Aus: Ausgabe vom 27.09.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

RWE räumt, Equinor träumt

Saubere Braunkohle im Tagebau Hambach? Norwegischer Energieriese wirbt mit CCS-Projekt

Von Yannick Liedholz
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Ölplattform des Equinor-Konzerns vor Stavanger, Norwegen (11.2.2016)

Im Auftrag von RWE geht die Polizei gegen die Demonstranten im Hambacher Forst vor. Der rheinische Energieriese ist nicht das einzige Unternehmen, das trotz des fortschreitenden Klimawandels weiter auf sein fossiles Geschäftsmodell pocht. Auch der Ölkonzern Equinor peilt mit dem CCS-Verfahren neue Profite an.

»Wir könnten alle Emissionen aufnehmen« – mit diesem vielsagenden Zitat betitelte Die Zeit am 8. August ihren Artikel über das Projekt »Polarlicht«, mit dem der norwegische Ölkonzern Equinor die Carbon-Capture-and-Storage-Technik (CCS) zur Marktreife bringen will. Es handelt sich dabei um eine Kombination verschiedener Technologien, mit denen man das entstehende Kohlendioxid von Industrieanlagen abscheiden und in unterirdischen oder marinen Speicherstätten endlagern will. Equinor, eher bekannt unter dem früheren Namen Statoil, hat wie RWE einen Jahresumsatz von rund 50 Milliarden Euro. Das Projekt »Polarlicht« ist bereits der zweite große Anlauf in Richtung CCS, der erste war im Jahr 2013 krachend gescheitert. Diesmal soll der Durchbruch aber gelingen. Dafür kooperiert Equinor mit anderen fossilen Schwergewichten wie Shell, Total und Heidelberg Cement.

RWE hat in Hürth-Knapsack, etwa 30 Kilometer vom Tagebau Hambach entfernt, im Jahr 2009 ein sogenanntes IGCC-CCS-Kraftwerk in Betrieb genommen. Mit diesem soll die rheinische Braunkohle u. a. mittels CCS-Verfahren als Energieträger deutlich weniger CO2-Emissionen verursachen. Ein ähnliches Vorgehen wie bei Equinor und seinem Polarlicht-Projekt. In dem firmeneigenen Flyer zu dem IGCC-CCS-Kraftwerk heißt es: »Die Entscheidung für Hürth ist zuvorderst eine Entscheidung für die rheinische Braunkohle.« Also auch eine Entscheidung für die Braunkohle aus dem Tagebau Hambach.

Anders als es der Zeit-Artikel suggeriert, sind das CCS-Verfahren und die Pläne von Equinor scharf kritisiert worden, insbesondere aus dem Bereich der sozialwissenschaftlichen Klimaforschung. Einer, der sich intensiv mit diesem Thema befasst hat, ist Timmo Krüger. Er promovierte über die Konflikte um CCS in der internationalen Klimapolitik und arbeitet derzeit am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung. Er weist in seinen Veröffentlichungen darauf hin, dass für das CCS-Verfahren bisher noch nicht der Nachweis erbracht wurde, dass es Kohlendioxid in relevanten Mengen von der Atmosphäre fernhalten kann. Zudem ist es selbst mit Ressourcen- und Energieverbräuchen verbunden, wodurch sich sein Wirkungsgrad verringert. Auch Sicherheitsbedenken führt Krüger an. So sind die Risiken der CO2-Endlagerung – ähnlich wie bei der radioaktiver Abfälle – nur schwer einzuschätzen und zu kontrollieren. Bei den weltweit bestehenden CCS-Pilotanlagen, unter anderem von Equinor und RWE, gibt es gleich mehrere unabhängige Berichte über technische Störfälle und Leckagen.

In Norwegen hat die bürgerlich-konservative Regierung die CCS-Projekte von Equinor bereits mit milliardenschweren Förderprogrammen unterstützt. Das Land, das so sehr vom Erdöl und Erdgas abhängig ist, will auch in Zukunft seinen Wohlstand sichern. Anwendung und Verkauf patentierter Hochtechnologien sind lukrative Geschäftsfelder. Equinor träumt bereits von neuen Rekordgewinnen. Allein, der Klimawandel wird so nicht aufgehalten. Im Gegenteil. Wie Krüger klarstellt, stabilisiert das CCS-Verfahren die fossile Macht- und Infrastruktur, die den Klimawandel erst herbeigeführt hat.


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Umwelt, Erde, Mensch Klimawandel, der Angriff auf die Biosphäre

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