Aus: Ausgabe vom 19.09.2018, Seite 11 / Feuilleton

Wie hältst du’s mit die Schwammerln?

Im Hambacher Forst wird gegen einen Energiekonzern gekämpft – der Film »Wackersdorf« erzählt eine ähnliche Geschichte aus den 80ern

Von André Weikard
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Der Widerstand des sozialdemokratischen Landrats besteht im Lesen von Büchern, im Besuchen von Protestveranstaltungen, im Geben von Zeitungsinterviews

Ob Geschichte sich wiederholt, sollen andere entscheiden. Im Jahr 2018, während im Hambacher Forst bei Köln der Widerstand gegen die Braunkohlerodung durch den Industriekonzern RWE wächst, macht ein Spielfilm namens »Wackersdorf« Parallelen sichtbar. Hier wie da geht es um hölzerne Hochsitze, die von Baggern abgerissen werden, um Waldspaziergänge und Protestcamps, um Industriepolitik, die sich mit dem Widerstand der Bevölkerung konfrontiert sieht.

Doch von vorn: Das bayrische 5.000-Seelen-Örtchen Wackersdorf wurde Mitte der 80er Jahre zum Symbol der Antiatomkraftbewegung und zum Waterloo der bundesdeutschen Atomindustrie. Die dort geplante Wiederaufbereitungsanlage für Brennstäbe wurde von starken und ausdauernden Protesten begleitet – bis der Bau 1989 eingestellt wurde.

Der Autorenfilmer Oliver Haffner hat für seinen Film zum Thema eine weniger aufgeregte Perspektive gewählt. Bilder von anrückenden Polizeihundertschaften, von zusammenkrachenden Bauzäunen oder gewaltigen Forstmaschinen, die durch den Wald pflügen wie Kampfpanzer, scheinen nur in einigen dokumentarischen Aufnahmen gegen Ende auf.

Haffner beschäftigt sich statt dessen mit einem inneren Kampf: dem des sozialdemokratischen Landrats Hans Schuierer (Johannes Zeiler). Der lässt sich erst vom Versprechen von »3.000 Arbeitsplätzen in weißen Kitteln« ködern und unterstützt die Ansiedlung der Aufarbeitungsanlage. Dann kommen ihm Zweifel. Haffner arbeitet eindrucksvoll die Szenen heraus, die im Provinzlandrat, einem gelernten Maurer, das Umdenken bewirken. Ein 200 Meter hoher Schornstein? Wozu das? Damit die radioaktiv verseuchten Dämpfe in höheren Luftschichten abgeladen werden und sich möglichst großflächig verteilen. Ein gesetzeswidriger Abriss eines Hochsitzes der Protestler auf deren Grundstück? Auch das kann die Polizei in der Strauß-Ära. »Fast wie bei die Nazis«, kommentiert der Landrat da schon entgeistert.

Als im Bayerischen Landtag aber kurzerhand die Gesetze geändert und alle Landräte in Bayern entmachtet werden, nur um den Bau der Anlage unabhängig von der Unterschrift des Sozen aus Wackersdorf zu machen, ist auch bei ihm der Ofen aus. Nachts im Bett stellt er seiner Frau die Gretchenfrage: »Wie hältst du’s mit die Schwammerln?« Gemeint ist: Was machst du, wenn du von einem Pilz nicht weißt, ob er giftig ist oder nicht? Ihre Antwort: »Dann bin ich sehr, sehr vorsichtig.«

Schuierers Widerstand besteht im Lesen von Büchern, im Besuchen von Protestveranstaltungen, im Geben von Zeitungsinterviews. Zu Anfang steht er damit in seiner Partei und im Ort verlassen da. In der Oberpfalz, wo Tonkrüge krachend aneinanderstoßen und der Landrat im Jankerl sich auf seiner Dorfplatzrede selbst verbessert, »Ich will … I wüll …«, haben viele auf Arbeit und Wohlstand gehofft, der mit dem Atom kommen sollte. »Geh doch rüber zu die Körnerlfresser«, schallts ihm entgegen. Der Sohn darf beim Fußball nicht mehr mitspielen, seine Fraktion im Gemeinderat tritt geschlossen zurück, und statt wie zu Beginn des Films mit den »Roten Radlern« im Rudel zu fahren, sieht man ihn alleine gegen den steilen Berg antreten. Und dann kommt Tschernobyl.

Haffners Politdrama in holzgetäfelten Amtsstuben entwickelt kaum emotionale Dynamik. Der Zuschauer soll nicht angefasst, nicht mitgerissen werden von Bildern von Tränengasbeschuss friedlicher Demonstranten mit Kindern oder Wasserwerfern im Einsatz. Es sind auch keine Atompilze, Strahlungsopfer o. ä. zu sehen. Haffner filmt statt dessen ganz ruhig, wie der CSU-Umweltminister seine Weißwurst zuzelt und auf den Landrat herabblickt, weil der sein Würsterl so ganz unbayrisch längs aufschneidet. Er stellt den Oberpfälzer neben den – im übrigen von Fabian Hinrichs grandios gespielten – Atomlobbyisten, lässt beide mit dem Blick über München und das Olympiastation schweifen. »Es gibt immer die Bedenkenträger, die Rückwärtsdenker«, sagt der Industriefreund, »aber wir zwei gemeinsam können etwas bewegen. Wenn es sein muss gegen alle Widerstände. Gegen alle Widerstände.«

Dazu kam es nicht. Der Film erzählt es im Abspann. Der Widerstand setzte sich durch. Wackere Wackersdorfer und Umweltschützer, unterstützt von Zehntausenden Demonstranten, stoppten den Bau. Drei Menschen starben, ehe der Energieriese Eon sich zurückzog.

Im Hambacher Forst kämpfen derzeit Umweltaktivisten für ein zweites Wackersdorf. Dass der Kinostart dieses Films mit dem Räumungsbeginn durch die Polizei zusammenfällt, verleiht »Wackersdorf« eine besondere Brisanz. Den Aktivisten mag er Bestärkung, allen anderen ein Weckruf sein.

»Wackersdorf«, Regie: Oliver Haffner, BRD 2018, 122 Minuten, Kinostart: 20.9.


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