Aus: Ausgabe vom 12.10.2018, Seite 5 / Inland

Elendsmanagement in Berlin

Strategiekonferenz: Senat stellt neue Programme zum Kampf gegen Obdachlosigkeit in der Hauptstadt vor

Von Susan Bonath
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Neue Maßnahmen des Senats bieten 1.080 Menschen (vorübergehend) Obdach. Die Zahl der Obdachlosen in der Hauptstadt wird auf 6000 geschätzt.

Berlin ist die Hauptstadt der Wohnungslosen. Bis zu 60.000 Menschen sind betroffen – viermal so viele wie 2014, Tendenz steigend. Tausende leben komplett auf der Straße. Die kommunalen Unterkünfte reichen längst nicht mehr. Auch Wohnungen sind knapp, die Mieten explodieren. Der Berliner Senat will nun gegen die Verelendung vorgehen. Am Mittwoch stellte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Die Linke) neue Vorhaben vor: Eine Obdachlosenstatistik und eine neue Leitlinie sollen erstellt, mehr Beratungsstellen geschaffen werden. Am Montag startete das Programm »Housing first« als Modellprojekt für drei Jahre. Das alles ist jedoch kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

»Housing first« zielt darauf ab, Betroffenen ohne Vorbedingungen erst einmal ein Dach über dem Kopf zu beschaffen. Suchterkrankungen oder Schulden sollen keine Rolle spielen. Problem: Höchstens 80 Betroffene sollen davon profitieren. Träger sind der Verein Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und die gemeinnützige GmbH »Neue Chance« zusammen mit der Berliner Stadtmission. Für 195.000 Euro in diesem und 580.000 Euro kommendes Jahr sollen sie insgesamt 70 Kleinstwohnungen akquirieren und die Bewohner später betreuen. Problem Nummer zwei: Die Wohnungen sind noch nicht da.

Die Berliner SkF-Bereichsleiterin Elke Ihrlich erklärte, ihr Verein stehe für Frauensolidarität und suche 30 Wohnungen für obdachlose Frauen. Diese seien »dem Leben auf der Straße mit besonderer Härte der Gewalt ausgesetzt und brauchen einen sicheren Schutzraum«. »Neue Chance«-Geschäftsführer Ingo Bullermann ist optimistisch. »Housing first ist nicht Housing only«, sagte er laut dem Senat. Und: »Wir gewährleisten ein intensives, hochflexibles Betreuungsangebot, mit dem wir Vermieter überzeugen können.«

Darauf hofft auch Senatorin Breitenbach: »Das Wichtigste ist, dass obdachlose Menschen eine Wohnung bekommen und den Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben finden«, stellte sie klar. Die Idee habe sich die Stadt von den USA abgeschaut. Städte wie Amsterdam, Kopenhagen und Lissabon praktizierten »Housing first« bereits. Breitenbach lobte: Jobcenter und Sozialämter würden dafür Mieten von bis zu 20 Prozent über den Berliner Obergrenzen anerkennen. Damit wirbt sie nun um Unterstützung von Vermietern. Das bedeutet auch: An dem Projekt kann nur teilnehmen, wer Anspruch auf Sozialleistungen hat. EU-Arbeitsmigranten, die einen großen Teil der Obdachlosen stellen, gehören nicht dazu.

Es hapert an weiteren Stellen des Elendsmanagements: Viele Wohnungslose sind krank und, wie etwa 55.000 weitere Berliner, nicht sozialversichert. Sie scheitern häufig an bürokratischen Regeln. In der Stadtmission am Berliner Hauptbahnhof hat am Dienstag nun eine neue Beratungsstelle eröffnet, wie Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) informierte. Diese »Clearingstelle« soll »jene unterstützen, die ärztliche Hilfe brauchen, aber keine Versicherungskarte nachweisen können«, erläuterte sie.

In Berlin füllen sich derweil Plätze mit Obdachlosen. Am U-Bahnhof Pankow etwa setzen laut Berliner Morgenpost Gewerbetreibende und Anwohner seit kurzem private Sicherheitsdienste gegen diese Menschen ein. Immer wieder verjagten Ordnungsamt und Polizei rund um den Tiergarten Kampierende. Immer mehr Mütter und Familien mit Kindern werden obdachlos. Seit September 2017 gibt es für sie in Kreuzberg eine Notübernachtungsstelle der Diakonie.

Am kommenden Montag will sich Breitenbach zudem mit der Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Sigrid Nikutta, treffen. Nikutta hatte jüngst verkündet, die U-Bahnhöfe in kalten Winternächten nicht mehr für Obdachlose zu öffnen. »Wir wollen keinen Toten in der U-Bahn«, begründete BVG-Sprecher Markus Falkner das Ansinnen mit Verweis auf Starkstrom am Gleis. Tage später lenkte er ein. Man suche eine »Lösung zwischen menschenwürdiger Übernachtung und Sicherheitsfragen im U-Bahnbetrieb«. Der Senat will im Winter wie vor einem Jahr 1.000 Notschlafplätze bereitstellen – viel zu wenige für alle Betroffenen.

In ganz Deutschland gibt es immer mehr Wohnungslose. Eine bundesweite Statistik gibt es aber nicht. Vor einem Jahr schätzte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG-W) ihre Zahl auf 860.000 und ging von einem weiteren Anstieg auf 1,2 Millionen bis Ende 2018 aus.


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