Aus: Ausgabe vom 11.09.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Schrumpfkurs bei T-Systems

Telekom-Tochter will bis 2020 6.000 Stellen in der Bundesrepublik abbauen und rund 200 Bürostandorte schließen

Von Bernd Müller
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Im sachsen-anhaltinischen Biere betreibt T-Systems auf 150.000 Quadratmetern Nutzfläche eines der größten Rechenzentren der Telekom

Der Telekom-Tochter T-Systems steht ein großer Stellenabbau bevor. Bis Ende 2020 will das Unternehmen weltweit rund 10.000 Stellen streichen, davon allein rund 6.000 in Deutschland. Möglich gemacht hat das ein Kompromiss zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung, der die Tarifverhandlungen im Unternehmen erheblich belastet.

»Wir haben uns geeinigt, dass bis Ende 2020 insgesamt 3.765 Stellen abgebaut werden«, sagte Gesamtbetriebsratschef Thomas Schneegans dem Handelsblatt (Montagausgabe). Sollte das Unternehmen bis dahin nicht mehr Umsatz und Gewinn machen, könne der Abbau weiterer 1.200 Stellen anstehen. Zudem hätten schon einige hundert Mitarbeiter die Firma verlassen.

Drei Wochen hatte die Unternehmensleitung im August mit den Betriebsräten verhandelt, heißt es in dem Handelsblatt-Bericht, bis dann Ende des Monats der »Interessenausgleich und Sozialplan« unterschrieben wurden.

Der Plan sieht vor, dass sich in den nächsten Wochen vor allem Angestellte aus der Verwaltung im Rahmen eines »Anbietungsverfahrens« auf neue Stellen innerhalb des Unternehmens bewerben sollen. Die meisten von ihnen werden aller Wahrscheinlichkeit nach keine neue Stelle finden. Denn auf rund 3.000 Bewerber kommen nur 1.200 Stellen.

In einem Interview mit der Computerwoche wurde T-Systems-Chef Adel Al-Saleh in der vergangenen Woche deutlicher. Über firmeninterne Kanäle würden die Mitarbeiter aufgefordert, sich auf die offenen Stellen, die es unter anderem in den Bereichen IT-Sicherheit oder Clouddienste gebe, zu bewerben. Doch viele »dieser Mitarbeiter haben leider nicht das erforderliche Wissen für die Stellen, über die wir reden«. Viele von ihnen verstünden IT-Systeme nicht, könnten nicht programmieren und seien nie dafür trainiert worden, ein solches System zu betreuen.

Alle, die im Zuge dieser Ausschreibung keine neue Stelle bekommen, könnten in eine Servicegesellschaft der Telekom wechseln. Einen »Abschiebebahnhof« für diese Mitarbeiter solle es nicht geben, sagte Thomas Schneegans. Das Gehalt werde ihnen weitergezahlt, »bis sie eine neue Stelle gefunden haben«. Außerdem würden sie fortgebildet, so dass sie sich auf andere Stellen innerhalb und außerhalb des Konzerns bewerben könnten. Für andere wurde ein Abfindungsprogramm aufgelegt, und ältere Beschäftigte könnten auch in Altersteilzeit wechseln.

In den kommenden zwei Jahren plant das Unternehmen, weitere 2.000 Arbeitsplätze in Länder mit niedrigeren Löhnen auszulagern. Etwa nach Indien oder Ungarn, hieß es am Freitag in der Süddeutschen Zeitung. 2.000 weitere Stellen sollen im Zuge einer stärkeren Automatisierung ersatzlos wegfallen. Wenn der Verlagerungsprozess beendet ist, sollen zwischen 30 und 40 Prozent weniger Managementpositionen bestehen. Von acht Hierarchieebenen sollen noch drei bis fünf übrigbleiben. Von 1.500 Organisationseinheiten sollen lediglich 500 bestehen bleiben.

Neben dem Stellenabbau soll auch die Zahl der Unternehmensniederlassungen reduziert werden. Aktuell unterhält T-Systems rund 230 Bürostandorte in über 100 Städten. Mit Blick auf die Konkurrenz soll diese Zahl verkleinert werden: »Blicken Sie auf die Wettbewerber, niemand unterhält mehr als fünf bis zehn Niederlassungen hierzulande«, sagte Al-Saleh im Interview. Außerdem würden heute bereits 90 Prozent der Angestellten an 22 Standorten arbeiten. Mit den Betriebsräten habe man sich schließlich auf eine neue Standortstruktur geeinigt, der zufolge das Unternehmen künftig in 25 Städten vertreten sein soll.

Die Einigung beim Stellenabbau gilt als Etappensieg für Al-Saleh, der T-Systems für den internationalen Konkurrenzkampf fit machen soll. Das Unternehmen kämpft wie einige Rivalen auch mit Überkapazitäten und hat Mühe, Gewinn zu erzielen. Der Stellenabbau soll rund 600 Millionen Euro Kosten einsparen. Darüber hinaus will Al-Saleh die Telekom-Tochter bis Jahresende mit einem Fokus auf »Wachstumsfelder« wie IT-Sicherheit und Clouddienste neu aufstellen.

Bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi stößt Al-Salehs Umstrukturierungsplan nicht auf Gegenliebe. Bundesfachgruppenleiter Michael Jäkel sagte gegenüber jW, der Plan enthalte keine Strategieziele. Der Plan baue vor allem auf den Stellenabbau, aber wie das Unternehmen nach 2020/21 wieder Gewinne erwirtschaften wolle, sei unklar.

Darüber hinaus werden die aktuellen Tarifverhandlungen durch den Umbauplan belastet. Letzte Woche ging die fünfte Verhandlungsrunde ergebnislos zu Ende, sagte Jäkel. Verdi verhandelt seit Monaten mit dem Management über einen neuen Tarifvertrag für 11.000 Beschäftigte in Deutschland. Der derzeitige Tarifvertrag schützt die Angestellten nur bis Jahresende vor betriebsbedingten Kündigungen. Verdi fordert nun, den Kündigungsschutz bis 2020 bedingungslos fortzuführen, so Jäkel. An diesem Punkt stelle sich die Unternehmensleitung aber quer. Diese wolle den Kündigungsschutz nur gewähren, wenn bestimmte Kennzahlen beim Personalabbau erreicht würden. Anderenfalls solle er sofort enden.


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