Aus: Ausgabe vom 11.09.2018, Seite 11 / Feuilleton

Musikalische Verzweiflung

»Kugelgestalt der Zeit«: Bernd Alois Zimmermann beim Musikfest Berlin

Von Kai Köhler
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»Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne«: Die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Waleri Gergijew

Das Jahr 1945 wurde in der Welt der westdeutschen klassischen Musik gerne als Nullpunkt ausgegeben. Zwar blieben Komponisten wie Carl Orff und Werner Egk, die sich dem Faschismus angebiedert hatten, weiterhin Publikumslieblinge. Als tonangebend galten jedoch jüngere, die einen Fortschritt des Tonmaterials absolut setzten. Fortschritt hieß: möglichst komplexe Organisation aller Ebenen, also Tonhöhe, Rhythmus, Klangfarbe, Lautstärke – und dies ohne Rücksicht darauf, was der Hörer davon wahrnehmen konnte.

Der 1918 geborene Bernd Alois Zimmermann war jünger als die Anpasser; gleichzeitig war er ein Jahrzehnt älter als die Avantgardisten, die das Recht der Musikgeschichte auf ihrer Seite wähnten und seine Musik lange verachteten. 1940 wurde er zum Militärdienst im Zweiten Weltkrieg verpflichtet und erlebte so äußerste Gewalt.

Vielleicht führte dies dazu, dass seine Werke, so streng sie organisiert sind, unverkennbar etwas mitteilen sollen. Auch dass er zum Gelderwerb eine große Menge an Gebrauchsmusik für Rundfunk, Bühne und Fernsehen schrieb, bewahrte ihn vor der Abstraktion. In vielen seiner Werke durchmischen sich die Musikgenres. Eine, so Zimmermann, »pluralistische Kompositionstechnik« mit Zitaten und Montage soll der »Vielschichtigkeit unserer Wirklichkeit« entsprechen.

Dabei bleibt die Gewalterfahrung zentral. Nicht nur in den beiden Hauptwerken – der Oper »Die Soldaten« nach Jakob Michael Reinhold Lenz und dem »Requiem für einen jungen Dichter« – sind Dokumente von Gewalt verschiedenster Zeiten zusammengefügt. Der Protest gegen das Bestehende ist eindrucksvoll, doch ganz ohne Ansatzpunkt für eine Veränderung.

Ebenfalls zentral ist die, so Zimmermann, »Kugelgestalt der Zeit«. Alles ist gleichzeitig da. Damit ist ein Fortschrittsverhältnis von Ursache und Wirkung geleugnet. Doch wird vieles hörbar, was gleichwohl wichtig ist: In der Gegenwart ist die Vergangenheit präsent, als Erinnerung. Und auch die Zukunft ist da, als Erwartung. Die »Kugelgestalt der Zeit«, so falsch sie objektiv ist, hat doch ihre subjektive Wahrheit.

Das Musikfest Berlin nimmt den 100. Geburtstag Zimmermanns zum Anlass eines Schwerpunkts. Das frühe Violinkonzert wird am kommenden Wochenende von den Berliner Philharmonikern aufgeführt, und die einzige Sinfonie, die Zimmermann geschrieben hat, gab es bereits in der Erstfassung von 1951 zu hören, die noch rauher klingt als die spätere Überarbeitung. Die panisch aufgeladenen Gesten des deutschen musikalischen Expressionismus sind hier kombiniert mit Strawinskys rhythmischer Härte, und eine grell hineinklingende Orgel trägt das Ihre zum zwanzig Minuten kaum je nachlassenden Getümmel bei. Konzertbesucher der 50er Jahre, deren Weg durch noch nicht wieder aufgebaute Innenstädte führte, dachten unweigerlich an den eben vergangenen Krieg und an den, der mit der geplanten Wiederaufrüstung unmittelbar drohte. Dem Philharmonischen Orchester Rotterdam unter Yannick Nézet-Séguin gelang, bei aller nötigen Vehemenz, die ebenso nötige Durchhörbarkeit. Die Monotonie des Schreckens wurde dadurch vermieden.

Ebenso mustergültig waren die Aufführungen zweier später Kompositionen durch das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Donald Runnicles. Das großbesetzte, eine fast ungeschlachte Dynamik entfaltende »Photoptosis« und das fast kammermusikalisch klingende Stück »Stille und Umkehr« wirken auf den ersten Blick gegensätzlich. Gemeinsam ist ihnen die strenge Organisation von Zeit, wie überhaupt beim Komponieren das Regelhafte erst Freiheit eröffnet. Insgesamt wirken diese Werke abstrakter als die Sinfonie: Die »Kugelgestalt der Zeit« ist durch die Schichtung statischer Töne und lebhafter Figuren sowie durch die Verschiebung der beiden Ebenen zueinander erreicht. Runnicles verdeutlichte, wie Gegensätze zur Entwicklung führen, und in ihnen (statt in ungewöhnlichen, dabei stets genau ausgehörten Klängen) das Fortschrittliche liegt.

Die letzte Komposition Zimmermanns vor seinem Suizid im Jahr 1970, die »ekklesiastische Aktion« mit dem Titel »Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne«, verwendet biblische Texte und die Erzählung »Der Großinquisitor« aus Dostojewskis »Die Brüder Karamasow«. Hier vermittelt, von den Münchner Philharmonikern unter Waleri Gergijew markant begleitet, vor allem der Text die Bedeutung. Die Geschichte vom kirchlichen Inquisitor, der den wiedergekehrten Christus bewusst verfolgt, weil die Menschen nicht für dessen Freiheit gemacht seien, der sein Opfer aber doch entlässt, verliert bei Zimmermann ihre Ambivalenzen. Er erzählt eine Geschichte von Gewalt und Widerstand, bis hin zu einer Performance, die auf die Proteste der 68er bezogen ist. Aber auch der Widerstand ist Gewalt, und so bleiben nur Klage und Trauer. Diesem Gedanken sollte man nicht folgen; das ästhetische Niveau, auf dem Zimmermann ihn gestaltet hat, nötigt aber Respekt ab.

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