Aus: Ausgabe vom 12.10.2018, Seite 15 / Feminismus

Revolution der Frauen

Gut 500 Teilnehmerinnen bei internationaler Konferenz in Frankfurt am Main

Von Gitta Düperthal
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Referentinnen und Organisatorinnen der Frauenkonferenz in Frankfurt am Main

Mehr als 500 Frauen aus verschiedenen Ländern haben am Wochenende in Frankfurt am Main über Gemeinsamkeiten im feministischen Widerstand diskutiert. Frauen müssten sich an vielen Orten der Welt gegen ihre Ausbeutung, die Zerstörung der Seen und Wälder, die Enteignung ihrer Häuser sowie gegen Versklavung und kolonialistische Kriege zur Wehr setzen, hieß es. Das Motto der Konferenz im Studierendenhaus der Goethe-Universität: »Die Revolution im Aufbau – Frauen weben die Zukunft«. Zu Beginn standen alle auf, um der Mitstreiterinnen zu gedenken, die »im Kampf für die Frauenbefreiung, gegen den Faschismus und das Patriarchat ihr Leben verloren haben«. Rednerinnen der Tagung entzündeten Kerzen als »Flammen des Widerstands«. Es gebe »die historische Chance«, das 21. Jahrhundert zum »Jahrhundert der Frauen und der Freiheit« zu machen, betonte Dilber Aydin, Vertreterin der kurdischen Frauenbewegung und des Vorbereitungskomitees der Konferenz. Die Frauenfrage könne nie ein Nebenwiederspruch sein, sagte sie. Ziel der Tagung sei es, ein Netzwerk der Frauenbefreiung aufzubauen: »Wir müssen nur alle unsere Farben und Töne zusammenbringen«. Das Publikum signalisierte Zustimmung; mit dem Ruf der kurdischen Aktivistinnen »Jin, Jiyan, Azadi« – »Frau, Leben, Freiheit« oder mit »La lucha feminista recorre América Latina« – »Der feministische Kampf läuft durch Lateinamerika«.

Widerstandserfahrungen

Es ging um die Verteidigung von Frauenrechten in Honduras, wo sich Frauen gegen die Privatisierung von Bildung und Gesundheit, die Zerstörung der Natur, Vertreibungen indigener Gemeinschaften und Zwangsräumungen ganzer Dörfer zur Wehr setzen. Vertreterinnen von »Kongreya Star« aus den kurdischen Gebieten berichteten vom Aufbau neuer Strukturen der Frauenbefreiung in Nordsyrien und der gleichzeitigen Auseinandersetzung mit der Konterrevolution in der Türkei: »Wir sind bereits mitten in der Frauenrevolution, müssen uns gegen Diktatur, Patriarchat und religiösen Fanatismus wehren, gegen die Kriegsgelüste der NATO und Enteignungen durch multinationale Konzerne.« Ein weiteres Thema: eine neue Form der Volksbildung an der Universidad Popular Madres de Plaza de Mayo (UPMPM; Volksuniversität der Mütter der Plaza de Mayo) in Argentinien. Diese sei für die Frauen wichtig, denn sie würden »permanent in prekäre Arbeit gezwungen, unterdrückt und damit unsichtbar«, sagte Claudia Korol, einst Koordinatorin des Lehrstuhls für Politische Bildung Ernesto Che Guevara der UPMPM und derzeit Mitglied der Gruppe Gesellschaftsbildung. Das kapitalistische System nutze immer mehr Gewalt und Rassismus, setze auf Straflosigkeit für Gewalttäter, auf Drogen- und Waffenhandel. Digitale Technologien und »künstliche Intelligenz« würden quasi als Kriegsmittel eingesetzt. »Ya basta – es reicht«, rief sie ins Publikum. Es gelte, sich zu organisieren, Volksküchen und alternative Wirtschaft zu schaffen.

Miriam Miranda, die bei der sozialen Basisbewegung »Ofraneh« der afroindigenen Garifuna in Honduras mitwirkt, sagte, »moderne Kolonialisten« hätten Tausende Frauen ermordet und verfolgt, um Rohstoffe und Energie ausbeuten zu können. Am Beispiel Brasiliens sei zu registrieren, dass das Demokratiesystem »zu überdenken« sei. Politiker stünden zur Wahl, die sich nicht für die Belange der Bevölkerung interessierten. Männer ließen »ihre Wut und Frustration« darüber an Frauen aus. Die Zahl der Femizide habe in Lateinamerika zugenommen. Der Kampf für die eigene Befreiung setze aber auch voraus, sich von alten Gewohnheiten zu verabschieden, weniger zu konsumieren sowie neue Lebensweisen und Beziehungen zu schaffen.

Haskar Kirmizigül, Gründungsmitglied des Jineoloji-Zentrums in Brüssel, erläuterte die Entstehungsgeschichte der kurdischen Frauenforschung (Jineoloji): Deren Basis sei der Widerstand von Frauen in den Gefängnissen von Diyarbakir gewesen. Dort, wo die 2013 von einem V-Mann des türkischen Geheimdienstes in Paris ermordete kurdische Aktivistin Sakine Cansiz ab 1979 mehr als ein Jahrzehnt inhaftiert war. Zunächst sei der Kampf der Frauen nach den Prinzipien von Männern und dem Marxismus ausgerichtet gewesen, so Kirmizigül. Weil durch das Ende des Realsozialismus Hoffnungen zerbrochen seien, sei es zur Neudefinition der Geschlechterrollen gekommen: etwa mit »positiver Diskriminierung« der Männer, die die gesamte Küchenarbeit übernahmen. Um Denken und Fühlen zu verändern, habe es später Akademien gegeben. »Wir können keine freie Gesellschaft haben ohne freie Frauen«, sagte Kirmizigül. Die Revolution der Frauen sei nie beendet, sie schreibe sich fort.

Jade Daniels von der »Black Lives Matter«-Bewegung, die sich in den USA gegen extralegale Hinrichtungen, Polizeigewalt und sexistische Diskriminierung vor allem schwarzer Frauen einsetzt, sagte mit Blick auf Donald Trump: »Wir haben einen Präsidenten, der zugleich die Gefahr von Xenophobie, Kapitalismus, Imperialismus und Faschismus verkörpert«. Sie komme »aus dem Herzen des Monsters«, aber auch von »einem Ort, an dem die Menschen wieder erwachen und wo wir mit der Welt zusammenkommen, um Widerstand zu leisten«. Tausende Frauen seien gegen die Bestätigung des konservativen Richterkandidaten Brett Kavanaugh für den Obersten Gerichtshof durch den US-Senat auf die Straße gegangen.

Warlords und »Daesh«

Die afghanische Aktivistin Selay Ghaffar betonte, die NATO habe das Land im Namen von »Demokratie und Emanzipation« in den Krieg gestürzt. Neun Militärbasen hätten die USA dort aufgebaut, um ein neues Waffenarsenal zu testen. Humanität sei aber »nicht durch Massenmord und Bomben durchzusetzen«. Jahre zuvor hätten die USA in Warlords und »Daesh« – islamistische Kämpfer – investiert. Frauen kämpften dort gegen ihre Versklavung, indem sie ihre revolutionäre Kultur wiederbelebten.

Fazit der Konferenz: Verschiedene Sichtweisen müssten zu einer globalen Strategie des feministischen Kampfes und der Solidarität gebündelt werden. Frauen müssten etwa die kämpferischen Kurdinnen aus Afrin in Nordsyrien unterstützen, appellierte Ghaffar: egal wie fern ihre Länder gelegen oder wie groß eigene Probleme seien.


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