Aus: Ausgabe vom 06.10.2018, Seite 10 / Feuilleton

Die Postillion-Melodie

Man will Mahlers Dritte nie mehr anders hören: Teodor Currentzis’ Antrittskonzert mit dem SWR-Symphonieorchester

Von Berthold Seliger
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»Glut und Besessenheit«: Teodor Currentzis

»Sie brauchen gar nicht mehr hinzusehen – das habe ich alles schon wegkomponiert«, erklärte Gustav Mahler dem befreundeten Dirigenten Bruno Walter im Sommer 1896 in seinem Feriendomizil am Attersee über seine im Entstehen begriffene 3. Sinfonie. Eine Natursinfonie also, vergleichbar mit Beethovens Pastorale oder Richard Strauss’ Alpensinfonie? Wo doch die Einleitung des ersten Satzes in einer Skizze den Titel »Was mir das Felsgebirg’ erzählt« trug? Gemach. Zum einen strich Mahler alle Satztitel und lehnte jede programmatische Äußerung zu der Sinfonie ab. Zum anderen war »Natur« für ihn auch »alles Schauerliche«: »Mich berührt es ja immer seltsam, dass die meisten, wenn sie von ›Natur‹ sprechen, nur immer an Blumen, Vöglein, Waldesluft etc. denken. Den Gott Dionysos, den großen Pan kennt niemand. So: da haben Sie schon eine Art Programm – d. h. eine Probe, wie ich Musik mache. Sie ist immer und überall nur Naturlaut!«

Alles andere als eine Idylle hatte Mahler im Sinn. Über dem ersten Satz sieht er »jene Stimmung der brütenden Sommermittagsglut« liegen, »in der kein Hauch sich regt«, und da »jammert, um Erlösung ringend, der Jüngling, das gefesselte Leben, aus dem Abgrund der noch leblos-starren Natur, bis er zum Durchbruch und Siege kommt« – eine Befreiungssinfonie also, just davon schrieb Komponist Dieter Schnebel: »Jedenfalls handelt Mahlers musikalische Utopie in diesem (ersten) großen Satz von Befreiung. In den fünf Sätzen der zweiten Abteilung aber geht es um ihre Konsequenz: um Freiheit. Zu dieser als Verwirklichung der Utopie gehört, dass jeder Ausdruck und jede Sprache zu ihrem Recht kommt.«

»Da hab’ ich sie her!«

Befreiung, Freiheit – darauf zielt die Deutung der Sinfonie durch Teodor Currentzis und das SWR-Symphonieorchester. Currentzis hat Mahlers Dritte für seine Antrittskonzerte als neuer Chefdirigent ausgewählt, eines fand am 25. September im Wiener Konzerthaus statt, wo das Werk auch 1922, von Anton Webern dirigiert, als Teil der legendären Wiener Arbeiter-Symphoniekonzerte erklang. Es geht Currentzis (Stefan Siegert hat es am 21.4.2017 in dieser Zeitung berichtet) um Ehrlichkeit in der klassischen Musik, und die müsse eben »nicht nur erhaben sein und groß«, sondern auch »hässlich, eruptiv, verstörend«. Und es geht ihm »um Träume, um Glück und Tod, ums Schreien und Wispern, das ›Dionysische‹, die Glut und Besessenheit in der Kunst«. Da haben wir es wieder: das Dionysische, von dem auch Mahler sprach. Dionysos ist eben auch der Gott des Wahnsinns. Und der von Mahler ins Spiel gebrachte Pan erfreut sich in der griechischen Mythologie als Gott des Waldes an Musik, Tanz und Fröhlichkeit, kann aber auch, genau, »Panik« erzeugen.

Vielleicht ist Mahlers wichtigster Beitrag zur Musikgeschichte das He­reinholen der Volksmusik und der Klänge der Straße in seine Sinfonien. Sicher, Elemente davon hören wir bereits bei Mozart und Beethoven und besonders bei Schubert. Bei Mahler sind derartige Musiken aber keine Zitate mehr, sondern gleichberechtigter Teil des Ganzen, der Polyphonie der Welt. Beim Besuch eines Volksfests in der Nähe des Wörthersees geriet er außer sich vor Begeisterung »über den Ineinanderklang von Schießbuden und Kasperltheater, Militärmusik und Männergesangverein«, und laut seiner Vertrauten Natalie Bauer-Lechner hat er gesagt »Hört ihr’s! Das ist Polyphonie, und da hab’ ich sie her! (…) Gerade so, von ganz verschiedenen Seiten her, müssen die Themen kommen und so völlig unterschieden sein in Rhythmik und Melodik (alles andere ist bloß Vielstimmigkeit und verkappte Homophonie); nur, dass sie der Künstler zu einem zusammenstimmenden und -klingenden Ganzen ordnet und vereint.« Eine Polyphonie der Gefühle, eine Gleichzeitigkeit verschiedenster Sounds, wie sie in der Welt auf uns einstürzen.

In diesem ganz eigenen Tönen der Welt hat die Vielheit aller Musiken ihren Platz, Volksmusik oder Geräusche werden nicht mehr »vorgeführt«. Nur in einer radikalen Deutung, wie sie Currentzis vornimmt, entsteht die neue Wahrheit, hören wir den Sound der Befreiung und der Freiheit selbstbewusster Menschen: wenn etwa die Solo-Posaune in einer Variante des ersten Themas sich in freier Rede übt, oder die Musik des Spielmannszugs tatsächlich grobschlächtig und geradezu durchgeknallt zu hören ist – »ein Gesindel treibt sich da herum, wie man es sonst nicht zu sehen kriegt«, sagte Mahler dazu, und nahm die Musik dieses »Gesindels« durchaus ernst, ebenso wie seine Sentimentalität.

Der Trauermarschkomplex erklingt bei Currentzis in all seiner Brutalität, die die Brutalität jeglichen Marschierens (denken wir an Tucholskys »Alle Soldaten sind Mörder«) herausarbeitet. »Was uns das Felsgebirg erzählt« – viel mehr als eine Art musikalischer Gebirgsbeschau ist bei Currentzis zu hören. Er meißelt aus den Felswänden ein Panorama menschlicher Empfindungen und Verhaltensweisen, eine Art musikalischen Pergamonaltar heraus, bei dem wir »verstohlen in die aufgerissnen Rachen« starren oder »den Schlag der Pranke im eignen Fleisch spüren«, wie es in Peter Weiss’ »Die Ästhetik des Widerstands« heißt: »Genuss vermittelte das Werk den Privilegierten, ein Abgetrenntsein unter strengem hierarchischen Gesetz ahnten die andern.«

Alle Freuden, alle Schmerzen

Diese Bilder in uns zu erzeugen, gelingt Currentzis mit radikalen Mitteln: Bei Pianissimo-Stellen halten wir gebannt den Atem an, die Fortissimo-Stellen treffen uns mit atemberaubender Wucht. Alles an dieser Interpretation ist extrem, Currentzis lässt uns alle Freuden, die unendlichen, und alle Schmerzen, die unendlichen, ganz erleben. Das ist teilweise schier nicht auszuhalten. Gleichzeitig kann man nicht genug davon bekommen, und will das Werk nie mehr anders hören.

Zu einem Höhepunkt gerät der 3. Satz mit der Posthorn-Episode, früher gerne als »Kitsch« oder »echte Naivität« verdammt, von Mahler-Verehrer Adorno als »skandalös gewagt« bezeichnet. Aber können wir die volksliedhafte Melodie des Posthorns, »frei vorgetragen (wie aus weiter Ferne)«, nicht als eine Sehnsucht nach einer utopischen Heimat hören, wie sie Ernst Bloch am Ende seines »Prinzips Hoffnung« vorschwebte? »Hat er (der Mensch) sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.«

»Mein ganzes Leben ist ein großes Heimweh«, sagte Mahler einmal. Bei Currentzis versteht man den genialen Kunstgriff des Komponisten: Wir hören das Posthorn aus einem anderen Raum (dem Friedhof; wenn man es nüchterner mag: einem Raum hinter dem Konzertsaal), während gleichzeitig auf dem Podium die Sinfonie, also die Welt, »weitergeht« – doch immer wieder weht das Posthorn mit seiner verführerisch-einfachen Melodie rhythmisch völlig losgelöst in diese Welt hinein, lässt die Violinen stocken, bringt das ganze Orchester dazu, zu lauschen und innezuhalten, bis schließlich die Trompeten »schnell und schmetternd wie eine Fanfare« dazwischenfahren (übrigens fast identisch mit dem österreichischen Militärsignal »Abblasen«, man könnte also auch sagen, dass die konkrete Utopie durchs Militär abrupt beendet wird). Die Postillion-Melodie geht einem noch tagelang im Kopf herum, wenn man längst wieder im Getriebe der Welt gefangen ist. »Lasst uns umkehren, mit geballter Faust, und von vorne anfangen«, diese Zeilen aus einem der letzten Gedichte Pasolinis kommen einem in den Sinn.

Auf dem vom Vollmond beschienenen Heimweg in Wien ist sich der Rezensent sicher, dass die Menschen manchmal, wenn schon nicht zu fliegen, dann doch immerhin ein paar Zentimeter über dem Boden zu schweben vermögen.

Auf der Website des SWR kann Currentzis’ Stuttgarter Antrittskonzert komplett angehört und angesehen werden, dort findet man auch das »Currentzis LAB«, ein fast zweistündiges Hintergrundgespräch über die Mahler-Sinfonie: kurzlink.de/Currentzis


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