Aus: Ausgabe vom 02.10.2018, Seite 12 / Thema

In die Menge geschossen

Zwar gilt das Massaker vom 2. Oktober 1968 in Mexiko mittlerweile offiziell als staatliches Verbrechen, vollständig aufgeklärt ist es aber nicht – die Täter blieben ungestraft

Von Héctor Jiménez Guzmán
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Im Sommer 1968, kurz vor Beginn der Olympischen Spiele, legte die akademische Jugend mit Streiks und Besetzungen die Hauptstadt Mexikos lahm. Die Regierung setzte die Armee ein und ließ auf die Studenten schießen (Proteste vor dem Universitätsviertel in Mexiko-Stadt im August 1968)

Die Mexikanische Revolution begann 1910 als bewaffnete Rebellion gegen die Diktatur des Langzeitpräsidenten Porfirio Díaz. Sie mündete in die Herrschaft des Partido Nacional Revolucionario, das sich 1946 in Partido Revolucionario Institucional (PRI) umbenannte und Mexiko über 70 Jahre lang kontrollierte. War das Land eine Zeitlang durch Instabilität gekennzeichnet, so zweifelte Ende der 1960er Jahre fast niemand mehr am Erfolg der Mexikanischen Revolution. Es war die Zeit des Milagro Mexicano, des mexikanischen Wunders. Der Optimismus speiste sich aus zwei Quellen: einem bemerkenswerten Wirtschaftswachstum sowie einer oberflächlichen gesellschaftlichen Stabilität.

Der ökonomische Aufstieg war so unbestreitbar, dass das Internationale Olympische Komitee Mexiko-Stadt als Austragungsort der Olympischen Spiele für das Jahr 1968 auswählte. Das sportliche Großereignis war die perfekte Chance für die Regierung, der Welt ein modernes und wohlhabendes Land zu präsentieren. Das Olympiastadion auf dem Gelände der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) sollte vom 12. bis zum 27. Oktober 1968 zum Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit werden. Einige Jahre zuvor hatte der Maler Diego Rivera ein riesiges Wandbild für die Fassade des monumentalen Gebäudes geschaffen. Der Titel des Bildes verweist auf die vier Pfeiler der institutionalisierten Revolution: »Die Universität, die mexikanische Familie, der Frieden und die sportliche Jugend«.

Jugend in Aufruhr

Es waren genau diese vier Pfeiler, die dem seit 1964 amtierenden Präsidenten Gustavo Díaz Ordaz im Sommer 1968 heftige Sorgen bereiteten. Für ihn stellte sich die Situation folgendermaßen dar: die Universität – in der Hand von Marxisten und anderen Linken; die mexikanische Familie – unfähig, die Moral durchzusetzen; der Frieden – in Gefahr durch die Studentenbewegung auf den Straßen; die Jugend – in Aufruhr und ohne Interesse für die Olympischen Spiele. Trotzdem verkündete Díaz Ordaz noch Ende Juli 1968, Mexiko sei eine »unberührte Insel« inmitten der weltweiten Studentenunruhen, die Jugend sei vor der Rebellion gefeit. Aber dann kam alles anders. Ggenau in dem Moment, als sich die Augen der ganzen Welt auf das Land richteten, eskalierten die Studentenproteste.

Das Bild des friedlichen und idyllischen Mexiko bekam am 22. Juli 1968 erste Kratzer. Jugendliche spielten auf den Straßen der Stadt American Football. Plötzlich schlug das Spiel in Streit um, eine Schlägerei begann. Die Situation eskalierte, als Angehörige einer Einheit der Bereitschaftspolizei Los Granaderos auf die Jugendlichen einschlugen. Sie flüchteten in umliegende Schulen der Technischen Universität. Die Granaderos waren für ihre Brutalität berüchtigt. Sie drangen in die Gebäude ein und erteilten den Jugendlichen mit ihren Schlagstöcken eine Lektion. Linke studentische Aktivisten organisierten in den folgenden Tagen energische Proteste.

Am 26. Juli wollten die Studenten auf dem Zócalo, dem zentralen Platz der Stadt, demonstrieren, doch die Polizei verwehrte ihnen den Zutritt. Die folgende Repression wirkte wie ein Brandbeschleuniger. Die politische Polizei berichtete über 94 Festnahmen. Am 27. Juli kam es schließlich zur Revolte. Die Straßenkämpfe fanden rund um die Gebäude der Nationalen Universität statt. Trotz ihrer technischen Überlegenheit schaffte es die Polizei nicht, die Situation zu beruhigen. Deshalb setzte die Regierung die Armee ein. In der Nacht zum 31. Juli übernahm das Militär die Kontrolle über das Universitätsviertel. 68 weitere Personen wurden festgenommen. Zwar gab es zunächst keine weiteren gewaltsamen Zusammenstöße, aber das Eingreifen des Militärs steigerte die Empörung.

Am 1. August protestierte der Rektor der Nationalen Universität, Javier Barros Sierra, im Namen der gesamten Hochschule gegen die Gewalt. Damit begann eine studentische Massenmobilisierung, die weit über den Kreis der linken Aktivisten hinausging. Fast alle Hochschulen in Mexiko-Stadt traten nun in den Streik. Bald schlossen sich fast zwanzig weitere Universitäten des Landes den Protesten an. Am 4. August konstituierte sich auf einer großen Versammlung von Studenten und Schülern ein nationaler Streikrat (CNH).

Ein Dampfdruckkessel

Noch 50 Jahre später ist unklar, wie ein harmloses Footballspiel eine derartige politische Krise auslösen konnte. Vielleicht war es das abfällige Grinsen eines Spielers, eine Beleidigung oder unsportliches Verhalten. Manchmal spielt der Zufall eine Rolle. Fest steht in jedem Fall: Die wirtschaftliche und politische Situation Mexikos war nur scheinbar stabil. Im Sommer 1968 glich das Land einem Dampfdruckkessel, der jederzeit explodieren konnte.

Die Universitäten standen im Mittelpunkt der Revolte. Schon in früheren Jahren hatte es Studentenproteste gegeben, die mit der militärischen Besetzung von Bildungseinrichtungen endeten: 1956 in der Technischen Hochschule, 1960 in der Nationalen Schule der Lehrer, 1966 in der Universität Michoacán, 1967 in der Universität Sonora. In all diesen Fällen missachtete die Regierung die Autonomie der Universitäten.

Die Kritik der Studenten richtete sich gegen den PRI, der die Basis des Regimes bildete. Die Partei der institutionalisierten Revolution war eine große Massenorganisation, deren Führung nahezu alle gesellschaftlichen Gruppen kontrollierte. Sie war de facto mit dem Staat verwachsen. Trotzdem war der PRI keine Einheitspartei. Neben ihr existierte eine kleine, aber unbedeutende politische Opposition.

Der Präsident stand an der Spitze des Systems. Er wurde alle sechs Jahre gewählt. Doch bereits vor der Abstimmung suchte der Amtsinhaber im Geheimen seinen Nachfolger aus. Darauf folgte die Simulation einer demokratischen Wahl, bei welcher der PRI den vorbestimmten Kandidaten bestätigte. Trotzdem war das Mexiko der institutionalisierten Revolution keine offene Diktatur, sondern eine Demokratie, in der ungeschriebene Regeln jenseits der Verfassung galten. Zur politischen Praxis »à la mexicana« gehörte eine gute Portion Autoritarismus, es gab aber auch politische Aushandlungsspielräume. Wenn Verhandlungen nicht funktionierten, griff die Regierung jedoch entschlossen zur Repression.

Von 1942 bis 1970 existierte im mexikanischen Strafrecht das Delikt der »sozialen Zersetzung«. Unter diesem Tatbestand wurde die Verbreitung politischer Propaganda einer ausländischen Regierung oder sonstiger Ideen, die die »Souveränität der Nation« gefährden könnten, bestraft. Das Gesetz stammte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als Präsident Manuel Ávila Camacho Nazideutschland den Krieg erklärt hatte. Danach blieb der Vorwurf der sozialen Zersetzung ein Mittel, um politische Gegner zu kontrollieren. Die Regierung nutze das Gesetz zu Beschränkung der Presse-, Vereinigungs- und Meinungsfreiheit. Mit ihm ließen sich viele Proteste unterdrücken, indem ihre Wortführer verurteilt und inhaftiert wurden. So geschah es mit den Anführern der Streikbewegungen der Bahnarbeiter (1958/59), der Lehrer (1960) und der Ärzte (1965).

Das vermeintlich stabile politische System Mexikos glich in den 1960er Jahren einem Schweizer Käse, so der britische Historiker Alan Knight: An allen Ecken und Enden entstanden Löcher. In dieser Situation stellte die Studentenbewegung im Sommer 1968 Forderungen, die das autoritäre Regime in Frage stellten: 1. die Freilassung der politischen Gefangenen; 2. die Streichung des Straftatbestandes der sozialen Zersetzung; 3. die Auflösung der Polizeieinheit Los Granaderos; 4. die Entlassung der Polizeichefs Raúl Mendiolea und Luis Cueto; 5. Wiedergutmachungszahlungen für die Angehörigen der Toten und Verletzten und 6. die Ermittlung der für die Repression verantwortlichen Funktionäre.

Insgesamt zeigen die Forderungen des Streikrats, dass die Studenten Rechtsstaatlichkeit und ein Ende der Straflosigkeit wollten. Zwar lautete eine ihrer Parolen »Wir wollen keine Olympischen Spiele, wir wollen Revolution«, doch waren die Proteste deshalb noch keine revolutionäre Bewegung. Der Begriff war mehr ein rhetorisches Element und eine Bezugnahme auf die Bewegungen anderer Länder. Schließlich schien die Revolution in den 1960er Jahren in der Luft zu liegen.

Sommer der Mobilisierung

Von August bis Dezember 1968 agierte die Studentenbewegung auf drei verschiedenen Ebenen: im Streikrat, wo Repräsentanten der Hochschulen und Universitäten politische Entscheidungen trafen; in den Streikkomitees; und in den Brigaden, die Propagandamaterial verteilten, Geld sammelten und Demonstrationen und Kundgebungen organisierten. Diese Brigaden waren die Zellen des studentischen Aktivismus. Ihre Vielfältigkeit, ihr spielerischer Ansatz und ihr radikaler Geist waren die Essenz der mexikanischen 68er-Bewegung. Bis heute ist über die Erfahrungen der zahlreichen Brigadisten wenig bekannt. Ihre Geschichte muss noch erzählt werden.

Die Studentenbewegung war ein plurales Bündnis. Die erfahrensten Aktivisten kamen aus kleineren Gruppen der Linken: Dazu gehörten Marxisten-Leninisten, Trotzkisten, Maoisten, Linkskatholiken. Doch die organisierten Aktivisten waren eine Minderheit unter den protestierenden Jugendlichen. Die Mehrheit bestand aus Menschen ohne politische Erfahrung, die keiner bestimmten Richtung anhingen, junge Leute, für die 1968 einen Aufbruch darstellte, eine Chance, um die konservative Moral im Elternhaus und die polizeiliche Repression abzuschütteln. Und die Bewegung war in ihrer Mehrheit männlich, da damals deutlich weniger Frauen studierten.

Die Regierung machte die Kommunistische Partei (PCM) für die Studentenunruhen verantwortlich. Dies hatte bereits Tradition. Die Partei war seit ihrer Gründung 1919 eine halbklandestine Organisation und der Lieblingsfeind der mexikanischen Regierung, wenn es darum ging, jemandem die Schuld für soziale Unruhen in die Schuhe zu schieben. Dabei spielten die mexikanischen Kommunisten eigentlich gar keine Rolle. Denn tatsächlich hatte der PCM keinen Einfluss auf die studentische Bewegung. Obwohl einige der bekanntesten Aktivisten des Streikrats aus den kommunistischen Jugendorganisationen stammten, hatte die Partei kaum einen Einfluss.

Drei große Demonstrationen bestimmten im August und September, wenige Wochen vor dem Beginn der Olympischen Spiele, das öffentliche Bild von Mexiko-Stadt. Es wird geschätzt, dass zwischen 50.000 und 150.000 Menschen teilnahmen. Der Präsident war alarmiert. Wenn eine Demonstration der Kommunistischen Partei die Freiheit der politischen Gefangenen forderte, war das aus Sicht der Regierung kein großes Problem, denn der Geheimdienst hatte überall seine Agenten. Aber bei den Studenten war das anders. In dem Moment, da Zehntausende an den Universitäten streikten und auf die Straße gingen, wurden die Proteste für den mexikanischen Staat zu einem Risiko.

Das weit auszulegende Gesetz, das die »soziale Zersetzung« unter Strafe stellte, ermöglichte es jedem mexikanischen Präsidenten, seine Macht mehr oder weniger autoritär auszuüben, ganz nach seinem »persönlichen Stil«. Und derjenige von Präsident Díaz Ordaz war konservativ, autoritär und ordnungsversessen. Díaz Ordaz wurde 1911 zu Beginn der Mexikanischen Revolution geboren und stieg schnell in der Bürokratie auf. In den Jahren seiner Präsidentschaft von 1964 bis 1970 ging er offensiv gegen die politische Opposition vor. Er war überzeugt, dunkle Kräfte, die Kommunisten, hätten die Studenten manipuliert. Ein böswilliger Feind wolle die Olympischen Spiele stören und den Ruf Mexikos ruinieren. Fast wie ein wütender Vater warnte er die Studenten, sie seien zu weit gegangen: »Wir sind so tolerant gewesen, dass wir dafür kritisiert wurden, aber alles hat seine Grenze«, äußerte er am 1. September vor dem Kongress.

Heute weiß man, dass die Regierung versuchte, mit dem Streikrat geheime Verhandlungen zu führen. Die Studenten wollten aber einen öffentlichen Dialog. Der jedoch war unmöglich in einem Land, in dem Verschwiegenheit eine der wichtigsten ungeschriebenen Regeln war. So blieb aus Sicht der Regierung nur ein Weg: Repression.

Seit dem Ausbruch der Proteste hatte die Armee die Verantwortung für deren Überwachung. Panzer begannen, auf den Straßen von Mexiko-Stadt zu patrouillieren. Der Regierung lief die Zeit davon, der Beginn der Olympischen Spiele rückte immer näher. Am 18. September besetzte die Armee die UNAM. Durch die militärische Operation wurde die universitäre Autonomie verletzt, aber es wurde nicht geschossen. Als weitaus schwieriger erwies sich die Besetzung der Technischen Hochschule am Abend des 23. September. Die Studenten leisteten heftigen Widerstand. Die Bilanz dieser Nacht: drei Tote sowie Dutzende Verletzte und zahlreiche Festnahmen. Das Militär weitete seine Patrouillen fortan auf die gesamte Stadt aus. Auch kam es zu Angriffen auf andere besetzte Hochschulen. Männer in Zivil schossen aus vorbeifahrenden Autos mit Maschinenpistolen auf Streikende. Und die politische Polizei ging gegen die bekanntesten Aktivisten des Streikrats vor.

Das Massaker von Tlatelolco

Obwohl der Streikrat an der Forderung nach einem öffentlichen Dialog festhielt, fand am Morgen des 2. Oktober ein geheimes Treffen zwischen Studentenvertretern und der Regierung statt. Am selben Nachmittag gab es eine Demonstration auf dem Platz der Drei Kulturen im Viertel Tlatelolco, drei Kilometer nördlich des Zócalo. Bereits zum dritten Mal innerhalb eines Monats fand dort ein studentisches Meeting statt. Verschiedenen Berichten zufolge befanden sich einige tausend Personen auf dem Platz. Um 17.30 Uhr begann eine Kundgebung. Ungefähr eine halbe Stunde später fielen die ersten Schüsse.

Die Menge rannte verängstigt auseinander. Als die Demonstranten den Platz verlassen wollten, trafen sie auf das Militär. Einige berichteten, die Soldaten hätten auf die Leute geschossen. Andere sagten aus, sie hätten in die Luft gefeuert. Am Ende blieb eine unbekannte Anzahl von Toten und Verletzten auf dem Platz.

Es hat mehr als 30 Jahre gedauert, bis Erklärungen für das Massaker vom 2. Oktober an die Öffentlichkeit gelangten. 1999 veröffentlichte der Journalist Julio Scherer einige Dokumente aus dem Nachlass des Generals Marcelino García Barragán, der 1968 Verteidigungsminister war. Dank dieser Dokumente wissen wir, dass an jenem Tag die »Operation Galeana« geplant war. Sie hatte das Ziel, die Anführer des Streikrats zu verhaften. Allerdings hatte sie noch ein weiteres Ziel: die Studenten für ihren Ungehorsam zu maßregeln. An der Operation nahmen verschiedene militärische Bataillone, Polizeieinheiten und Mitglieder der Präsidentengarde teil. Letztere standen auf den Dächern rund um den Platz der Drei Kulturen und schossen von dort auf die Demonstranten.

Bis heute ist unbekannt, ob die Schüsse eigenmächtig abgegeben wurden oder Teil eines Plans des Präsidenten sowie der Militär- und Polizeispitze waren. General García Barragán zufolge gab der Präsident dem Chef seiner Garde und ihm unterschiedliche Befehle. Sein Auftrag war es, die Studenten zu verhaften, während die Präsidentengarde das Feuer eröffnen sollte. Die Medien behaupteten in den folgenden Tagen, die Studenten seien bewaffnet gewesen und hätten selbst auf die Demonstration geschossen. Alle bisher bekannten Fakten widersprechen dieser Version.

Nach den Ereignissen von Tlatelolco verliefen die zehn Tage später beginnenden Olympischen Spiele erfolgreich und ohne weitere Proteste. Gleichzeitig nahm die Repression gegen die Studentenbewegung zu. Nach außen zeigte Mexiko ein freundliches Gesicht, während sich die Gefängnisse mit rebellischen Jugendlichen füllten. Trotz der Repression existierte der Streikrat noch bis Dezember 1968.

Im nachhinein bekanntgewordene Berichte der politischen Polizei besagen, dass es in der Nacht zum 3. Oktober 26 Tote, 100 Verletzte und mehr als 1.000 Verhaftete gegeben habe. Mehr als 200 Teilnehmer der Studentenbewegung saßen in der Folge für mehr als zwei Jahre im Gefängnis. Sie wurden eines Verbrechens beschuldigt, dessen Opfer sie geworden waren. Allerdings gab es nie eine Verurteilung. Statt dessen setzte die Regierung sie willkürlich fest und ließ sie später genauso willkürlich wieder frei.

Die mexikanische Regierung hat nie eine offizielle Erklärung zu dem Massaker abgegeben. Sie blieb damit ihrer Tradition der Verschwiegenheit treu. Gustavo Díaz Ordaz erklärte erst 1977 bei einer Pressekonferenz, etwa 30 bis 40 Personen seien gestorben, darunter »Soldaten, Unruhestifter und Neugierige«. Seit 1993 steht auf dem Platz der Drei Kulturen ein Denkmal für die Opfer des Massakers von Tlatelolco. Auf dem Monolith stehen 20 Namen. Aber auch 50 Jahre danach sind die genauen Opferzahlen unbekannt.

Da das offizielle Schweigen anhielt, entstanden bald alternative Versionen der Ereignisse. Zahllose Lieder, Bücher und Filme erzählten, es habe Hunderte oder sogar Tausende Todesopfer gegeben. Beweise dafür gibt es nicht. Es scheint nachvollziehbar, dass viele in den Jahren nach 1968 und angesichts der anhaltenden Repression von hohen Opferzahlen ausgingen. Aber auch eine niedrigere Opferzahl ändert nichts an den Ereignissen. Das Massaker von Tlatelolco war ein staatliches Verbrechen unabhängig von der Zahl der Toten.

Erinnerungspolitik

Heute wird die mexikanische 68er-Bewegung als ein die Gesellschaft prägendes Ereignis angesehen. Das Massaker von Tlatelolco gilt als Wendepunkt auf dem Weg zur Demokratie. Es dauerte dennoch dreißig Jahre, bis der mexikanische Kongress erstmals eine Kommission schuf, um das Verbrechen aufzuarbeiten. Dies war nur möglich, weil der PRI dort die absolute Mehrheit verloren hatte. Im selben Jahr ließ der Kongress von Mexiko-Stadt mit goldenen Lettern die Aufschrift »Märtyrer der Studentenbewegung von 1968« an seiner Ehrenmauer anbringen. Damit sollten die Toten des 2. Oktober geehrt werden.

Im Jahr 2000 verlor die PRI die Wahlen. Die neue, rechte Regierung schuf 2002 eine Staatsanwaltschaft zur Aufarbeitung des Verbrechens und zur Bestrafung der noch lebenden Verantwortlichen. Seitdem sind die staatlichen Dokumente im Nationalarchiv öffentlich zugänglich. Die Staatsanwaltschaft wurde allerdings 2007 wieder aufgelöst, und keiner der beschuldigten staatlichen Funktionäre wurde verurteilt. Einige starben während des Prozesses, andere wurden freigesprochen. 2007 eröffnete die UNAM eine Gedenkstätte mit einer Ausstellung über die Studentenbewegung in Tlatelolco. Außerdem gilt der 2. Oktober seit 2011 offiziell als nationaler Trauertag.

Jedes Jahr findet in Mexiko-Stadt eine große Demonstration unter dem Motto »Der 2. Oktober wird nicht vergessen« statt. Im September 2014 entführten Studierende der Pädagogischen Fachschule aus Ayotzinapa einen Bus, um an der Demonstration teilnehmen zu können. 43 von ihnen wurden von der Polizei festgenommen. Sie sind bis heute verschwunden. Der autoritäre Staat existiert also weiter, obwohl sich das politische System seit dem 2. Oktober 1968 beachtlich verändert hat. Am 1. Juli 2018 gewann eine pragmatische Koalition, die von der links ausgerichteten Partei Morena (Movimiento Regeneración Nacional, Bewegung für die nationale Erneuerung) angeführt wird, mit überwältigender Mehrheit die Wahlen. Es bleibt abzuwarten, ob die neue Regierung die Aufklärung der Verbrechen von Tlatelolco und von Ayotzinapa voranbringen kann.

Kürzlich wurde bekannt, dass die staatliche Exekutivkommission für die Betreuung der Opfer (Comisión Ejecutiva de Atención a Víctimas) die Aktivitäten der Gedenkstätte zum 50. Jahrestag des Massakers von Tlatelolco mit sechs Millionen Pesos, umgerechnet etwa 270.000 Euro, unterstützt. Diese Kommission soll die Gewalt des sogenannten Krieges gegen die Drogenmafia in Mexiko aufarbeiten. Ihr Vorsitzender bezeichnete die Summe etwas mehrdeutig als »symbolische kollektive Entschädigung« für die Opfer der Repression. Viel dringender als solche Gesten braucht Mexiko jedoch etwas anderes: ein Ende der Straflosigkeit.

Héctor Jiménez Guzmán ist Soziologe und ­Historiker. Er lebt in Bern und Toluca (Mexiko).


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