Aus: Ausgabe vom 27.09.2018, Seite 1 / Titel

IS-Schleuser vom Amt

Berliner V-Mann besorgte Geld und Flugtickets für 16jährigen Rekruten der Dschihadisten. Der junge Mann findet das inzwischen gruselig

Von Claudia Wangerin
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IS-Kämpfer 2015 in Jarmuk, einem damals von Dschihadisten kontrollierten Randgebiet von Damaskus

Ein inzwischen 19jähriger, der vor gut drei Jahren in Deutschland vom »Islamischen Staat« rekrutiert wurde und kurz darauf kalte Füße bekam, erhebt schwere Vorwürfe gegen einen V-Mann des Berliner Verfassungsschutzes. Weil der damals Minderjährige selbst keine Flugtickets kaufen konnte, um zunächst in die Türkei zu reisen und sich dann dem IS in Syrien anzuschließen, soll das der V-Mann Emanuel P. erledigt haben. Dabei sei P. klar gewesen, wohin die Reise letztendlich gehen sollte. Dies hatte der Jugendliche nach einem Bericht ZDF-Magazins »Frontal 21«, das den Vorgang am Dienstag abend aufdeckte, bereits in seiner polizeilichen Vernehmung gesagt, nachdem er 2015 in der Türkei aufgegriffen und nach Deutschland abgeschoben worden war.

Die IS-Rekrutierer hätten ausgenutzt, dass er sich einsam gefühlt habe, erklärte der von »Frontal 21« unkenntlich gemachte junge Mann, der ursprünglich aus dem Libanon stammen soll, den Reportern. »Die haben nach meiner Schwachstelle gesucht.« Am 17. August 2015 habe der V-Mann ihn zum Flughafen Tegel gebracht. »Ich kann so jemanden nicht verstehen«, sagte der 19jährige über den Provokateur vom Amt. »Er schickt Jugendliche, Kinder in den Tod. Ich weiß nicht, ob er weiß, was es heißt, wenn eine Mutter oder ein Vater ein Kind verliert. Das ist unmenschlich und kriminell, was er gemacht hat.«

Bereits auf der Fahrt von Istanbul zur syrischen Grenze habe er andere Rekruten getroffen, die sich in die Luft sprengen wollten. Ihm sei zuvor weisgemacht worden, er müsse in Syrien weder sterben noch töten.

Dem Bericht zufolge ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft Berlin gegen den Ex-V-Mann. Der Berliner Verfassungsschutz soll die Zusammenarbeit mit ihm im September 2015 eingestellt haben. Die Behörde erklärte auf »Frontal 21«-Anfrage standardmäßig, sie kommentiere grundsätzlich keine operativen Vorgänge.

Allerdings findet sich dieser Vorgang laut »Frontal 21« in Akten des Bundeskriminalamts zum »Gefahrenabwehrvorgang Lacrima«, die dem Bundestagsuntersuchungsausschuss zum Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 erst kürzlich zugänglich gemacht wurden. Die Abgeordnete Martina Renner, die als Obfrau der Linksfraktion in dem Ausschuss arbeitet, geht davon aus, dass der Vorgang so lange wie möglich vor dem Gremium geheimgehalten werden sollte. »Dieser V-Mann, der unmittelbar daran beteiligt war, Minderjährige für den IS zu rekrutieren, steht in einer langen Reihe mit anderen skandalösen Vorfällen rund um den Einsatz von Spitzeln durch den sogenannten Verfassungsschutz« erklärte Renner am Mittwoch gegenüber junge Welt. »Immer wieder, nicht zuletzt im Kontext des NSU, waren V-Leute unmittelbar in die Begehung schwerster Straftaten involviert.«

Das Lacrima-Verfahren habe sich gegen eine Gruppe gerichtet, die mutmaßlich von dem Dschihadisten Denis Cuspert alias Deso Dogg nach Deutschland geschickt worden war, um IS-Anschläge zu begehen, so Renner. Ermittelt worden sei zunächst gegen Sabou Saidani, der direkt mit Cuspert in Verbindung gebracht wurde und eine bedeutende Rolle bei der Ausreise des damals 16jährigen Jungen gespielt haben soll, sowie gegen Sabri Ben Hadef und Ahmed Jalleb. Auch wurde der Gruppe Bilal Ben Ammar zugerechnet, der wiederum als enge Kontaktperson des mutmaßlichen Haupttäters vom Breitscheidplatz, Anis Amri galt. Nach seiner überraschend schnellen Abschiebung im Februar 2017 konnte Ben Ammar in Tunesien untertauchen. In engem Kontakt zu Saidani habe aber auch der V-Mann Emanuel P. gestanden.


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