Aus: Ausgabe vom 24.09.2018, Seite 4 / Inland

Kein Benzin im AfD-Tank

In Rostock protestierten am Samstag 4.000 Menschen gegen eine Kundgebung der rechten Partei

Von Kristian Stemmler
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Teilnehmer der Demo des Bündnisses »Rostock nazifrei« am Sonnabend in der Hansestadt

Björn Höcke schäumte. Über »erstarrte Altparteien«, »degenerierte Altgewerkschaften«, »verlotterte Amtskirchen« und die »versiffte Antifa« wetterte der thüringische AfD-Chef am Sonnabend auf dem Neuen Markt in Rostock. Für seinen Frust hatte er gleich mehrere gute Gründe. Zum einen standen den rund 700 Teilnehmern des von der AfD angemeldeten Aufzugs unter dem Motto »Für unser Land und unsere Kinder« nach Polizeiangaben rund 4.000 Gegendemonstranten gegenüber. Zum anderen mussten die Teilnehmer der rechten Demonstration nach knapp zwei Kilometern wegen einer Sitzblockade wieder umkehren. Anders als man es bisher bei rechten Aufmärschen gewohnt war, kam die Polizei, die einem Bericht des NDR zufolge 1.250 Beamte, mehrere Hundertschaften, zwei Pferdestaffeln, Wasserwerfer und Hubschrauber aufgeboten hatte, der Aufforderung des Anmelders nicht nach, die Blockade zu räumen.

Auch akustisch hatten Gegner der Rechten, die unter der Devise »Kein Schritt zurück – Für ein solidarisches Rostock!« angetreten waren, die Nase vorn. Anwohner störten die Kundgebung auf dem Neuen Markt mit lauter Jazzmusik. Und als hätte das noch nicht gereicht, fiel nach etwa 20 Minuten von Höckescher Redezeit der Generator der Lautsprecheranlage aus, vermutlich weil kein Benzin mehr im Tank war. Er musste seine Ansprache per Megaphon fortsetzen und war nur noch für einen Teil der Zuhörer zu verstehen, wie dpa am Sonntag berichtete.

Vor den Demonstrationen hatten die Religionsgemeinschaften der Hansestadt zu einer Andacht in die Marienkirche eingeladen, an der auch Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) teilnahm. »Mecklenburg-Vorpommern ist ein weltoffenes und freundliches Land. Und das wollen wir auch bleiben«, sagte sie laut dpa rund 800 Zuhörern. Dass die SPD mit Hartz IV und anderen wirtschaftsfreundlichen »Reformen« ihren Anteil am Rechtsruck in der BRD hat, erwähnte sie nicht. Der evangelische Schweriner Bischof Andreas von Maltzahn rief dazu auf, »Flagge zu zeigen und üblem Gerede zu widersprechen«. Er plädierte für eine Gesellschaft, »in der den Schwachen besondere Aufmerksamkeit gilt, in der nicht schrille Lautsprecher das Sagen haben, sondern Argumente zählen; eine Gesellschaft, in der Recht und Gerechtigkeit herrschen und nicht die Macht, sich durchzusetzen – ökonomisch oder demagogisch«.

Parallelen zu den rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichenhagen im Jahr 1992 zog Wolfgang Richter, früherer Ausländerbeauftragte Rostocks und Zeuge der damaligen Krawalle. Wie damals verschiedene Politiker, so versuche auch Höcke heute, mit Hass die Gesellschaft in ihrem Umgang mit Flüchtlingen zu spalten. »Es gab damals in Lichtenhagen die gleichen Parolen«, sagte Richter.

Unterdessen lieferten Unterstützer der Rechten in den »sozialen Medien« Fake News als Begleitmusik zu den Veranstaltungen. Auf Facebook wurde ein Video in Umlauf gebracht, das angeblich linke Ausschreitungen gegen die AfD-Veranstaltung in Rostock zeigt. Wie leicht zu erkennen ist, scheint in der Filmsequenz die Sonne, während es am Sonnabend in Rostock regnete. Auch dass man bereits in den ersten Sekunden hört, wie »ganz Salzburg hasst die Polizei« skandiert wird, passt nicht so ganz. Das Video war also offenbar eine Lieferung österreichischer Freunde. Kommentar eines Users auf der Facebook-Seite von »Rostock gegen Rechts«: »Einen zuviel beim Frustsaufen gehabt?«

(mit dpa)


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