Aus: Ausgabe vom 11.10.2018, Seite 11 / Feuilleton

Die Theorie wurde zur Gewalt

HKW zeigt Ausstellung zu Situationisten unter dem Titel »The Most Dangerous Game«

Von Klaus Bittermann
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Filmstill aus dem Film »The Most Dangerous Game« von 1932

Alles, was bleibt, sind Spuren von Lippenstift. Der Pop-Theoretiker Greil Marcus hat in seinem berühmten Buch »Lipstick Traces« (deutsch: »Lippenstiftspuren«) die flüchtigen Linien der Bewegungen nachgezeichnet, die sich im 20. Jahrhundert an die Arbeit der Zerstörung der Gesellschaft machten. Die Situationistische Internationale war eine dieser Bewegungen. Als eine Handvoll Künstler die Situationistische Internationale (SI) im Juli 1957 in einem Bergdorf in Ligurien gründete, nahm außer im Kosmos der avantgardistischen Kunst in der anwährenden Nachkriegszeit allerdings kaum jemand Notiz davon.

Inzwischen ist die SI schon lange museal und zum Objekt zahlreicher Ausstellungen geworden. Die neueste Ausstellung findet im Haus der Kulturen der Welt statt, unter dem Motto »The Most Dangerous Game« nach einer Collage des SI-Mitbegründers Guy Debord.

Da die SI nur wenig hinterlassen hat, was gemeinhin unter Kunst verstanden wird, erweist sie sich auch heute noch als sperrig, was von Kuratoren mit Anspruch aber eher als Herausforderung verstanden wird. Wolfgang Scheppe, der mit »Migropolis«, einem zweibändigen »Atlas der globalen Situation« über Venedig, ein beeindruckendes Werk in die Welt gesetzt hat, Roberto Ohrt, der SI-Kunstexperte in Deutschland, und Eleonora Sovrani haben versucht, ihre Ausstellung anders zu konzipieren als bislang gewohnt.

Im Zentrum steht ein 1961 von Debord und Asger Jorn gefasster Plan, eine »Bibliothèque situationniste« zusammenzustellen: mit Büchern, Manifesten und Dokumenten nicht nur der SI, sondern von allen Gruppen und Initiativen, mit denen die SI in Verbindung stand. Debord, dem schon früh klar war, dass nur über ein Archiv Nachruhm zu sichern war, fertigte ein detailliertes Exposé an und schickte auch vieles an das von Jorn ins Leben gerufene Kunstmuseum in Silkeborg, wo das Projekt jedoch nicht weiter verfolgt wurde. In den letzten zwanzig Jahren wurde eine Rekonstruktion dieser Bibliothek vorgenommen, und die bildet den Schwerpunkt des »Most Dangerous Game«, das zwar nicht mehr gefährlich ist, aber immerhin eine neue Idee in die Ausstellungsgeschichte der SI bringt.

Mit der Ausführung des Konzepts verlangen die Aussteller dem Besucher allerdings eine Menge ab. Die Filme, die Zeitschriften in den Vitrinen, die Gemälde und Fotos kommen ohne jeden Hinweis auf Titel, Urheber oder Hintergrund daher. Wer etwas verstehen möchte, muss einen 900-Seiten-Wälzer im Merve-Format zu Rate ziehen. Die ersten 400 Seiten dieses Wälzers bieten eine als »Tafeln« bezeichnete unsystematische Collage vermutlich aus den Dokumenten, die für die Bibliothek in Silkeborg rekonstruiert wurden. Auf den folgenden 500 Seiten werden die Dokumente in den Vitrinen und Bilder und Fotos mit Namen, Entstehungsjahr und Urheber aufgelistet, und zu manchen Dokumenten gibt es eine ausführliche Legende, aus der man häufig sehr aufschlussreiche Dinge erfährt, weshalb man gut beraten ist, den Ausstellungsziegelstein mit sich herumzuschleppen.

Manchmal aber verliert sich auch ein Beitrag im typisch bedeutungsheischenden Kuratorensprech, wo man sich gern im Nebel unnötiger Abstraktionen und theoretischer Konstruktionen umgibt, der undurchdringlich ist und lediglich eine Distanz zum Betrachter dokumentiert und letztlich die Ausstellungsmacher die schlechte Tradition derjenigen fortsetzen, deren Werke man zu würdigen glaubt.

Aber wie war denn das mit den Situationisten? Verbindungen zu künstlerischen Bewegungen der Vorkriegszeit waren dank des großen Zivilisationsbruchs zerrissen. Es gab den »Surréalisme révolutionnaire« junger belgischer Aktivisten, die dänischen Künstlerverbände Host und Helhesten, die niederländische Experimentele Groep, die internationale Vereinigung »CoBrA«, das Movimento internazionale per una Bauhaus immaginista u. a., die Fragen gegenüber offen waren, wie man sich gegenüber der Gesellschaft positionieren konnte, wie man ihre Veränderung betreiben oder sie gar abschaffen konnte, ohne selbst Teil des Kunstbetriebs zu werden, den man schließlich kritisierte.

Eine Quadratur des Kreises. Auch der Kopf der Situationisten, Guy Debord, vermochte den Widerspruch nicht aufzulösen. Also machte Debord immer wieder auf die »Récupération« aufmerksam, auf die Befriedung und Vereinnahmung revolutionärer, widerständiger Energie, auf die integrierende Kraft des Spektakels. Phantasie und Kreativität, mit denen man im Mai 68 der repressiven Gesellschaft zu Leibe rücken wollte, waren so schon kurze Zeit später zum festen Bestandteil des Kommerzes, der Werbung geworden.

Man kann aber noch weiter zurückgehen, bis ins Jahr 1952, als ein paar trinkfeste und aus Heimen geflohene Jugendliche, Künstler und sonstwie übel beleumundete Personen die Lettristische Internationale gründeten, eine Linksabspaltung der von Isidor Isou ins Leben gerufenen Lettristen. Die Ideen, die aus der prekären Existenz der Beteiligten entstanden, das Umherschweifen als Methode der psychogeographischen Erforschung der Stadt, die »Konstruktion von Situationen« u. a. wären vielleicht folgenlos untergegangen, wenn Debord sie nicht der flüchtigen Existenz entrissen hätte, wenn er sie nicht weiterentwickelt hätte in Potlatch und im späteren Organ der SI, Internationale Situationniste. Von diesen Ideen nahm lange niemand Notiz. Erst Mitte der sechziger Jahre wurden sie breiter rezipiert und zum theoretischen Handwerkszeug derjenigen, die sich außerhalb des üblichen Meinungsspektrums befanden. Die Theorie wurde zur Gewalt, ganz so, wie Marx sich das erträumt hatte.

»The Most Dangerous Game«. Der Weg der Situationistischen Internationale in den Mai 68. Noch bis zum 10. Dezember 2018, Haus der Kulturen der Welt, Berlin.

Ausstellungskatalog: Wolfgang Scheppe, Roberto Ohrt: The Most Dangerous Game. Merve, Berlin 2018, 992 Seiten, 24 Euro


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