Aus: Ausgabe vom 25.09.2018, Seite 1 / Titel

Die neue Klasse

Studie: 38 Prozent der deutschen Erwerbstätigen gehören ganz oder beinahe zum »Prekariat«

Von Nico Popp
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Für den klaren Blick auf die soziale Realität im Land: Gebäudereiniger bei der Arbeit im Bundestag

Etwa ein Achtel der deutschen Erwerbsbevölkerung ist anhaltend prekär beschäftigt und lebt dauerhaft unter prekären Umständen. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Montag veröffentlichte Studie, die von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wurde. Die Autorengruppe unter Leitung von Jutta Allmendinger (Wissenschaftszentrum Berlin) und Markus Promberger (Universität Erlangen-Nürnberg) hat Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) ausgewertet, die zwei Zehnjahresperioden – 1993 bis 2012 – abdecken. Das SOEP ist eine repräsentative und jährlich wiederholte Befragung von etwa 12.000 deutschen Haushalten.

Die Autoren sprechen von einem »mehrfachen Strukturwandel der Erwerbsarbeit« in den vergangenen Jahrzehnten, der durch drei Elemente gekennzeichnet sei: den Rückgang von Normalarbeitsverhältnissen zugunsten von Teilzeit- und Leiharbeit, den umfassenden Abbau erwerbsbezogener sozialer Sicherungssysteme und einen starken Anstieg der Erwerbsbeteiligung von Frauen. »Prekarität« steht vor diesem Hintergrund für eine stabile »Zwischenzone«, die sich nach oben von der relativen Sicherheit des Normalarbeitsverhältnisses und nach unten von der verfestigten Erwerbslosigkeit und Armut abhebt. »Personen in der Zwischenzone bilden eine neue gesellschaftliche Gruppe, wenn nicht gar Klasse«, heißt es in der Studie.

Kennzeichnend für das Erwerbsleben dieser Klasse seien Niedriglöhne und unsichere, häufig wechselnde Jobs; daraus wiederum resultiere eine spezifische Haushaltssituation: Armut, beengte Wohnverhältnisse, häufig auch Überschuldung. So leben in Deutschland vier Millionen berufstätige Frauen und Männer – 12,3 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Nicht jeder befristet Beschäftigte, Leiharbeiter oder Minijobber wird hier mitgezählt. 26 Prozent der Erwerbstätigen verortet die Studie in einer »Zone gefährdeter Sicherheit«; hier ist entweder die Beschäftigungssituation oder die Haushaltssituation »anhaltend« als prekär einzustufen – aber nicht beides.

In der »prekären Klasse« bilden Frauen im Haupterwerbsalter (25 bis 54 Jahre), häufig Mütter, die größte Teilgruppe. Sie wechseln von einem schlechten Job zum anderen, unterbrochen von kurzen Phasen der Erwerbslosigkeit. Die zweitgrößte Gruppe besteht aus Vätern, denen es auch bei regelmäßiger Erwerbstätigkeit nicht gelingt, »gemeinsam mit der Partnerin die Familie sicher zu versorgen«. Die drittgrößte Gruppe stellen junge Männer ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Allen drei Gruppen gelinge in dem zehnjährigen Beobachtungszeitraum keine nennenswerte Verbesserung ihrer prekären Lebens- und Erwerbsumstände; man könne diese soziale Gruppe deshalb als verfestigtes »Prekariat« bezeichnen. Nimmt man die »Gefährdeten« mit in den Blick, dann stehen 38 Prozent der deutschen Erwerbstätigen entweder ganz oder mit einem Bein im »Prekariat«.

Für diese Menschen sei, so die Studie, der Mindestlohn äußerst wichtig, auch wenn er die persönlichen Lebensumstände nicht nachhaltig verbessere, besonders nicht »bei größerer Kinderzahl oder zwei Geringverdienern im Haushalt«. Die Autoren plädieren deshalb für eine »solidarische« Lohn- und Steuerpolitik mit »Umverteilungskomponenten in Richtung von Geringverdienern«. Auch »regulatorische Eingriffe« seien geboten – etwa die Einschränkung von Befristungsmöglichkeiten und die Erleichterung des Zugangs zu Leistungen der Arbeitslosenversicherung für Menschen mit häufigen Erwerbsunterbrechungen.


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