Aus: Ausgabe vom 13.09.2018, Seite 11 / Feuilleton

Das einzige Hindernis

Funktionsweise des Kapitalismus, drei Ebenen: »Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm« im Kino

Von Kai Köhler
brechts-dreigroschen-film-9.jpg
»Die faschistische Variante, die am Ende droht, droht auch uns« (Joachim Król als Peachum)

»Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral« – solche Zeilen trugen 1928 zu dem nicht unproblematischen Erfolg von Bertolt Brechts und Kurt Weills »Dreigroschenoper« bei. Ein Teil des Publikums, dem sie die Maske des Idealismus herunterreißen wollten, fand es tatsächlich bequemer, ohne Moral zu fressen. Der antiimperialistische »Kanonensong« wurde ob seiner Schmissigkeit ein Hit, und den Satz mit den Verhältnissen, die leider nicht so sind, dass man gut sein könne, zitiert heute jeder Schurke, der von Brecht sonst nichts kennt.

Als zwei Jahre nach der Uraufführung die Nero-Film AG das Recht erwarb, die Oper ins Kino zu bringen, sicherten sich Brecht und Weill vertraglich das Recht zur Mitwirkung am Drehbuch. Unter dem Titel »Die Beule« entwarf Brecht ein Exposé, das die politische Tendenz verschärfte. Die Handlung ist aus der frühen Neuzeit ins kapitalistische England des 19. Jahrhunderts verlegt, der Räuber Macheath wechselt am Ende ins einträglichere und sicherere Bankgewerbe. Neu ist auch ein »Traum des Polizeipräsidenten«: nämlich wie die Massen der Armen alle seine Absperrungen durchbrechen. Dieser Dreigroschenfilm hätte die Funktionsweise des Kapitalismus und eine mögliche Revolution gezeigt.

Ob das Szenario zu weit von den vermuteten Publikumswünschen entfernt war oder die Verantwortlichen die politische Tendenz erkannten – »Die Beule« kam nicht auf die Leinwand. Statt dessen wurde eine harmlosere Version umgesetzt, die sich enger an dem Bühnenwerk orientierte. Brecht, so die Argumentation der Filmgesellschaft, habe nicht wie vereinbart am Drehbuch mitgewirkt und deshalb seine vertraglichen Rechte verloren.

Dagegen klagten Brecht und Weill; später bezeichnete Brecht den Prozess als »soziales Experiment«, das er zu dem Zweck unternommen habe, den Verlust bürgerlicher Kunstideale zu belegen. Gegen den Anspruch von Dichter und Komponist auf geistiges Eigentum standen die 800.000 Reichsmark, die in die Verfilmung investiert worden waren. Tatsächlich fiel das Urteil zugunsten des Geldes aus.

Brecht nahm dies zur Grundlage einer ausführlichen Schrift. Im »Dreigroschenprozess« analysierte er, wie im Kapitalismus die Kunst notwendigerweise zur Ware wird, das Fressen – nämlich das Recht auf Profit – die Moral verdrängt, nämlich das Gerede von künstlerischen Werten, von der Individualität des dichtenden Subjekts, vom Ästhetischen als eigenständigem Bereich. Doch ist dies keine kulturpessimistische Klage. Dass das große Individuum ausgedient hat und die Arbeit im Kollektiv stattfindet, dass neue Medien neue Sichtweisen auch in den alten Medien erzwingen, gilt Brecht vielmehr als positive Veränderung. Nur die Produktionsverhältnisse verhindern die nötige Konsequenz. Und so heißt es: Was der Kapitalismus »Nützliches tut, tut er für sich, aber deshalb ist es doch nicht nur für ihn nützlich. Die Wirklichkeit kommt dann an den Punkt, wo das einzige Hindernis für den Fortschritt des Kapitalismus der Kapitalismus ist.«

Wenn der TV-Mann und Brecht-­Kenner Joachim A. Lang nun verspricht, mit seinem Kinofilm »Mackie Messer« endlich »Brechts Dreigroschenfilm« umzusetzen, spielen alle diese Ebenen eine Rolle. Und wirklich entsteht ein vielschichtiges neues Werk. Eine erste Ebene zeigt, wie die Künstler Brecht und Weill Konsequenzen aus dem zwiespältigen Erfolg ihres Bühnenwerks ziehen, besonders Brecht führt den Prozess gegen die Filmfirma als gesellschaftliche Versuchsanordnung durch. Die zweite Ebene bildet der von Brecht skizzierte Dreigroschenfilm. Dabei bildet »Die Beule« zwar die Grundlage, doch ergänzt Lang den Verlauf durch Szenen aus der früheren Bühnenfassung. Drittens kommen wenige, doch prägnante Sequenzen neu hinzu, die die politische Entwicklung der Handlungszeit zum Thema haben. Das Massaker, das in Berlin der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel zum Tag der Arbeit 1929 an kommunistischen Demonstranten veranstalten ließ, wird ebenso Thema wie der Aufstieg des Faschismus.
Das klingt kompliziert und ist doch in Langs Umsetzung unmittelbar wirksam. Die Filmhandlung von 1930 und der Film im Film erhellen sich gegenseitig. Das klappt, weil es auf allen Ebenen um dasselbe Thema geht: die Funktionsweise des Kapitalismus. Dabei wird deutlich, dass der Faschismus nicht im Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft steht, sondern in bestimmten Lagen seine Konsequenz ist.

Lang zeigt auch die filmischen Qualitäten von Brechts Exposé. Der »Traum des Polizeipräsidenten« ist ganz vom bewegten Bild her gedacht, und auch die Verwandlung der Ganoven in Banker wäre so auf der Theaterbühne nicht möglich. Bei Lang wechselt nicht nur die Kleidung, sondern das viktorianische London wird zur modernen Finanzmetropole; die faschistische Variante, die am Ende droht, droht auch uns.

Der Film hat Mängel. Vor allem setzt er zu sehr auf Schauwerte. Das überzeugt manchmal: Die Hochzeit von Macheath ist eine so prachtvolle Machtdemonstration, wie Brecht sie für den Film wollte, und sehr wirksam ist die düster-weite Halle, in der der Bettlerchef Peachum seine Zentrale hat. Doch stört mehrfach ein funktionsloses Ballett. Auch übernimmt Lang vom Hurenmilieu der Bühnenfassung mehr, als Brecht für den Film vorsah und als für den neuen Zweck sinnvoll ist.

Schwach ist die hinzukomponierte Musik. Die Songs von Weill geben eine Höhe vor, an der immerhin ein ehrenvolleres Scheitern vorstellbar gewesen wäre. Jedoch mit Musik gar manchmal Hintergrundstimmung zu erzeugen, bleibt weit hinter Brechts folgendem Filmprojekt – »Kuhle Wampe« mit Musik von Hanns Eisler – zurück. Mit etwas mehr Mut zur ästhetischen Konsequenz hätte »Mackie Messer« ein Meisterwerk werden können, auch so ragt das Werk filmisch wie politisch sehr weit über die Durchschnittsproduktion hinaus.

»Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm«, Regie: Joachim A. Lang, BRD/Belgien 2018, 136 min, Kinostart: heute

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Feuilleton