Aus: Ausgabe vom 17.09.2018, Seite 1 / Titel

»Wir sind keine Sklaven!«

Streik auf Istanbuler Flughafenbaustelle. Militärpolizei löst Proteste auf und verschleppt Hunderte Arbeiter

Von Nick Brauns
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Angriff auf Gewerkschafter: Polizisten attackieren eine Solidaritätskundgebung am Samstag in Istanbul

Die türkische Polizei hat in der Nacht zum Samstag Hunderte Arbeiter festgenommen, die rund einen Monat vor der geplanten Eröffnung des dritten Flughafens in Istanbul für bessere Arbeitsbedingungen auf der Baustelle demonstriert hatten. Auslöser des spontanen Ausstandes von Tausenden Bauarbeitern am Freitag sei der Unfall eines Shuttlebusses gewesen, bei dem am Mittwoch 17 Arbeiter verletzt worden waren, berichteten Beschäftigte gegenüber der sozialistischen Tageszeitung Evrensel. Kurz davor seien bereits zwei Männer schwer verletzt worden, als sie von einem Dach stürzten.

»Wir werden nicht zulassen, dass die Baustelle zu einem Sklavencamp wird«, heißt es in einer Erklärung der Bauarbeitergewerkschaft Insaat-Is mit den Forderungen der Streikenden. Der Protest richtete sich nicht nur gegen die unzureichenden Sicherheitsbedingungen auf der Baustelle, sondern auch gegen schlechte Essensversorgung und unhygienische Zustände in den Wohncontainern. Dort wimmelt es nach Angaben der Arbeiter von Flöhen und Bettwanzen. Außerdem fordern die Beschäftigten ihre teilweise seit einem halben Jahr ausstehenden Löhne. Doch zahlreiche Subunternehmer sind bankrott gegangen aufgrund des Absturzes der Türkischen Lira, die seit Jahresbeginn 40 Prozent ihres Wertes gegenüber Euro und US-Dollar verloren hat.

Am Freitag hatte die Polizei zunächst eine Protestkundgebung auf der Baustelle mit Tränengas aufgelöst. Am Abend behauptete das Bauunternehmen IGA noch, auf die Forderungen der Streikenden einzugehen, doch Insaat-Is dementierte das im Internet: Eine Einigung habe es nicht gegeben, und man setze den Ausstand fort. Gegen Mitternacht stürmten dann Einheiten der Jandarma, die mit Wasserwerfern aufgefahren waren, die Schlafcontainer der Streikenden. Rund 600 Arbeiter, darunter auch Gewerkschafter, wurden festgenommen und in Bussen in verschiedene Kasernen der Militärpolizei verschleppt.

Die Containersiedlung habe wie ein Gefangenenlager ausgesehen, kommentierte Ali Bayar, Abgeordneter der linken Oppositionspartei HDP, nach weiteren Festnahmen am Samstag. Im Internet verbreitete sich die Parole »Köle Degiliz« (Wir sind keine Sklaven). Weit entfernt von der Flughafenbaustelle im Istanbuler Stadtteil Kadiköy, unterband die Polizei am Samstag eine öffentliche Pressekonferenz von Insaat-Is und der Revolutionären Bauarbeitergewerkschaft Dev-Yapi-Is. Zahlreiche Teilnehmer wurden verhaftet. Trotz des Angriffs setzten nach Angaben von Evrensel rund 2.000 Arbeiter auch am Samstag ihren Ausstand fort, während die Jandarma Panzerfahrzeuge auf der Baustelle stationierte.

Der dritte Istanbuler Flughafen, der mit sechs Landebahnen und einer geplanten jährlichen Kapazität von 200 Millionen Reisenden der größte Flughafen der Welt sein wird, steht an der Spitze großangelegter Bauvorhaben des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Mehr als 30.000 Arbeiter bauen daran rund um die Uhr. Die Eröffnung soll bereits am 29. Oktober, dem türkischen Nationalfeiertag, stattfinden. Özgür Karabulut, Vorsitzender der Dev-Yapi-Is, sprach gegenüber der Presse von einem »unfassbaren Produktionsdruck«. Fast täglich verunglückten Lastwagen oder Busse. Im Februar hatte die liberale Zeitung Cumhuriyet gemeldet, dass während der rund vierjährigen Bauzeit bereits 400 Arbeiter tödlich verunglückt seien. Das Arbeitsministerium dementierte diese Zahl und sprach von lediglich 27 Toten.


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