Aus: Ausgabe vom 08.10.2018, Seite 2 / Inland

Besetzen ohne Ende

Erneut »übernahmen« in Berlin Aktivisten leerstehende Räume

Von Peter Schaber
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Aktivisten übernahmen in Berlin-Kreuzberg vorübergehend leerstehende Kellerräume

Das Blaulicht der gut 15 Streifenwagen und Polizeitransporter spiegelt sich am Sonnabend in den Scheiben des Adana-Grills gegenüber des Görlitzer Bahnhofs im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Zwischen einer Reihe behelmter Polizisten und einem improvisierten Konzert des anarchistischen Musikers »Geigerzähler« werden Flyer verteilt. Die Kellerräumlichkeiten der Skalitzer Straße 106 sind von außen nicht einsehbar, jemand hat Holzplatten davorgeschraubt. Über den geschlossenen Fenstern und Türen hängt ein Transparent: »Kiezsport statt Ferienwohnungen«. Es ist wieder einmal »besetzen« angesagt.

Unter diesem Hashtag eignen sich in unregelmäßigen Abständen im Rahmen einer gemeinsamen Kampagne Menschen unterschiedlicher politischer Strömungen leerstehende Häuser oder Wohnungen in der Bundeshauptstadt an. Derzeit haben sie zum »Herbst der Besetzungen« aufgerufen. Die Skalitzer Straße 106 gehört neben der Berlichingen Straße 12 im Stadtteil Moabit zu den Zielen dieses Tages. Letztere soll, so ein Statement der autonomen Stadtgestalter, »den vielen Wohnungs- und Obdachlosen in dieser Stadt zur Verfügung« stehen. »In Berlin sind weit über 10.000 Menschen obdachlos.« Mehr als 36.000 Wohnungslose seien 2017 in Unterkünften mit teilweise menschenunwürdigen Zuständen und strengen Hausregeln sowie ständiger Überwachung untergebracht worden. »Es gibt schlichtweg keine leistbaren Wohnungen mehr in der Stadt«, so die Besetzer.

In der Skalitzer Straße 106 ging es konkret darum, die leerstehenden Kellerräume, die zu einer Ferienwohnung umgebaut werden sollten, als selbstorganisierten Sportraum für die Nachbarschaft zugänglich zu machen. »Es gibt allein in Kreuzberg Tausende Airbnb-Angebote und Ferienwohnungen«, erklärte eine der Unterstützerinnen der Solidaritätskundgebung vor den besetzten Räumen, gegenüber junge Welt. »Aber unkommerzielle Räume für uns, die hier wohnen, werden immer weniger. Die wenigen, die es gibt, werden verdrängt.«

Für die angeblichen Sachzwänge der Hausbesitzer hat die Aktivistin wenig Verständnis. »Wer ganze Wohnblöcke sein eigen nennt, kann uns nicht erzählen, nicht auf zwei Kellerräume verzichten zu können. Wir wollen dafür sorgen, dass Stück für Stück das Leben in der Stadt von unten bestimmt wird. Aneignung von Räumen ist da ein wichtiger Teil.«

Am Ende des Tages konnten allerdings weder in der Berlichingen-, noch in der Skalitzer Straße die Wünsche der Besetzerinnen und Besetzer umgesetzt werden. Am frühen Abend räumte die Polizei in Moabit, aus den Kelleräumen in Kreuzberg entkamen die Aktivisten kurz vor dem Zugriff der Beamten durch ein Schlupfloch. Der offizielle Twitter-Account der Kampagne verabschiedete sich mit den Worten: »Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut und die Stadt von unten nicht in einem Herbst erkämpft. Wir werden weiter besetzen, solange bis wir es nicht mehr müssen.«


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