Aus: Ausgabe vom 12.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Jeder einmal nass machen

Klamauk und die erzählenswerte Fabel: Bertolt Brechts »Der gute Mensch von Sezuan« am Hans-Otto-Theater Potsdam

Von Erik Zielke
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»Mit viel Energie«: Flieger Yang Sun (Guido Lambrecht)

Ein langer weißer Steg ist in den Zuschauersaal des Großen Hauses im Hans-Otto-Theater Potsdam gebaut. Die Bühne ist leer, bis auf einen Wassereimer, ein Wasser- und ein Waschbecken. Dann hebt sich der eiserne Vorhang, ein weiteres Becken wird sichtbar, und dahinter spielt eine Jazzcombo – Trompete, Piano, Kontrabass und Schlagzeug – Bekanntes nach Paul Dessau (musikalische Leitung: Martin Klingeberg). Bühne und Kostüme sind in Schwarzweiß gehalten, man denkt an Film noir bei dieser Premiere am vergangenen Samstag.

Bertolt Brechts »Der gute Mensch von Sezuan«, im Exil entstanden, zählt zu den großen epischen Stücken des Weltdramatikers. Drei Götter begeben sich nach Sezuan auf der Suche nach einem guten Menschen. Wasserverkäufer Wang soll jemanden finden, der ihnen Obdach geben kann. Nach vielen Absagen bleibt nur die Prostituierte Shen Te, die sich bereit erklärt. Den Göttern wird offenbar, dass Shen Tes finanzielle Situation Güte so gut wie unmöglich macht, sie bezahlen für die Unterkunft. Von dem Geld kauft Shen Te einen Tabakladen und muss zur Einsicht kommen, dass gut zu sein ihr geschäftlicher Ruin wäre. So ist sie gezwungen, als ihr eigener Vetter Shui Ta aufzutreten und durchzusetzen, was sie selbst nicht übers Herz bringt.

Regisseur Malte Kreutzfeldt, der auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, wartet mit allerhand Einfällen auf und ist sichtlich bemüht, dem Stück zu Schwung zu verhelfen, auf das zuletzt ja die Sammlungsbewegung »Aufstehen« zurückging (Sahra Wagenknecht verlinkte einen Text aus der Zeit, in dem Dramaturg Bernd Stegemann anhand des Stücks die deutsche Flüchtlingspolitik erklärte). Über weite Strecken tragen Kreutzfeldts Ideen und verhelfen dem relevanten Stoff zu einem angetanen Publikum. Zu verdanken ist das auch Guido Lambrecht, der neu im Schauspielensemble ist und mit viel Energie den Flieger Yang Sun gibt. Im Verlauf ist die Inszenierung schließlich doch zu oft effekthascherisch. Das Theater soll seine Reize zeigen, aber nicht damit ermüden. Klamauk und Slapstick, Rock ’n’ Roll und Wasserschlacht lassen die erzählenswerte Fabel aus dem Blick geraten. Wenig spannend ist, dass jeder einmal ins Wasser springt. Wenn der Regisseur die Bühne schon unter Wasser setzt, muss sich pflichtgemäß jeder einmal nass machen. Man nennt das wohl Spielfreude.

Besonders irritierend ist die Idee, Dessaus Bühnenmusik um ein Lied des anderen großen Brecht-Theaterkomponisten Hanns Eisler zu erweitern: »Die Ballade vom Wasserrad« aus dem Stück »Die Rundköpfe und die Spitzköpfe« beschreibt die kapitalistische Gesellschaft als scheinbar ewig rotierendes Wasserrad und kommt zu dem Schluss, dass Besserung möglich ist, »wenn das Wasser endlich mit befreiter Stärke / seine eigne Sach betreibt«. Nichts spricht gegen diese sehr schönen, klaren Verse von Brecht. Doch warum werden sie ausgerechnet in der Szene vor dem ersten Auftritt des Vetters Shui Ta von einem Gutteil des Ensembles gesungen? Die Einsicht in die Notwendigkeit, eigene Güte fahren zu lassen, um weiter bestehen zu können, führt in Sezuan wohl kaum dazu, dass sich Einigkeit unter den Unterdrückten einstellte und man zum Betreiben der eigenen Sache überginge. Sollte das Wassermotiv die einzige Verbindung sein?

Um so mehr überrascht das hochkonzentrierte Ende. Hier lässt Kreutzfeldt die Situation ganz durch Sprache zum Ausdruck kommen. Das Stück verbirgt nicht seinen epischen Charakter, und Brecht tritt deutlich hervor. Dieser Schluss macht einem bewusst, wie zuträglich Reduzierung dem Verständnis ist.

Nächste Aufführungen: heute, 19.30 Uhr, Brandenburger Theater, 21.10. Potsdam, 6.11. Friedrichshafen, 10.11. Frankfurt/Oder


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