Aus: Ausgabe vom 22.09.2018, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Es geht um Kohle

In Nordrhein-Westfalen will RWE Hunderte Hektar eines jahrtausendealten Waldes abholzen

Von Jannis Große
Eine Polizeikette sperrt den Tagebau Hambach ab. Die Reste des Forstes will RWE nun auch in eine Mondlandschaft verwandeln (16.9.)
Am Zugang zum Wald neben einer Kleingartenkolonie haben Aktivisten eine Sperre errichtet. Unüberwindlich wirkt sie nicht (11.9.)
Ein sogenannter Walkway verbindet zwei Unterkünfte im »Baumhausdorf Gallien«. Am Anfang der Woche wurde es von der ­Polizei geräumt. Am Mittwoch verunglückte in der Nähe ein Journalist tödlich (11.9.)
Einsatzkräfte bereiten sich auf die Räumung der Baumhäuser in der Siedlung »Der Norden« vor (13.9.)
Mit schwerem Gerät werden die Reste einer Barrikade beseitigt (13.9.)
Ein Aktivist baut an einer Seilverbindung zwischen Baumhaus und Tripod in »Lorien«, einem der letzten Dörfer, die noch nicht geräumt sind (12.9.)
Verfolgungsjagd: Ein Polizist läuft Aktivisten nach, die sich gegen die Räumung von Baumhäusern gewehrt haben sollen (13.9.)
Mit der »Aktion Unterholz« versuchen Aktivisten, erneut in den Wald zu gelangen. Die Polizei setzt gegen sie immer wieder Schlagstöcke ein (15.9.)
Mittagspause von Aktivistinnen und Aktivisten vor einem Räumpanzer nahe des ­Wiesencamps beim Waldspaziergang am vergangenen Sonntag

Der Hambacher Forst ist ein Wald bei Köln. Schon am nahegelegenen Bahnhof in Buir zeigt sich, dass er kein Wald wie jeder andere ist. Viele Graffiti und Sticker gibt’s vom »Hambi«, wie er oft nur genannt wird. Seit sechs Jahren ist er von Aktivisten besetzt, weil der Energiekonzern RWE seine Bäume fällen lassen will, um den Braunkohletagebau Hambach zu erweitern.

Am 13. September begann RWE mit Hilfe von Subunternehmen und der Polizei, die Baumhäuser und Blockaden im Wald zu räumen. Jeden Tag rückten sie weiter in das Gelände vor, räumten Barrikaden aus dem Weg, holten Menschen von sogenannten Tripods und fällten Bäume, um mit großen Kränen und Hubsteigern an die sogenannten Baumhausdörfer und Seilkonstruktionen heranzukommen. Von dort holten SEK-Kräfte und »Kletterpolizisten« dann die Aktivisten herunter.

Zehn solcher Plätze mit insgesamt rund 60 Baumhäusern gab es Anfang September im Hambacher Forst. Nach vier Tagen waren nach Polizeiangaben bereits 28 der mehr oder weniger improvisierten Unterkünfte geräumt. Doch immer wieder drangen Aktivisten erneut in den Wald vor, versammelten sich zu Sitzblockaden auf den Wegen und vor den Baumhäusern. Tausende demonstrierten in den ersten Tagen der Räumung und Abholzung auf den Feldern und Straßen am Hambacher Forst. Viele Familien und Menschen aus der Region beteiligten sich. Unterstützung kam von großen Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace. Sie alle kritisieren die Profitgier von RWE und setzen sich für den Klimaschutz ein. Bundesweit gibt es Solidaritätsaktionen.

RWE lässt den Wald räumen, denn ab Oktober will der Energiekonzern große Teile des verbliebenen Forstes abholzen lassen. Nach dem tödlichen Unfall eines Journalisten am vergangenen Mittwoch wurde die Aktion unterbrochen. Viele der Aktivisten gehen nicht freiwillig, wenn die Polizei an ihrem Baumhaus ankommt, sondern machen sich an sogenannten Lock-Ons fest, welche die Beamten zuerst entfernen müssen. Je nach Konstruktion und Ort des Lock-Ons kann diese Form des zivilen Ungehorsams sie mehrere Stunden aufhalten. Wenn der Wald ganz geräumt ist, soll er gegen erneute Besetzungen und Blockaden abgeriegelt werden. Damit auch das letzte Stück eines hier seit Tausenden Jahren bestehenden Ökosystems vernichtet werden kann.


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