Aus: Ausgabe vom 11.10.2018, Seite 8 / Ansichten

Sherlock des Tages: Bellingcat

Von Reinhard Lauterbach
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Auf wessen Gehaltsliste sie wohl stehen: Bellingcat-Gründer Eliot Higgins (l.) und der Autor Christo Grozev (London, 9.10.2018)

Die britische »Rechercheplattform« Bellingcat hat ihr nächstes Werk vorgelegt: die Identifikation des zweiten angeblichen Skripal-Attentäters. Er soll von Beruf Marinearzt sein und einen Pass besitzen, in dem als Wohnadresse der Sitz des russischen Militärgeheimdienstes GRU in Moskau eingetragen ist.

Die Unstimmigkeit, dass ein Geheimdienst, der wirklich etwas verschleiern will, kaum auf die Idee käme, seine eigene Adresse in die Pässe seiner Bediensteten einzutragen, umgehen die Autoren elegant: Das sei ja auch gar nicht die wirkliche Wohnung des Mutmaßlichen, die sei nämlich noch viel geheimer gewesen.

Eines immerhin ist positiv: Bellingcat outet sich ungeniert als Geheimdienstsprachrohr. Die Argumentation stützt sich auf angeblich »geleakte« (also illegal gewonnene) Datenbankauszüge und Interviews mit anonym bleibenden angeblichen Zeugen. Das soll nicht moralisch beklagt werden – so arbeiten die Dienste halt. Nur dass die »Zeugnisse« dann genausogut auch fabriziert sein können. Warum schließlich ein Arzt nach England geschickt wurde, wird derart begründet: Wenn es um die Vergiftung gehe, sei so etwas zweckmäßig, um entweder die richtige Anwendung sicherzustellen oder zu verhindern, dass sich der Vergifter selbst mit ins Jenseits schafft.

Das passt zwar nicht zum Vorgehen im Fall Skripal, wo das unterstellte Risiko der Selbstvergiftung gar nicht bestand. Außerdem wäre für einen Geheimdienst, dem die Skrupellosigkeit des GRU unterstellt wird, dies das geringste Problem: Ein toter Mörder kann nicht mehr aussagen und kriegt in Abwesenheit ein schönes Begräbnis. Zudem handelte der Bandera-Attentäter Bogdan Staschinskij 1959 riskanter: Er spritzte seinem Opfer im Treppenhaus Blausäuregas ins Gesicht – allein. Sollten die Fähigkeiten der Russen so nachgelassen haben?


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