Aus: Ausgabe vom 15.09.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Der Streik lief gut, besser als erwartet«

Mitglieder eines Gefangenenkollektivs ziehen Bilanz ihrer Aktionen

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East Baton Rouge Parish Prison in Lousiana

»It’s Going Down«, eine Website des »Digitalen Kommunikationszentrums anarcho-antifaschistischer Bewegungen«, veröffentlichte am 3. September ein Interview mit Vertretern des Netzwerks »Jailhouse Lawyers Speak«. Aus Gründen der persönlichen Sicherheit blieben die Namen der Beteiligten ungenannt. Wir dokumentieren Auszüge

Der Streik in zahlreichen Gefängnissen machte Schlagzeilen in den USA. Wie lief die Aktion?

Der Streik lief gut, besser als erwartet. Auch Gefangenen, die nicht daran teilnahmen, machte er wieder die Bedingungen bewusst, unter denen wir eingesperrt sind. Wir haben der Welt klargemacht, dass wir bereit sind, für Veränderungen zu kämpfen.

An Solidaritätsaktionen gab es Gruppen mit Transparenten auf Autobahnbrücken, lautstarke Kundgebungen vor Knästen und Proteste vor den Strafvollzugsbehörden. Was denken Gefangene über die große Unterstützung von außen?

Die Unterstützung außerhalb der US-Konzentrationslager war phänomenal. Ohne die mutigen Aktionen unserer Unterstützer wären der Streik und unsere Forderungen nicht bekannt geworden. Das hat nicht nur die Gefangenen begeistert, sondern es ließ die Bürger, die sich sonst nicht für das interessieren, was hinter den Mauern läuft, innehalten, um herauszufinden, was dort vor sich geht.

Der Streik wurde auch von kanadischen Häftlingen und in einem Lager in Tacoma, Washington, aufgegriffen. Wie kam es dazu?

Das Tempo, in dem sich der Streik auf US-Territorium und insbesondere außerhalb des Landes ausbreitete, sagt uns, dass die Bewegung, die den Kampf in den US-Knästen führt, inzwischen internationales Ansehen genießt. Darin zeigt sich auch das universelle Leiden von Gefangenen auf der ganzen Welt. Und wie die US-Gefangenen sind auch andere bereit, den ganzen Scheiß niederzubrennen.

Beim Stichwort »Gefängnis« denken heute viele zuerst an »Rassen- und Bandenkriege«. Wie wurde bei der Organisierung und Durchführung des Streiks an der Überwindung dieser Trennungslinien gearbeitet, um gegen die Bedingungen, unter denen gemeinsam gelitten wird, vorgehen zu können? Gibt es jetzt einen größeren Zusammenhalt unter den Gefangenen?

Der Streik richtete sich direkt gegen die Knastbürokratie, aber auch gegen Häftlinge, die anscheinend von der aus rassistischen und sexistischen Motiven betriebenen Spaltung unter Gefangenen profitierten. Mit dem Streik stoßen wir diese Mitgefangenen drauf, dass es an der Zeit ist, sich auf die wahren Ursachen der Wut, Frustration und Depression der Gefangenenklasse zu konzentrieren. Dafür sind nicht die Gefangenen verantwortlich, sondern die Knastbürokraten und Gesetzgeber. Sie legen die sozialen Bedingungen für die Gefangenen fest. Eines der stärksten Repressionsinstrumente besteht darin, die Angehörigen der arbeitenden Klasse so weit zu bringen, dass sie konstant gegeneinander Krieg führen. Hinter den Kulissen arbeiten wir mit Organisationen draußen daran, gemeinsam etwas gegen die Gefängnisse aufzubauen. Aber das steckt alles noch in den Anfängen.

Wie hat das Gefängnissystem auf den Streik reagiert?

Das lief wie vermutet. Die Schlägertrupps der Schließer stellten alles auf den Kopf. Wer verdächtigt wurde, den Streik oder irgendwelche Formen von Widerstand anzuführen, wurde sofort isoliert, Post wurde aufgehalten oder zurückgeschickt, persönliche Habe beschlagnahmt, und wir haben auch einige Übergriffe von Wärtern auf Gefangene festgestellt. Nach dem Ende des Streiks wird es noch einige Zeit dauern, bis wir alle persönlichen Horrorgeschichten erfahren.

Was kommt als nächstes nach dem Streik?

Wir werden unsere Forderungen weiterverfolgen. Dazu könnte es im nächsten Jahr einen weiteren Streiktermin geben. Wir wollen sicherstellen, dass wir gehört werden. Die Leute draußen können sicher sein, dass wir nicht lockerlassen. Viel zu viele Gefangene sind bereits gestorben, und weitere werden sterben, wenn wir uns mit diesen Verhältnissen abfinden. Wir danken allen für ihre Unterstützung. Die Organisierung unserer Bewegung hinter den Mauern kommt besser voran, wir vernetzen uns über ausgeklügelte Kommunikationskanäle. In den kommenden Jahren werden wir härter daran arbeiten, das Sklavensystem des gefängnisindustriellen Komplexes zu demontieren. Alle Macht dem Volke!

Übersetzung: Jürgen Heiser

Das vollständige Original (in englischer Sprache) unter kurzlink.de/goingdown


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