Aus: Ausgabe vom 11.10.2018, Seite 12 / Thema

Unsere Schande

Martin Walser hielt vor zwanzig Jahren in der Paulskirche seine Friedenspreisrede

Von Otto Köhler
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Im Täterland: Bundespräsident Roman Herzog (links) gratuliert Martin Walser in der Frankfurter Paulskirche zu seiner Rede gegen das Nichtvergessendürfen (11. Oktober 1998)

Sonntag, 11. Oktober 1998, Vormittag: Das Auto mit dem Stander des Bundespräsidenten fährt vor. Roman Herzog steigt aus und begibt sich mit seiner damaligen Frau in die Paulskirche in froher Erwartung der Dinge, die da kommen.

Der im Auto – rechtzeitig – ankommende Herzog kannte mich: Am Mittwoch, den 12. Februar 1958, packt er frühmorgens als Assistent des großen Juristen Theodor Maunz, der schon 1934 den endlich erfolgten »inhaltlichen Wandel des Begriffes eines ›unbescholtenen Lebenswandels‹ einer deutschen Frau, die einen Juden geheiratet hat« als »begrüßenswertes Ergebnis« wertete, für diesen Maunz also packt Herzog in München Entlastungsmaterial zusammen und rast damit im Volkswagen nach Würzburg. Dort hatte ich als örtlicher Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in der Vollversammlung der Studentenschaft einen Misstrauensantrag gegen unseren neuen Kultusminister Theodor Maunz eingebracht. Doch der gerade noch rechtzeitig vor der Abstimmung eingetroffene Roman Herzog hat einstweiligen Erfolg. Sein Lehrherr Maunz muss erst sechs Jahre später wegen seiner Nazibekenntnisse zurücktreten.

Aber wir sind jetzt, 1998, hier in der Paulskirche. Martin Walser bekommt den Friedenspreis des Börsenvereins des deutschen Buchhandels und hält die passende Rede. In der Mitte der ersten Reihe sitzt erwartungsvoll Roman Herzog mit seiner Frau. Einige Plätze weiter ist der Jude mit seinem Weib plaziert: Ignatz Bubis, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Auch er hat einiges zu erwarten. Nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen hatte er mit einer Delegation des Zentralrates am 2. November 1992 die Stadt besucht. Der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Karlheinz Schmidt empfing ihn mit der Frage: »Sie sind deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ihre Heimat ist Israel. Ist das richtig so?« Ignatz Bubis entgegnete: »Sie wollen mit anderen Worten wissen, was ich hier eigentlich zu suchen habe?« Das will 1996 beim Besuch des israelischen Präsidenten Ezer Weizman auch der gut unterrichtete Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Günter Reichert, als er Bubis zur Rede »seines« Staatsoberhauptes gratuliert. Bubis log: »Oh, Präsident Herzog hält immer gute Reden«. Doch der Obmann korrekter deutscher Politbildung bestand auf der Lesart des Reichssicherheitshauptamts: »Ich meine Ihren Präsidenten, Herrn Weizman.«

Würstchenbuden - nein!

Martin Walser war 1992 nicht in Rostock-Lichtenhagen. Aber er las, wie er jetzt in der Paulskirche verkündet, damals im Dezember 1992 in der Zeit einen Artikel von Jürgen Habermas, der schilderte, was Ignatz Bubis in Rostock sah und empfand. Und was Walser als Deutscher so nie hätte wahrnehmen können. Warum, fragt Walser, werde ich von der Empörung, die dem Denker den folgenden Satzanfang gebietet, nicht mobilisiert: »Wenn die sympathisierende Bevölkerung vor brennenden Asylantenheimen Würstchenbuden aufstellt …« Die sympathisierende Bevölkerung. Flugs macht Walser daraus die Bevölkerung schlechthin – unser armes deutsches Volk, das immer nur angeklagt wird – und ist empört: »Das muss man sich vorstellen: Die Bevölkerung sympathisiert mit denen, die Asylantenheime angezündet haben, und stellt deshalb Würstchenbuden vor die brennenden Asylantenheime, um auch noch Geschäfte zu machen. Und ich muss zugeben, dass ich mir das, wenn ich es nicht in der intellektuell maßgeblichen Wochenzeitung und unter einem verehrungswürdigen Namen läse, nicht vorstellen könnte«.

Er kann, er will, er darf es nicht glauben. Walser gedeiht zum Medienkritiker: »Die tausend edle Meilen von der Bild-Zeitung entfernte Wochenzeitung tut noch ein übriges, um meiner ungenügenden moralisch-politischen Vorstellungskraft zu helfen; sie macht aus den Wörtern des Denkers fett gedruckte Hervorhebungskästchen, dass man das Wichtigste auch dann zur Kenntnis nehme, wenn man den Aufsatz selber nicht Zeile für Zeile liest. Da sind dann die Wörter des Denkers im Extraschaudruckkästchen so zu besichtigen: ›Würstchenbuden vor brennenden Asylantenheimen und symbolische Politik für dumpfe Gemüter.‹«

Er könne »solche Aussagen nicht bestreiten«, sagt der Dichter. Aber sein Gewissen sagt ihm: »Genauso wenig kann ich ihnen zustimmen«. Denn: »Es geht sozusagen über meine moralisch-politische Phantasie hinaus, das, was da gesagt wird, für wahr zu halten«. Das ist eine richtige Beobachtung. Er war nicht dort, und so argwöhnt er exakt: »Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns« – uns – »wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient«. Langsam arbeitet sich der Friedenspreisredner vor. Von den Würstchenbuden vor brennenden Asylantenheimen zum eigentlichen Ziel, langsam: »Wahrscheinlich wollen sie auch sich selber verletzen. Aber uns auch. Alle. Eine Einschränkung: Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In keiner anderen Sprache könnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe, von Österreichern.«

Er klagt: »Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird. Könnte es sein, dass die Intellektuellen, die sie uns vorhalten, dadurch, dass sie uns die Schande vorhalten, eine Sekunde lang der Illusion verfallen, sie hätten sich, weil sie wieder im grausamen Erinnerungsdienst gearbeitet haben, ein wenig entschuldigt, seien für einen Augenblick sogar näher bei den Opfern als bei den Tätern? Eine momentane Milderung der unerbittlichen Entgegengesetztheit von Tätern und Opfern. Ich habe es nie für möglich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu verlassen.«

Ja, Walser will sich in Demut üben, aber, ist doch wahr, »wenn ich nirgends mehr hinschauen kann, ohne von einer Beschuldigung attackiert zu werden, muss ich mir zu meiner Entlastung einreden, in den Medien sei auch eine Routine des Beschuldigens entstanden. Von den schlimmsten Filmsequenzen aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut.« Jetzt endlich ist Walser am Ziel, nein, beim Etappenziel: »Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum.«

Aber irgendwann ist es aus; er muss unzurechnungsfähig werden: »Wenn mir aber jeden Tag« – jeden Tag – »in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein« – das ist verordnet – »für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Wenn ich merke, dass sich in mir etwas dagegen wehrt«, – und er weiß, wie man sich wehren muss – »versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, dass öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken.«

Ja, da ist er richtig froh, wenn er das entdeckt. Immer zu guten Zwecken, zu ehrenwerten. »Aber doch Instrumentalisierung. Jemand findet die Art, wie wir die Folgen der deutschen Teilung überwinden wollen, nicht gut und sagt, so ermöglichten wir ein neues Auschwitz.« Nein! Nie wieder! Nie wieder Auschwitz! Walser nennt keinen Namen, er meint Günter Grass und klagt: »Schon die Teilung selbst, solange sie dauerte, wurde von maßgeblichen Intellektuellen gerechtfertigt mit dem Hinweis auf Auschwitz.«

Na und? Wir schreiben den Oktober 1998. Schon bald – nach Überwindung der Teilung – wird ein grüner Außenminister schreien »Nie wieder Auschwitz«. Und mit diesem Ruf ganz normal einmarschieren ins alte Feindesland. Das war Instrumentalisierung. Und die war erst möglich mit der einen deutschen Armee nach dem Anschluss der DDR. Walser hat das befördert, er sagt es hier, bewundert seinen eigenen Mut – damals: »Im Jahr 1977 habe ich nicht weit von hier, in Bergen-Enkheim, eine Rede halten müssen und habe die Gelegenheit damals dazu benutzt, folgendes Geständnis zu machen: ›Ich halte es für unerträglich, die deutsche Geschichte – so schlimm sie zuletzt verlief – in einem Katastrophenprodukt enden zu lassen.‹« Ihn erfasste seinerzeit ungeheure Verwegenheit, er verkündete, erinnert er 1998 in der Paulskirche, schon 1977: »Wir dürften, sage ich vor Kühnheit zitternd, die BRD so wenig anerkennen wie die DDR. Wir müssen die Wunde namens Deutschland offenhalten.«

Und jetzt 1998 live nochmals die Zitter-Passion, der neueste Über-Mut: »Das fällt mir ein, weil ich jetzt wieder vor Kühnheit zittere, wenn ich sage: Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.« Beifall. In der ersten Reihe sitzen erstarrt Ignatz Bubis und seine Frau. Walser macht weiter: »Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien ein ganz normales Volk.« Er entdeckt, dass sich »in mir etwas gegen die Dauerpräsentation unserer Schande wehrt«. Wehrt sich gegen die »Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken«. Da bricht stürmischer Beifall aus, allen voran, kräftig in die Hände schlagend, Roman Herzog, vergnügt tuschelt er mit seiner Frau, sie lächelt verständnisinnig zurück. Ein ARD-Film hat es festgehalten.

Kameraschwenk zu den beiden Juden in der ersten Reihe: Ignatz Bubis und seine Frau, sie sitzen noch immer wie betäubt. Sie sind die einzigen in der Paulskirche – und Friedrich Schorlemmer, der neben ihnen sitzt –, die einzigen, die nicht applaudieren, die einzigen, die sich am Ende nicht erheben zu Ehren des Mannes, der sich endlich gegen die Juden wehrt. Und Roman Herzog – wieder im Bild – klatscht und klatscht, feixt, spricht dabei etwas. Sagte er, der hat’s denen aber gegeben? Rostock ist überall. Auch in der Paulskirche. Der ARD-Film über Walsers Friedenspreisrede, der alles festgehalten hat, wird – lange vorgeplant – kurz vor Mitternacht am 10. Januar 2017 ausgestrahlt. Am Morgen schon war, das hatte mit dem ARD-Programm nichts zu tun, Roman Herzog gestorben.

Gewissensfreiheit, die ich meine

Aber Walser ist noch nicht am Ende, sondern beim Kollegen Kleist. Bei dessen Reitergeneral Prinz von Homburg. »Der hat sich in der Schlacht befehlswidrig verhalten, der Kurfürst verurteilt ihn zum Tode, dann, plötzlich: ›Er ist begnadigt!‹ Natalie kann es kaum glauben: ›Ihm soll vergeben sein? Er stirbt jetzt nicht?‹ fragt sie. Und der Kurfürst: ›Die höchste Achtung, wie Dir wohl bekannt/ Trag ich im Innersten für sein Gefühl / Wenn er den Spruch für ungerecht kann halten / Kassier’ ich die Artikel; er ist frei!‹«

Walser rezitiert und fährt fort: »Also, es wird ganz vom Gefühl des Verurteilten abhängig gemacht, ob das Todesurteil vollzogen wird. Wenn der Verurteilte das Urteil für ungerecht halten kann, ist er frei. Das ist Gewissensfreiheit, die ich meine.«

Das ist Gewissensfreiheit, die Walser meint. Im Nürnberger Prozess bekannten sich alle Angeklagten als unschuldig. Und wurden – Schandurteil! – gehenkt. Einer aber, der zu den schlimmsten Naziverbrechern gehörte, bekannte frank und frei, er sei schuldig, blieb am Leben, und wurde nach seiner Entlassung aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis mit seinen gemäßigten Bekenntnisromanen über Hitler Millionär: Albert Speer. Doch Walser: »Wäre die Öffentlichkeit ärmer oder gewissensverrohter, wenn Dichter und Denker nicht als Gewissenswarte der Nation aufträten?« Das möchte der Dichter »den Meinungssoldaten entgegenhalten, wenn sie, mit vorgehaltener Moralpistole, den Schriftsteller in den Meinungsdienst nötigen«.

Zwei Wochen vorher war der genötigte Walser mit einem veritablen Meinungsgeneral beim Rotwein in dessen Haus in St. Tropez zusammengetroffen, mit seinem Freund Rudolf Augstein. Worüber sprachen sie? Keine Frage. Walser war an diesen Septembertagen anno 98 längst mit der Friedenspreisrede beschäftigt, die er am 11. Oktober in der Paulskirche zu halten hatte. Und sie waren schon während des ganzen Gesprächs beim Thema, dass die Deutschen endlich wieder ein normales Volk werden müssen. Damals konnten sie wirklich noch nicht ahnen, dass die Deutschen mit dem rotgrünen Regierungsantritt kein halbes Jahr mehr brauchten, um ihren ersten Nachkriegsangriffskrieg hinzubekommen, in aller deutschen Normalität, einen Krieg, dem die besten Söhne und Töchter der deutschen Friedensbewegung ihren Segen gaben – lässt sich mehr Normalität vorstellen als der Krieg der Koalition von Gerhard Schröder und Joseph Fischer, der Hitlers Überfall auf Jugoslawien fortsetzte?

Aber gegen dieses wiedererwachende normale Deutschland hat der Jude inmitten seiner aufblühenden Metropole einen Anschlag geplant. Walser in seiner Rede vor zwanzig Jahren: »In der Diskussion um das Holocaustdenkmal in Berlin kann die Nachwelt einmal nachlesen, was Leute anrichteten, die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlten. Die Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum. Die Monumentalisierung der Schande.«

Im Spiegel sprang Rudolf Augstein nach der Rede dem Freunde bei: »Man würde untauglichen Boden mit Antisemitismus düngen, wenn den Deutschen ein steinernes Brandmal aufgezwungen wird« – richtig, der Jude zwang uns das Denkmal auf. Und so wurden die Deutschen etwas, was sie nie waren: Antisemiten. Der Spiegel-Chef ahnte schon damals, »dass dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und gegen das in Berlin sich formierende Deutschland gerichtet ist.« Und er wusste genau, dass man es, bedroht von den Juden (»die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand«), nicht wagen dürfe, »die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.«

»Niemand hat soviel ernstgenommen wie er«, schrieb Martin Walser schon fünf Jahre vorher zu Augsteins siebzigstem Geburtstag. »Er hat für uns gesorgt. Wir konnten uns gehenlassen. Er hat aufgepasst. Was ganz Schlimmes konnte nicht einfach passieren, solange er aufpasste.«

Bis ins siebte Glied

Und wie der aufpasste. Nach dem Auftritt des Freundes triumphierte Augstein im Spiegel: »Jedes Tabu wird irgendwann, und dann regellos durchbrochen.« Und fand es völlig unverständlich, dass »der als gemäßigt anerkannte frühere Frankfurter Baulöwe« jetzt dem Freund »geistige Brandstiftung« vorwarf. Bubis habe sich damit »in ein gesellschaftliches Abseits« begeben.

Schließlich musste, Augstein sah es mit Unverständnis und Bedauern, nach Walser auch noch der geduldige Klaus von Dohnanyi bei Bubis einklagen, er möge mit seinen »nicht-jüdischen Landsleuten etwas behutsamer umgehen; wir sind nämlich alle verletzbar«. Augstein als nichtjüdischer Landsmann, auch er klagte bitter: »So geht es nun immer weiter bis zu der Feststellung von Ignatz Bubis, jeder dritte Deutsche sei antisemitisch oder dafür anfällig. Das ist eine gewagte Behauptung.«

Sehr gewagt!* Denn gerade dadurch – Bubis sollte sehen, was dabei herauskommt – entsteht ja Antisemitismus, den es sonst nicht geben würde. Da müssen doch alle Deutschen wie ein Mann antisemitisch werden, wenn man sie so verleumdet, wir alle, »die wir von der ›Endlösung‹ nichts wussten«. Bekannte doch selbst Helmut Schmidt, »heute fast 80 Jahre alt«, er habe »von den Verbrechen und der Judenvernichtung erst nach dem Krieg erfahren« – seine Teilnahme als Beobachter am Prozess gegen die Attentäter des 20. Juli lief mutmaßlich unter dem Rubrum staatsbürgerlicher Aufklärung.

Und wenn dann auch noch – Augsteins Sorge um die Juden zeigte sich unermesslich – das Schanddenkmal in Berlin gebaut wird, dann »schaffen wir Antisemiten, die vielleicht sonst keine wären«, und beziehen – das ist wirklich böse – für diese so geschaffenen Antisemiten »Prügel in der Weltpresse jedes Jahr und lebenslang, und das bis ins siebte Glied«. Bis ins siebte Glied. Juden machen das so, bekanntlich, und ihre Weltpresse macht es auch.

Die betreibt seit je gegen Deutschland, das weiß Augstein, »eine Stimmungsmache, der schon Konrad Adenauer Anfang der fünfziger Jahre mit den Worten Ausdruck gegeben hatte: ›Das Weltjudentum ist eine jroße Macht.‹« Adenauer wird man ja wohl noch zitieren dürfen.

Einer aus dem Volk, das Walser nachläuft, hatte letztes Jahr versucht, was in diesem Land nicht mehr nötig ist: eine Walser-Reprise. Björn Höcke, von der Nachfolgeorganisation einiger Vorgängervereinigungen sprach vor den »Jungen Alternativen« im Dresdener Ballhaus Watzke über die »dämliche Bewältigungspolitik«. Dort in der »Hauptstadt der Widerstandes« verkündete er: »Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.« Die AfD zeige »mit diesen antisemitischen und in höchstem Maße menschenfeindlichen Worten ihr wahres Gesicht«, erklärte der gegenwärtige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Josef Schuster. Er irrt, Vorgänger Ignatz Bubis wusste es besser: es ist das Antlitz von Martin Walser.

Epilog

Roman Herzog, der hochgestellte Gönner Martin Walsers starb, wie erwähnt, am 10. Januar 2017. Aber seine wichtigste Tat bleibt uns: der »Maunz«, der herrschende Kommentar zum Grundgesetz, den er mitherausgab. Herzog hat dafür gesorgt, dass der Artikel der unseren freilaufenden Nazis gefährlich werden könnte, der Artikel 139, unschädlich gemacht wurde. Dieser Artikel sieht – er sah! – die Weitergeltung der »zur Befreiung des deutschen Volkes vom Nationalsozialismus und Militarismus erlassenen Rechtsvorschriften« vor. Herzog befand schlicht und einfach in seiner Kommentierung: Dieser Artikel sei »obsolet«. Veraltet, nicht in die Zeit passend. Herzog wurde danach Innenminister, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Bundespräsident. Repräsentant von allen Deutschen, denen eine Befreiung von den Nazis obsolet sein muss – abgetragen, verbraucht, erledigt.

Bubis überlebte Walsers Rede um neun Monate. Danach wollte der oberste Repräsentant der Juden in Deutschland in der Bundesrepublik nicht mehr begraben werden. Wenige Tage vor der Walser-Rede im aufgewachten Deutschland war das Grab seines Vorgängers Heinz Galinski geschändet worden. Und nach Walsers Aufruf gegen das »Schandmal« wieder, diesmal mit einer Sprengladung. Bubis wurde in Jerusalem beigesetzt. Aber auch dort wurde sein Grab geschändet, von einem radikalen Israeli.

Im Ausland galt Bubis als guter Deutscher. Der Corriere della Sera schrieb: »Der deutsche Jude Ignatz Bubis wurde als Inkarnation der Alternative zum Zionismus betrachtet. Eine unbequeme Persönlichkeit in Israel.« Aber noch unbequemer war er – dafür verdient er unseren Dank – in Deutschland, dem Täterland, in dem er nicht begraben sein wollte.

* Nach einer damals im Auftrag des Spiegel durchgeführten repräsentativen Umfrage des Bielefelder Emnid-Instituts waren 36 Prozent der Deutschen der Meinung: »Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss.« Gemäß den Kriterien der Untersuchung könnten 48 Prozent der Deutschen als frei von Antisemitismus gelten, 13 Prozent haben eine offen antisemitische Einstellung, weitere 39 Prozent sind mehr oder weniger für Antisemitismus anfällig; Spiegel Spezial, Nr. 2, 1992, S. 70.

Otto Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6.10. zu Horst Köhler, Thilo Sarrazin und Hans-Georg Maaßen und deren Doktorarbeiten.


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