Aus: Ausgabe vom 10.10.2018, Seite 5 / Inland

Keine Versicherung

Umstrukturierungen bei der Allianz werden mit allen Mitteln durchgesetzt. Angestellte klagen gegen Mobbing

Von Susanne Knütter
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Der Versicherungskonzern sichert vor allem seine Profite ab

Bei Versicherungen muss vor allem eins abgesichert sein: der Profit des Unternehmens. Dazu ist jedes Mittel recht. Das zeigt die Klage eines Außendienstangestellten der Allianz Beratungs- und Vertriebs-AG, welche am Dienstag vor dem Arbeitsgericht in Berlin verhandelt wurde. Der Kläger fordert zum einen Schadensersatz wegen Mobbing durch Vorgesetzte. Zum anderen besteht er auf die Zurücknahme der Abmahnungen, welche im Anschluss an seine Wahl zum Ersatzmitglied für den Betriebsrat 2018 ausgesprochen wurden.

In der mehr als 20seitigen Klageschrift werden zahlreiche systematische Schikanen, Herabwürdigungen und Einschüchterungen des Klägers durch Vorgesetzte dargelegt und unter Beweis gestellt, heißt es in der Pressemitteilung des Rechtsanwalts Eberhard Schultz. Derartige Vorwürfe sind nicht neu. Im Juni berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung über die sehr ähnliche Klage eines Außendienstangestellten der Allianz Beratungs- und Vertriebs-AG aus Unterfranken.

Zwei weitere Konzernangestellte aus dem Vertriebsgebiet Nord-Ost, die als Unterstützung zur Güteverhandlung (bei der geprüft wird, ob man sich ohne Prozess gütlich einigen kann) gekommen sind, bestätigten dies gegenüber jW am Dienstag. Sie haben selbst bereits gegen das Unternehmen geklagt oder befinden sich in ruhenden Verfahren.

Begonnen hätten die Probleme mit den Umstrukturierungen im Konzern im Jahr 2008, sagten die drei Außendienstangestellten im Gespräch mit jW. Damit einher ging ein drastischer Stellenabbau, der noch nicht abgeschlossen ist. Im Jahr 2010 seien Betriebsratswahlen manipuliert worden. Nach erfolgreicher Anfechtung und Neuwahl wurde Doreen Köhler (Name geändert, Red.) Betriebsrätin. Sie riet den Kollegen, die neuen Verträge, welche mit den Umstrukturierungen einhergingen und eine Lohnsenkung von 20 Prozent vorsahen, nicht zu unterschreiben. Aus dem Vertriebsgebiet Nord-Ost, so die jetzt ehemalige Betriebsrätin gegenüber jW, seien bundesweit die meisten Klagen gegen diese Lohnsenkungen eingegangen.

Um Planungsstellen »freizubekommen«, habe der Konzern nicht davor zurückgeschreckt, einem sterbenden Kollegen einen Aufhebungsvertrag aufzudrängen. Angestellte, die nicht zu derartigen Geschäftspraktiken bereit sind und sich statt dessen dagegen wehren oder andere Kollegen schützen wollen, würden schikaniert.

Nachdem Köhler von einem ländlichen Vertriebsgebiet in die Großstadt versetzt worden war und ihre Ergebnisse manipuliert worden seien, wurde sie krank. Um wieder eingegliedert zu werden, so wie es ihr rechtlich zusteht, musste sie abermals kämpfen. Der Außendienstangestellte, dessen Klage am Dienstag verhandelt wurde, ist ungewollt freigestellt. Inzwischen habe der Mandant nicht nur die Serie von Abmahnungen erhalten. Kurz nach Einreichen der Mobbingklage erreichte ihn zunächst eine »fristlose« und schließlich eine »fristgemäße« Kündigung. Gegen beide Maßnahmen ist bereits Klage eingereicht worden, heißt es in der Pressemitteilung des Rechtsanwalts. Der nächste Termin vor dem Arbeitsgericht, um diese Angelegenheit zu verhandeln, ist bereits anberaumt: für den 13. November, 10.30 Uhr.

Bei einer Kündigungsschutzklage müsse das beklagte Unternehmen darlegen, dass entsprechende Gründe für eine fristlose Kündigung vorliegen bzw. eine fristgemäße Kündigung sozial gerechtfertigt ist. Im Falle von Mobbingklagen sei der Kläger darlegungs- und beweispflichtig, erklärte Rechtsanwalt Schultz am Dienstag gegenüber jW. Meist komme es in solchen Fällen zum Vergleich. Juristisch ist damit eine Einigung zur Vermeidung einen langwierigen Streits gemeint. Am Dienstag hat man sich nicht geeinigt. Nun wird das Arbeitsgericht entscheiden müssen.

Selbstredend sind die drei Angestellten auch bei der Allianz versichert. Das hat den durchaus interessanten Effekt, dass eine Gesellschaft des Konzerns die Prozesskosten der Angestellten einer weiteren konzerneigenen Gesellschaft gegen sich selbst übernehmen muss. Da es in Mobbingklagen noch keine nennenswerten Erfahrungen gibt, hatte die Rechtsschutzversicherung eine Deckungszusage in voller Höhe des Streitwerts zunächst abgelehnt. Sie begründete dies damit, dass sie für die Klage keine Erfolgsaussichten sehe. Schultz begrüßt, dass die Rechtsschutzversicherung der Allianz ihre ursprüngliche Ablehnung der vollen Deckungszusage nun korrigiert hat.


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