Aus: Ausgabe vom 29.09.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Das kann man nur glauben

Von Reinhard Lauterbach
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Screenshot der Website von »Bellingcat«

Nehmen wir als Maßstab mal eine ausermittelte echte KGB-Untat. Im Oktober 1959 brachte der Agent Bogdan Staschinski in München den ukrainischen Faschisten Stepan Bandera um. Nach den im Bayerischen Hauptstaatsarchiv zugänglichen Ermittlungsakten bekam die Polizei, nicht zuletzt wegen Blockaden seitens des BND, der Bandera gerade entgegen amerikanischen Bedenken – die CIA hielt ihn für einen Aufschneider – rekrutiert hatte, buchstäblich nichts heraus außer allerhand schmutziger Wäsche aus dem ukrainischen Exilmilieu, von Ehebruch bis Erpressung. So dass sie die Tat Banderas Gesinnungsgenossen zutraute, aber niemandem etwas beweisen konnte. Was man heute weiß, verdankt man dem Umstand, dass der Täter 1961 desertierte und vor dem Bundesgerichtshof ein Geständnis ablegte. Danach agierte er erstens allein und entsorgte zweitens das für den Mord verwendete Sprühgerät, aus dem er Bandera ein Blausäure-Aerosol ins Gesicht gespritzt hatte, in den Eiskanal im Englischen Garten. Anschließend setzte er sich in den Nachtzug Richtung Westberlin, stieg dann aber am Bahnhof Friedrichstraße aus.

Man vergleiche damit das von den westlichen Medien unterstellte Verhalten der beiden mutmaßlichen Täter, die den russischen Exdoppelagenten Sergej Skripal in Salisbury vergiftet haben sollen. Erstens: Sie reisen auf direktem Wege, zweitens gemeinsam. Wozu braucht man übrigens zwei Leute, wenn die Aufgabe darin bestanden haben soll, eine Türklinke mit einem Aerosol aus einem Parfümflakon zu besprühen? Kann das nicht einer? Für das eingesparte Geld hätte man dann vielleicht dem angeblichen Killer auch noch einen Mietwagen spendieren können, damit er nicht auf Schritt und Tritt ins Blickfeld irgendwelcher Überwachungskameras kommt, wie bei der Reise mit der Bahn. Später sollen die beiden Bösewichte drittens das Corpus delicti ausgerechnet in einen Altkleidercontainer geworfen haben, wo sie sicher sein konnten, dass es gefunden würde. Dann hätten sie es gleich bei der Polizei abgeben können. Zu blöd für einen ordentlichen Anschlag, lautet die implizite Botschaft – auch Verachtung gehört zum Feindbild.

Jetzt legte die sogenannte Rechercheplattform »Bellingcat« nach. Nicht ganz auf derselben Linie. Sie dämonisiert. Sie will mindestens einen der Verdächtigen identifiziert haben. Der als Ruslan Boschirow Benannte sei in Wahrheit Oberst Anatoli Tschepiga. Die Quellen, auf die »Bellingcat« sich dabei beruft, sind solche, die man in der Regel nicht im Internet findet: etwa interne Telefonverzeichnisse russischer Militäreinheiten. Damit outet sich »Bellingcat« zunächst einmal selbst: nix »Bürgerjournalismus«, vielmehr Sprachrohr von denjenigen Geheimdiensten, die über solche Unterlagen verfügen.

Bildschön der Schluss der Beweisführung: »Bellingcat hat vertraulich Kontakt mit einem früheren russischen Offizier von ähnlichem Rang wie Oberst Tschepiga aufgenommen. Die Quelle, die sich Anonymität vorbehielt, äußerte sich überrascht darüber, dass mindestens einer der beiden Agenten im Rang eines Obersten gestanden haben soll … Nach den Worten unserer Quelle wäre für eine derartige Operation normalerweise ›höchstens ein Hauptmann‹ entsandt worden. Die Entsendung eines Obersten wäre höchst ungewöhnlich und würde bedeuten, dass die Sache ›auf höchster Ebene angeordnet‹ worden sein müsse.« Soll heißen: Der Befehl sei von Putin persönlich gekommen. Und der, bekanntlich ein Mann aus der Branche, soll entgegen den Regeln einen viel zu hochrangigen Mann ins Risiko geschickt haben? Warum hätte er das tun sollen?

Uns wird erklärt: Gerade weil es unwahrscheinlich ist, ist es wahrscheinlich. Die christliche Theologie kennt für solche Situationen die Formel »Credo quia absurdum«. Frei übersetzt: Es ist so verrückt, dass man es nur noch glauben kann. Der Verstand sträubt sich.

Die Quellen, auf die »Bellingcat« sich im Fall Skripal beruft, sind solche, die man in der Regel nicht im Internet findet: etwa interne Telefonverzeichnisse russischer Militäreinheiten. Damit outet sich Bellingcat zunächst einmal selbst: nix »Bürgerjournalismus«, vielmehr Abteilung Desinformation westlicher Geheimdienste.


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