Aus: Ausgabe vom 06.10.2018, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Aufstand der Frauen

Hunderttausende in Brasilien und weltweit zeigten ultrarechtem Präsidentschaftskandidaten die rote Karte

Von Peter Steiniger
Antifaschistische Frauenpower am Zuckerhut: In Zentrum von Rio de Janeiro demonstrierten Zehntausende auf dem Cinelândia-Platz gegen die Symbolfigur für Hass und Intoleranz
Eine Botschaft, die um die Welt geht: Protest gegen Bolsonaro in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá
»Ihn niemals«: Die linken und demokratischen Kräfte Brasiliens brauchen mehr denn je die internationale Solidarität (Demo in Berlin-Kreuzberg)
»Für unsere Großmütter, unsere Mütter, unsere Töchter«: In Italiens Hauptstadt Rom zeigten Frauen, dass sie zusammenstehen
Vielfältiger Protest in Brasiliens Hauptstadt Brasília. Der »feministische Frühling« verkörpert die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft
»Vereinigte Frauen« (und Männer): Hunderte kamen zur Berliner Veranstaltung gegen Bolsonaro ans May-Ayim-Ufer nahe der Oberbaumbrücke
»Presente!«: In der norditalienischen Stadt Brescia erinnerten Aktivistinnen und Aktivisten an die im März in Rio ermordete Linkspolitikerin Marielle Franco
»Im Kampf«: Studentinnen der staatlichen Universität von Rio de Janeiro wollen verhindern, dass Faschisten das Rad der Geschichte zurückdrehen

Mehr als drei Millionen schlossen sich der Initiative im Internet bereits an, Hunderttausende – in der Mehrzahl Frauen – gingen am letzten Sonnabend im September in ganz Brasilien und an vielen Orten weltweit zu Protestaktionen auf die Straße. Auch in Europa waren sie sichtbar, etwa in Berlin, Wien, Rom, Paris, Lissabon und Barcelona. Selbst in Melbourne in Australien und im karibischen Santo Domingo war der Ruf zu vernehmen. Unter der Losung »#EleNão« warnten sie laut und leidenschaftlich nur eine Woche vor den Präsidentschaftswahlen im größten Land Südamerikas vor dem ultrarechten Kandidaten Jair Bolsonaro. Der langjährige Kongressabgeordnete hetzt laufend gegen Frauen, Schwarze, Indigene und Homosexuelle, verherrlicht die Militärdiktatur (1964–1985) und deren Folterer, stachelt an zu Gewalt gegen Minderheiten und Andersdenkende. Seine Anhänger machen Jagd auf Linke. Morde und Vergewaltigungen, verbale und physische Übergriffe gegen Frauen gehören in Brasilien zum Alltag. Hinter Bolsonaro stehen religiöse Fundamentalisten mit Masseneinfluss, die reaktionäre Oberschicht des Landes sowie Hardliner aus Militär und Polizei. Er schlägt Profit aus der Krise des Landes und dem Vertrauensverlust der Menschen in die etablierte Politik. Dem Großkapital verspricht er einen ultraliberalen Kurs. Mit Bolsonaro droht Brasiliens Gesellschaft nach dem institutionellen Putsch 2016 ein weiterer dramatischer Rückschritt. Nachdem Wahlfavorit Lula in politischer Haft sitzt und sein Antritt von der Justiz gegen internationales Recht untersagt wurde, liegt der faschistische Kandidat in den Umfragen vorn.

Auf den Kundgebungen und Demonstrationen wurde auch an die Frauenrechtlerin und Politikerin der Partei Sozialismus und Freiheit Marielle Franco erinnert, die im März 2018 in Rio de Janeiro einem Anschlag von Auftragskillern zu Opfer fiel. Gefordert wird, das Verbrechen endlich aufzuklären, die politischen Hintermänner dingfest zu machen. Gegen das dunkle Kapitel, das Brasilien droht, gegen Rassismus und Homophobie, zeigen nun immer mehr Menschen Gesicht, erheben ihre Stimme. Am heutigen Sonnabend gehen brasilianische Frauen wieder auf die Straßen. Sie wissen, es ist fünf vor zwölf.


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