Aus: Ausgabe vom 15.09.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Future Fake News

Von Arnold Schölzel
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Kriegspropaganda im Blätterwald

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) berichtete auf Seite eins über das Interview mit dem Verfassungsschutzchef, das Bild am 7. September veröffentlicht hatte: »Maaßen sprach sich mit Innenministerium ab«. Dennoch erzeugten Medien und Politiker danach die gespannte Erwartung, Horst Seehofer werde seinen Untergebenen entlassen. Ein typischer Fall von gezielter Falschmeldung aus der Zukunft. Denn gehen können nach ihrer Inszenierung nur beide.

Bei den Future Fake News handelt es sich neben den »alternativen Fakten« Donald Trumps und der platten Lüge, die Seehofer und Maaßen bevorzugen, um eine dritte Spezies von Politmärchen, wie sie gerade populär sind: »Deutschland schafft sich ab« (Thilo Sarrazin), die »Islamisierung des Abendlandes« ist im Gange (Pegida), »Das Abschlachten geht weiter« (Alice Weidel, AfD, nach der Tötung eines Deutschkubaners in Chemnitz) etc.

Ob Maaßen der AfD riet, sich auf Zukunftsfakten zu konzentrieren und die über Twitter, Facebook und Co. zu »melden«, ist unbekannt. Es läge aber bei ihm, der Edward Snowden als russischen Spion bezeichnet, wenn auch nicht entlarvt hat, nahe. Snowden hatte gezeigt, dass das Internet so ziemlich im Besitz der Geheimdienste von USA, Großbritannien und des Westens ist. Er muss in der Logik Maaßens ein Söldner sein.

Im Bild-Interview verfuhr er nach dem Satz, den sein Vorgesetzter dem Wörterbuch des Unmenschen entnommen hatte: »Ich bin froh über jeden, der bei uns in Deutschland straffällig wird und aus dem Ausland stammt. Auch die müssen das Land verlassen.« Ebenfalls in der FAS analysierte Volker Zastrow, das darin erkennbare Motiv Seehofers sei auch das Maaßens, den der Innenminister »wohl in Marsch gesetzt« habe. Denn: »Wenn die Videos, die zweifellos Hetzjagdszenen zeigen – weil darin aus dem Ausland stammende ›Kanacken‹ von einem Rudel offensichtlich gewaltbereiter Extremisten bedroht und verfolgt werden –, laut Maaßen ›gefälscht wurden, um möglicherweise die Öffentlichkeit von dem Mord in Chemnitz abzulenken‹, beklagt Maaßen dann die angebliche Fälschung oder die angebliche Ablenkung? Wäre ihm die Ablenkung genehm, wenn die Videos echt sind? Oder behauptet er die Fälschung nur, um die Aufmerksamkeit auf die Bluttat zurückzulenken? Dann doch wohl, weil ihm eine Diskussion über aus dem Ausland stammende Straftäter wichtiger erscheint als eine über aus dem Inland stammende Nazis oder besorgte Bürger.«

Zastrow fügt dem hinzu: »Wenn es nur so einfach wäre, die voneinander zu unterscheiden. Selbst im Mai 1945, als mit triftigen Gründen Millionen Nazis in Deutschland vermutet wurden, fand sich dann kaum einer. Allerdings wimmelte es von besorgten Bürgern. Schon damals waren besorgte Bürger, in denen sich Nazis verbargen, nicht leicht von denen zu unterscheiden, in denen keine steckten.« Zastrows Ratschlag, den er nicht nur an Seehofer und Maaßen richtet, sondern allgemein formuliert: »Jedenfalls kann man keine besorgten Bürger angeln, indem man Nazis ködert.« Was voraussetzt, dass das Ködern von Nazis Handlungsmaxime mindestens des Innenministers und seines Geheimdienstlers ist. Tatsächlich ist es Herrschaftstechnik in der Bundesrepublik seit ihrer Gründung: Die Monopole blieben, Nazis wurden immer wieder gebraucht.

Zunächst waren Sowjetunion, DDR und andere sozialistischen Staaten stets gut für gezielte Falschmeldungen aus Gegenwart und Zukunft. Das half, Remilitarisierung und NATO-Hochrüstung mit Hilfe von Nazis und besorgten Bürgern durchzusetzen. Drei Tage nach dem Maaßen-Interview berichtete Bild über deutsche Pläne, sich am Krieg in Syrien direkt zu beteiligen. Zur Begründung dienten Future Fake News aus der syrischen Provinz Idlib.

Drei Tage nach dem Maaßen-Interview berichtete Bild über deutsche Pläne, sich am Krieg in Syrien direkt zu beteiligen. Zur Begründung dienten Future Fake News aus der syrischen Provinz Idlib.

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