Regierung unter Donald Trump einen aggressiven Kurs gegen die engsten und größten Handelspartner begonnen. Es ist fast ausgeschlossen, dass sich das nicht negativ auf Welthandel, Produktion und Konjunktur auswirkt. Besonders dann, wenn man sich vor Augen führt, dass es zu großen Teilen die expansive chinesische Volkswirtschaft war, die die Weltkonjunktur nach der tiefsten Rezession der Nachkriegsgeschichte wieder einigermaßen in Fahrt gebracht hatte. Der von Präsident Trump zum Ausdruck gebrachte Wille, China mit den Sanktionen zu schaden, hat etwas Selbstzerstörerisches. Auch das ist schon oft gesagt und beschrieben worden. Die politische Führung meint offensichtlich, dass die immer noch stärkste Volkswirtschaft sich dies um des relativen Vorteils willen leisten kann.

Dass die Wirtschaftskrise ungefähr jetzt beginnt, ist offensichtlich, obwohl man sie in den statistischen Daten wohl erst in drei Monaten feststellen kann. Welchen Verlauf die Krise dann nimmt, ist völlig offen. Das hängt auch von den politischen Entscheidungen ab. Als erste Reaktion könnte die US-Notenbank davon absehen, die Leitzinsen weiter zu erhöhen. Sodann könnten die beiden verfeindeten Parteien nach der Wahl im November ein nettes Hilfsprogramm zugunsten der armen US-Monopole beschließen.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main


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