Aus: Ausgabe vom 12.10.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Interventionsmandat Hunger

Hilfsorganisation beklagt »besorgniserregende« Unterernährungssituation in vielen Ländern. Begeisterung für »Friedensstiftung«

Von Nico Popp
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Hungerkatastrophe im Jemen: Eine Frau hält die Hand eines unterernährten Kindes in einem Krankenhaus (1.10.2018)

Die Deutsche Welthungerhilfe hat am Donnerstag in Berlin zum dreizehnten Mal ihren Welthunger-Index (WHI) vorgestellt. Der WHI soll die »Welthungerlage«, aufgeschlüsselt nach Großregionen und einzelnen Ländern, anhand der Indikatoren »unzureichende Kalorienaufnahme«, »Unterernährung bei Kindern« und »Kindersterblichkeit« erfassen. Die Welthungerhilfe hat keine eigenen Erhebungen durchgeführt, sondern öffentlich zugängliche Daten internationaler Organisationen ausgewertet, darunter die der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Kinderhilfswerks UNICEF. Die Masse der Daten stammt aus dem vergangenen Jahr; relevante Entwicklungen des Jahres 2018 – etwa die vielfach als katastrophal bewertete Missernte in Syrien – wurden im jetzt vorliegenden WHI noch nicht erfasst.

Der Index ordnet die untersuchten Länder auf einer »Schweregrad«-Skala ein. Nach der besteht in 40 Ländern ein »niedriges«, in 27 Ländern ein »mäßiges«, in 45 ein »ernstes«, in sechs – im Tschad, in Haiti, Madagaskar, Sierra Leone, im Jemen und in Sambia – ein »sehr ernstes« und in einem Land – in der Zentralafrikanischen Republik – ein »gravierendes« Risiko zu hungern. Das weltweite Hungerrisiko bewertet der WHI als »ernst«; es gebe insgesamt 821 Millionen Hungernde.

Der Index erfasst 119 Länder. Einige konnten wegen ganz oder teilweise fehlender Daten nicht indexiert werden, befänden sich jedoch sehr wahrscheinlich in einer »besorgniserregenden« Hunger- und Unterernährungssituation: Zu dieser Gruppe gehören zum Beispiel Burundi, Eritrea, Libyen und Somalia. Nordamerika, die meisten Länder der Europäischen Union, Japan, Australien und Neuseeland wurden von vornherein nicht berücksichtigt.

Insgesamt besorgniserregend, nämlich im Durchschnitt »ernst«, ist die Situation den Zahlen des WHI zufolge besonders in Südasien und im subsaharischen Afrika. »Unannehmbar hoch« seien dort insbesondere die Werte für Unterernährung, Wachstumsverzögerung und Auszehrung bei Kindern sowie Kindersterblichkeit. Ernährungsbedingte Wachstumsstörungen und Auszehrung seien dabei vor allem in Südasien, hohe Unterernährung und Kindersterblichkeit in Afrika südlich der Sahara zu beobachten. Im Vergleich dazu fielen die Werte für Ost- und Südostasien, Nahost und Nordafrika, Lateinamerika und die Karibik sowie für Osteuropa und die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten deutlich besser aus. Hier sei das Hungerrisiko im Durchschnitt »niedrig« oder »mäßig«. Allerdings gebe es auch in diesen Regionen Länder mit einer »ernsten« oder »sehr ernsten« Situation. So weise Lateinamerika als Region ein durchschnittlich niedriges Hungerrisiko auf; dennoch seien etwa in einzelnen Bezirken Guatemalas bis zu 70 Prozent der Kinder von ernährungsbedingten Wachstumsverzögerungen betroffen.

Die »globalen Trends bei Hunger und Unterernährung« seien dennoch »vielversprechend«, heißt es im WHI. Auch in einigen Ländern Südasiens und des subsaharischen Afrika – Gabun, Ghana, Mauritius, Senegal, Südafrika und Sri Lanka – sei das Hungerrisiko inzwischen nur noch »mäßig«. Allerdings bleibe trotz des allmählichen Rückgangs des durchschnittlichen globalen Risikos seit dem Jahr 2000 die Frage, ob das UN-Ziel erreichbar sei, den Hunger bis 2030 »weltweit zu beenden«. Der WHI schlägt vier Maßnahmen vor und stützt sich dabei vor allem auf eine Studie der britischen Entwicklungsforscherin Laura Hammond. Statt Hunger in der Hauptsache als Folge »umweltbedingter und natürlicher Ursachen« zu begreifen, müsse er genau wie Flucht und Vertreibung zunächst als »Ergebnis politischer Prozesse« verstanden werden. Auffällig ist der daraus gezogene Schluss: Wer Hunger bekämpfen wolle, müsse »auf allen Ebenen« Maßnahmen zur Konfliktverhütung und »Friedensstiftung« unterstützen. Das klingt nicht nur nach Flankenschutz für das selbst erteilte globale Betreuungs- und Interventionsmandat »westlicher« Staaten, sondern ist sicher auch genauso gemeint. Statt – wie bislang angeblich üblich – ausschließlich mit humanitärer Hilfe auf Hunger und Vertreibung zu reagieren, müsse die »internationale Gemeinschaft« langfristige Lösungen bieten. Von Hunger bedrohte Vertriebene sollten in ihren Herkunftsregionen unterstützt werden; dort sei deren »Widerstandsfähigkeit« durch »Stabilisierung« ihrer Existenzgrundlagen zu sichern.

Die Bundestagsabgeordnete Eva-Maria Schreiber, Sprecherin für Welternährungspolitik der Fraktion Die Linke, empfahl der Bundesregierung am Donnerstag, den WHI »genau zu studieren«. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) scheine die »schwarze Null« wichtiger zu sein als das Leid von Millionen Menschen. Erst vor kurzem habe das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung angekündigt, dass es die finanziellen Zuwendungen für das Welternährungsprogramm kürzen müsse, wenn das Finanzministerium nicht mehr Haushaltsgelder freigebe. Zudem konzentriere die Bundesregierung ihre Entwicklungszusammenarbeit immer stärker auf wirtschaftlich aufstrebende Staaten, die für deutsche Unternehmen interessant sind. Für die ärmsten Länder gebe es dagegen immer weniger Geld.


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