Aus: Ausgabe vom 24.09.2018, Seite 4 / Inland

Kreativ gegen Fundamentalisten

Berlin: 3.500 Personen demonstrieren gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Feministinnen fordern Ende der Kriminalisierung

Von Sandra Schönlebe
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Vielfältig war der Protest gegen frauenfeindliche Ideologie am Sonnabend in Berlin, hier am Pariser Platz

Bereits zum 13. Mal haben evangelikale Christen am Sonnabend in Berlin einen »Marsch für das Leben« veranstaltet. Rund 3.500 Personen beteiligten sich an dem Aufzug, wandten sich gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und die Information darüber. Rund 700 Frauen und Männer forderten zur gleichen Zeit mit kreativen Aktionen die Streichung der Paragraphen 218 und 219 aus dem Strafgesetzbuch – und damit ein Ende der Kriminalisierung ungewollt Schwangerer und von Ärztinnen und Ärztinnen, die Abbrüche vornehmen. Parallel dazu veranstaltete das »Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung« eine Demonstration mit knapp 1.500 Teilnehmenden. Bereits am Freitag abend hatte eine vom linksradikal-feministischen Bündnis »What the Fuck« und der Gruppierung »Reclaim Clubculture« veranstaltete Demons­tration für das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper mit 1.000 Teilnehmenden stattgefunden.

»My body, my choice, raise your voice«, schallte es den selbsternannten Schützern vor allem des »ungeborenen Lebens« am Sonnabend entgegen. Die Demonstration der Abtreibungsgegner führte in diesem Jahr von Hauptbahnhof über die Friedrichstraße bis hin zum Hackeschen Markt und an der Spree entlang zurück zum südlichen Ende des Bahnhofs. Veranstalter war wie in den vergangenen Jahren der »Bundesverband Lebensrecht«. Der Marsch wurde von prominenten Bundestagsabgeordneten der CDU und der AfD, außerdem von der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, aber auch von einigen evangelischen Landesbischöfen per Grußwort unterstützt. Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, sprach sich zugleich für die konkrete Unterstützung von Schwangeren aus, um betroffenen Frauen Alternativen zu einer Abtreibung aufzuzeigen.

Bereits während der Auftaktkundgebung wurden die Abtreibungsgegner mit dem lautstarken Protest von etwa 250 Personen konfrontiert. Auch ein Chor begleitete die Veranstaltung mit eigens geschriebenen Liedern. Protestierende mischten sich unter die Christen und störten ihre Reden. Dagegen trat die Berliner Polizei ebenso rigoros auf wie in der Vergangenheit. Zivilbeamte und uniformierte Polizisten zogen unter Gewaltanwendung Menschen aus der Menge, die durch das Rufen von Parolen oder das Werfen von Konfetti aufgefallen waren. Insgesamt gab es 17 Festnahmen.

Gegen 14 Uhr setzte sich der Zug mit Hunderten Holzkreuzen in Bewegung. In der Hannoverschen Straße kam es zu einer Sitzblockade, an der sich 150 Personen beteiligten. Die Fundamentalisten konnten deshalb nur in Zweierreihen über den Gehweg laufen. Dadurch kam es zu riesigen Lücken im Demonstrationszug, der wenige hundert Meter später erneut stoppte, um diese zu schließen.

Von seiten der sich harmlos gebenden Gegner der weiblichen Selbstbestimmung kam es zu Provokationen und körperlichen Anfeindungen gegenüber Protestierenden. Festzustellen ist, dass sich die Anzahl der Teilnehmenden am »Marsch für das Leben« im Vergleich zum Vorjahr nicht verändert hat. 2016 hatten sich an der auch von Vertretern der evangelischen und katholischen Kirche kritisierten Veranstaltung noch doppelt so viele Menschen beteiligt.

Sarah Bach, Pressesprecherin des »What the fuck«-Bündnisses, zog am Samstag abend eine positive Bilanz: »Wir freuen uns, dass gestern und heute so viele Menschen auf der Straße waren, und das, obwohl das Wetter uns bei unserer Vorabenddemo einen ziemlichen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Die Proteste hätten Wirkung gezeigt, meinte Bach angesichts der vergleichsweise geringen Beteiligung am Zug der Abtreibungsgegner. Die Inhalte der Auftaktkundgebungen hätten gezeigt, dass »die Lebensschutzbewegung an den Antifeminismus der neuen Rechten anknüpft«, konstatierte Bach.

Auf der Kundgebung des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung, in dem neben Gewerkschafterinnen und Vertreterinnen von Verbänden wie »Pro Familia« auch Politikerinnen von Linkspartei, SPD und Grünen aktiv sind, wurde insbesondere die sofortige Streichung von Paragraph 219 a gefordert, der angebliche »Werbung« für den Schwangerschaftsabbruch durch Medizinerinnen und Mediziner unter Strafe stellt. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Ulle Schauws forderte, jede Frau müsse selbst über ihr Leben und ihren Körper bestimmen können, »ohne Druck, selbstbestimmt und bestmöglich informiert treffen können«. Diese Informationsmöglichkeiten würden durch Paragraph 219a »auf inakzeptable Weise eingeschränkt«. CDU und CSU lehnen eine Abschaffung der Regelung bislang ab.


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